Krieg im Nahen Osten

«Die Menschen fühlen sich in einem Kreislauf der Gewalt gefangen»

Ein Jahr nach der Terror-Attacke der Hamas auf Israel liegt der Gazastreifen in Trümmern. Der Landesdirektor des Hilfswerks Heks in Israel/Palästina, Hakam Awad, will die Hoffnung auf Frieden dennoch nicht aufgeben.

Lastwagen mit Hilfsgütern warten vor Rafah an der Grenze zum Gazastreifen. (Bild: Amr Nabil / Keystone)

Hakam Awad, wir haben uns vor knapp einem Jahr, wenige Wochen nach dem Überfall der Hamas auf Israel, zum ersten Mal unterhalten. Die Situation in Nahen Osten eskaliert immer weiter. Sie und Ihre Familie leben in Jerusalem. Wie geht es Ihnen heute?
Meiner Familie und mir geht es gut. Wir tun unser Bestes, um mit der Situation fertig zu werden. Gerade die letzten zwei Wochen waren schwierig. Durch die Eskalation hat sich der Konflikt auf andere Gebiete ausgeweitet. Erstmals mussten ich und meine Familie wegen eines Bombenalarms einen Schutzraum aufsuchen. Der Konflikt zehrt enorm, sowohl emotional wie physisch.

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Ich versuche, stark zu bleiben. Kraft schöpfe ich aus meiner Arbeit mit den Menschen in Gaza und im Westjordanland. Mit der Unterstützung unserer Partnerorganisationen können wir von Heks zumindest ein wenig Not lindern. Das hilft dabei, die Situation zu ertragen und weiterzumachen.

«Die Menschen leben von Tag zu Tag, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert.»
Hakam Awad

Wie gross ist die Angst der Menschen vor einer weiteren Eskalation?
Die Ausweitung auf Länder wie den Libanon und Iran sorgt für Angst und Unsicherheit. Die Menschen fühlen sich in einem Kreislauf der Gewalt gefangen, was es schwierig macht, langfristig zu planen oder Entscheidungen zu treffen. Sie leben von Tag zu Tag, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert.

Zur Person

Hakam A. Awad ist seit 2017 Landesdirektor von Heks in Israel/Palästina. Er ist Palästinenser und lebt in Jerusalem. (Bild: Heks)

Sie koordinieren die Heks-Nothilfe von Ihrem Büro in Jerusalem aus. Wie stehen Sie in Kontakt zu den Menschen im Gazastreifen?
Wir haben derzeit vier Mitarbeitende dort. Sie sind selbst Vertriebene und leben in Zelten oder angemieteten Räumen. Gerade haben wir ein Büro eingerichtet und versuchen, eine stabile Internetverbindung herzustellen. Leider haben wir keine Möglichkeiten, unsere Mitarbeitenden ausreichend zu schützen. Sie sind den gleichen Gefahren ausgesetzt wie alle Menschen in der Region.

Was erfahren Sie von Ihren Mitarbeitenden über die Lage im Gazastreifen?
Die Herausforderungen sind riesig. Hunderttausende von Menschen haben ihr Obdach verloren und leben in Zelten oder temporären Unterkünften. Die Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen, weil die meisten Spitäler bombardiert worden sind. Es fehlt an Lebensmitteln, Trinkwasser und Elektrizität.

Wir erinnern uns an die Bilder von ausgehungerten Palästinensern und Palästinenserinnen, die Hilfskonvois stürmten. Wie funktioniert die Versorgung mit Hilfsgütern heute?
Die Hilfsgüter wären vorhanden, an der ägyptischen Grenze warten Tausende von Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten. Aber nur eine sehr geringe Zahl wird von den israelischen Behörden ins Land gelassen.

«Wir müssen Lösungen finden, damit das Sterben und das Elend ein Ende finden.»

Wie versucht Heks, die Not der Bevölkerung im Gazastreifen und im Westjordanland zu lindern?
Zum einen hat Heks über 1400 gefährdete Familien sowie rund 120 Bauern mit Bargeld unterstützt. Zum anderen versorgen wir Familien mit Baumaterialien, damit sie sich behelfsmässige Unterkünfte bauen können. Derzeit warten an der ägyptischen Grenze zehn Lastwagen mit Planen, Matratzen und anderem Material. Seit November letzten Jahres bieten wir zudem psychosoziale Unterstützungen an. Unter anderem führen wir eine telefonische Hotline. Auch im Westjordanland sind wir für Bauern aktiv, die von Siedlergewalt betroffen sind.

Neben dem realen Krieg tobt seit dem 7. Oktober auch ein Informationskrieg. Propaganda auf beiden Seiten und Falschinformationen sind weit verbreitet. Wie kommt man an verlässliche Informationen?
Tatsächlich haben Journalistinnen und Journalisten nach wie vor kaum Zugang zum Gazastreifen. Nur humanitäre Helfer dürfen ein- und ausreisen. Verlässliche Informationen kommen meines Erachtens hauptsächlich von den internationalen Organisationen. Wertvolle Einblicke liefern zudem die Bewohner der betroffenen Regionen selbst, die Videos von ihren Lebensumständen in den sozialen Medien teilen. Es ist derzeit aber unmöglich, ein vollständiges Bild zu bekommen.

Vor einem Jahr zeigten Sie sich noch hoffnungsvoll, dass es Frieden in der Region geben kann. Wie denken Sie heute darüber?
Vor einem Jahr hatte ich noch Hoffnung, dass die Ereignisse vom 7. Oktober zur Einsicht führen würden, dass Gewalt immer nur neue Gewalt hervorbringt. Das war leider nicht der Fall. Im Gegenteil, die Gewaltspirale dreht sich noch schneller. Trotzdem bleibe ich hoffnungsvoll. Es braucht aber konkrete Schritte. Vor allem muss eine Feuerpause durchgesetzt werden, sodass die Hilfskonvois ins Land können. Wir müssen Lösungen finden, damit das Sterben und das Elend ein Ende finden.