Alpinistische Meisterleistung
Mit Seilen ausgerüstet erklimmt ein Polizist am 22. Juni 1968 den Turm des Berner Münsters. Er hat den Auftrag, die rot-blaue Fahne mit dem gelben Stern in der Mitte zu entfernen, die über ihm weht. Es handelt sich um die Flagge der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams, auch Vietcong genannt. Dort befestigt hat sie in der Nacht zuvor der Grafikerlehrling Marc Rudin mithilfe eines Freundes und Alpinisten (Rudins Leben blieb auch nach dieser Aktion spektakulär, wie ein Nachruf der WOZ zeigt).
Der Vietnamkrieg, in dem die Amerikaner auf der Seite Südvietnams gegen das kommunistische Nordvietnam und die Vietcong-Guerilla kämpfen, befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf einem traurigen Höhepunkt. Auf der ganzen Welt bekommen die Menschen die Gräuel des Krieges auf den Fernsehbildschirmen zu sehen. Die öffentliche Empörung über den Konflikt wird immer grösser.
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
In der Schweiz haben die Kundgebungen gegen den Krieg 1966 begonnen. Die zumeist jungen Demonstranten solidarisieren sich dabei mit dem kommunistischen Nordvietnam und dem Vietcong. Nachdem sie schon am Sitz der «Neuen Zürcher Zeitung» in Zürich und an den Kathedralen in Lausanne und Genf Fahnen des Vietcongs gehisst haben, folgt das Berner Münster.
Einige hundert Demonstrantinnen ziehen an jenem Samstag zudem durch die Stadt und protestieren vor den Redaktionsräumen des «Bund» und des «Radiostudio Bern» mit zwei Sit-ins gegen die ihrer Meinung nach einseitige Medienberichterstattung zum Vietnamkrieg. Laut dem «Berner Tagblatt» hätten an der Demonstration «neben den oppositionellen Studenten schätzungsweise zu gleichen Teilen auch farbenprächtige Beatniks, Jungsozialisten, aktive Mitglieder der kommunistischen Partei der Arbeit, Italiener und wohl auch zahlreiche ‘Berufsjugendliche'» teilgenommen.
Beeindruckter als die Journalisten zeigt sich die Polizei. Sie spricht in Zusammenhang mit der Fahnenaktion von einer «alpinistischen Meisterleistung».