Prozess dürfte sich verzögern
Seit über einem Jahr liegt die Klage von vier Bewohnern der Insel Pari beim Kantonalgericht Zug. Die Indonesier werfen dem Zementkonzern Holcim vor, die Verantwortung für seinen Beitrag zum Klimawandel nicht zu tragen. Konkret heisst das: Holcim erzielt Milliardengewinne und stösst enorm viel CO2 aus, während die Insel der Klägerinnen als Folge des Klimawandels immer häufiger überspült wird.
Das reformierte Hilfswerk Heks unterstützt die Indonesierinnen bei ihrer Klage (ref.ch berichtete). Doch nun zeichnet sich ab, dass das Gericht nicht so bald zu einem Urteil kommen wird. Die Holcim-Anwälte haben beantragt, verfahrenstechnische Details prüfen zu lassen. Im Zentrum stehen die Fragen, ob in diesem Fall ein zivilrechtliches Verfahren angebracht ist und ob die Klägerinnen ein schutzwürdiges Interesse an ihrer Klage haben. Das Heks schreibt in einer Mitteilung, dass Holcim mit dieser Taktik das erstinstanzliche Urteil auf Jahre hinaus verschleppen könnte.
Auf Anfrage teilt eine Sprecherin von Holcim mit, das Unternehmen könne sich nicht zum laufenden Gerichtsverfahren äussern.
Ende Januar 2023 reichten vier Bewohnerinnen von Pari Klage gegen den Zementkonzern Holcim ein. Die kleine indonesische Insel ist wegen der Klimaerwärmung vom Untergang bedroht. Holcim wird als eine der Firmen mit dem weltweit grössten CO2-Ausstoss von den Klägern dafür verantwortlich gemacht. Diese fordern, dass der Konzern die Kosten für Schäden infolge des Klimawandels übernimmt sowie sich finanziell an Flutschutzmassnahmen beteiligt. Wichtiger aber ist die Forderung, dass das Unternehmen seine CO2-Emissionen rasch reduzieren soll: Um 43 Prozent bis 2030 und um 69 Prozent bis 2040.
Da Holcim seinen Sitz in Zug hat, findet das Verfahren am dortigen Kantonalgericht statt. Das Heks unterstützt die Klägerinnen. Bis ein rechtskräftiges Urteil gefällt ist, dürfte es noch Jahre dauern, da der Weg durch die Instanzen vorprogrammiert ist. (eba)
Der Zementkonzern arbeitet indes an einem grünen Image. Er kündigt auf seiner Website an, bis 2050 ein Netto-Null-Unternehmen zu werden, das «ausschliesslich klimaneutrale und vollständig reziklierbare Baustoffe» produziere. «Wir haben klar definierte und extern validierte 1,5-Grad-Ziele für 2030 und 2050, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen», erklärt eine Holcim-Sprecherin. Das Unternehmen habe 2023 seine Klimamassnahmen beschleunigt.
Holcim entwickelt einen Zement, der weniger Kohlendioxid-Emissionen verursacht. «Bis 2030 werden mindestens 8 Millionen Tonnen Net-Zero-Zement pro Jahr geliefert», sagt die Sprecherin. Zum Vergleich: Holcim stellt allein in seinem Werk im aargauischen Siggenthal pro Jahr 900'000 Tonnen Zement her. Alle verschiedenen Zementhersteller zusammengenommen produzieren nach Expertenschätzungen weltweit jährlich rund 4 Milliarden Tonnen Zement.
An der Holcim-Generalversammlung heute Mittwoch wird laut Traktandenliste unter anderem über den Klimabericht 2023 abgestimmt, wie auch über die Verwendung des Gewinns, der 2023 rund 3 Milliarden Franken betrug.
An der Generalversammlung wird auch Yvan Maillard Ardenti teilnehmen, der Klimaexperte des Heks. Auf Anfrage sagt er, er werde sich zu Wort melden und die Konzernleitung daran erinnern, dass Holcim zu den gut hundert Unternehmen gehöre, die weltweit am meisten Kohlendioxid ausgestossen haben. «Holcim muss deshalb Verantwortung übernehmen», sagt er. Der Zementproduzent müsse sich an den Kosten beteiligen, die der Klimawandel im globalen Süden verursache.
Das betrifft auch die vier indonesischen Klägerinnen, die nun wohl länger auf ein Urteil warten müssen. Heks sei in diesem Prozess nicht Partei, hält Maillard fest, bedaure aber, dass sich Holcim hinter prozessualen Fragen verstecke. Der Klimaexperte stellt angesichts der Verzögerung des Verfahrens auch klar: «Heks unterstützt die Klägerinnen so lange, wie sie es wünschen.»