Mutiger Fotograf
Im Jahr 1945 geht fast jeden Tag ein Mann durch die Berner Altstadt, der trotz seines schlichten Anzugs auffällt. Er ist gross und schlank, hat eine Stirnglatze und ungebändigtes Haar, trägt eine Leiter über der Schulter und einen Kasten mit Stativ in der Hand.
Es ist Martin Hesse, freier Fotograf und jüngster Sohn des Schriftstellers Hermann Hesse. Im Auftrag des Kantons Bern wird er sein Leben lang Kunst- und Baudenkmäler fotografieren. Gerade arbeitet er am Berner Münster.
Mit seinem Fotoapparat dokumentiert er die Steinmetzarbeiten an der Fassade. Er lichtet die Details der Darstellung des Jüngsten Gerichts am Portal des Münsters ab. Alles, was den sakralen Bau auszeichnet, versucht er mit der Kamera einzufangen.
Schliesslich lässt er sich sogar vom Münsterturm abseilen, um mit einer kompakteren Kamera Verwitterungen an der Fassade zu dokumentieren. Da hängt der Dichtersohn an einem Hanfseil zwischen Himmel und Erde, stemmt sich – die Füsse in schwarzen Halbschuhen – von der Mauer weg und konzentriert sich auf seine Aufgabe. 46 Meter hoch ist der Turm.
Wie mag das sein, als Kind eines der grossen Autoren deutscher Sprache aufzuwachsen? Als Martin Hesse 1911 zur Welt kommt, hat sein Vater Hermann den literarischen Durchbruch bereits geschafft. Er kann vom Schreiben leben und ist mit seiner Frau Maria Bernoulli, einer Fotografin aus Basel, in ein altes Bauernhaus am Bodensee gezogen. Hier lebt die fünfköpfige Familie in spartanischen Verhältnissen – absichtlich. Hermann Hesse hatte sich für die Lebensreformbewegung begeistert und wollte in einem Haus ohne Strom oder fliessendes Wasser der aufkommenden Industrialisierung, Urbanisierung und dem Materialismus den Rücken kehren.
Doch der Dichter geht häufig auf ausgedehnte Reisen, während sich Maria um Martin und seine beiden älteren Brüder kümmert und die Arbeit zuhause erledigt. Als der Vater 1912 von einer Asienreise zurückkehrt, beschliesst er, das Haus müsse verkauft werden, man ziehe um nach Bern.
Die Eltern lassen sich scheiden, als Martin sieben ist. Der Vater zieht alleine ins Tessin, Martins ältester Bruder wird von der Familie eines Kunstmalers aufgenommen, der mittlere Bruder darf bei der Mutter bleiben. Martin wird bei einer Familie in Kirchdorf untergebracht, einer Bauernsiedlung unweit von Thun.
Fotograf statt Architekt
So viel zur Vorgeschichte. Martin Hesse macht seinen Weg auch ohne leibliche Eltern. Er schliesst eine Hochbauzeichnerlehre ab und geht nach Deutschland ans Bauhaus, um Architekt zu werden.
Doch so weit kommt es nicht. Stattdessen lernt er dort die Fotografie kennen und lässt sich 1934 als freier Fotograf in Bern nieder. In dieser Zeit wird die Fototechnik gerade revolutioniert. Die Apparate werden handlicher, besser einsetzbar, die Bildqualität nimmt deutlich zu – ein Fotograf arbeitet mit einem der modernsten Medien jener Zeit.
Hunderte Bilder vom berühmten Vater
Neben dieser Arbeit portraitiert er während dreissig Jahren immer wieder seinen Vater. Dieser ruft ihn ins Tessin, wenn er das Gefühl hat, es seien neue Bilder fällig. Hunderte Portraits entstehen so über die Jahre: Der Autor am Schreibtisch, versonnen am Fenster, mit einer Sichel einen Stecken kürzend – durch die Linse sieht Martin den Vater altern. 1962 stirbt der Dichter im Schlaf. Wenige Jahre später erlebt Martin Hesse eine schwere Depression. 1968 nimmt er sich mit 57 Jahren das Leben.
Nach Aussage von Martin Hesses Familie ist er mit seinen fotografischen Leistungen nie zufrieden gewesen. Doch die Bilder seines Vaters sind geschätzte Dokumente eines Dichterlebens. Die Gesellschaft für schweizerische Kunstgeschichte ihrerseits würdigt 1970 Hesses Arbeit: Er habe seit 1938 meisterhafte Aufnahmen bernischer Kunstdenkmäler geschaffen. Sie sind im mehr als 40-bändigen Inventar der «Kunstdenkmäler der Schweiz» vertreten.