Abschied von der Spezialseelsorge

Er vermittelte in akuten Krisen und brachte Kunst in die Kirche

36 Jahre lang war Matthias Berger Pfarrer. Er arbeitete als Seelsorger in Gefängnissen und Spitälern und zum Schluss seines Berufslebens am Zürcher Hauptbahnhof, wo er so manches schwieriges Gespräch führte.
«Der Redebedarf ist enorm», sagt Pfarrer Matthias Berger. In der Bahnhofskirche des Zürcher HB suchen Reisende das Gespräch mit ihm. (Bild: Stephan Rappo)
Das Wichtigste in Kürze

Warum verabschiedet sich Matthias Berger aus der Spezialseelsorge?
Nach 36 Jahren als reformierter Pfarrer geht Matthias Berger Ende August in Pension. Zuletzt arbeitete er in der Bahnhofkirche Zürich am Zürcher Hauptbahnhof, wo er Menschen in akuten Krisen begleitete. Mit dem Ruhestand zieht er einen bewussten Schlussstrich unter seinen kirchlichen Beruf.

Was machte die Spezialseelsorge für Matthias Berger besonders?
Nach anfänglichen Jahren im Gemeindepfarramt wechselte Berger in die Spezialseelsorge in Gefängnissen und Spitälern. Besonders schätzte er die Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion sowie die Möglichkeit, in schwierigen Lebenssituationen konkrete Hilfe zu leisten.

Welche Pläne verfolgt Matthias Berger nach seiner Pensionierung?
Künftig möchte sich Berger stärker Kunst- und Kulturprojekten widmen. Geplant ist ein Buch mit lyrischen Texten. Vor dem Start in diesen neuen Lebensabschnitt möchte er noch verreisen. (red)

Matthias Berger erinnert sich gut daran, wie er zu Hause im Wohnzimmer sass und ein Seelsorgegespräch telefonisch führen musste. «Das war anstrengend, auch, weil ich mein Gegenüber nur akustisch wahrnehmen konnte», erzählt Berger.

Während der Corona-Pandemie und dem Lockdown im Frühjahr 2020 blieben die Türen an Bergers Arbeitsplatz, der Bahnhofkirche am Zürcher Hauptbahnhof, geschlossen. Es gab eine Telefonhotline. Plötzlich führte der reformierte Pfarrer seine Seelsorgegespräche vom Wohnzimmer aus oder auf einer Bank am Waldrand. «Mein Berufs- und Privatleben rückten enger zusammen». 

Vier Jahre liegt das Ende dieser Zeit zurück, an die sich Berger beim Gespräch an einem heissen Sommertag erinnert. Wir treffen uns an seinem Arbeitsplatz, der Bahnhofkirche. Diese liegt in fensterlosen Räumlichkeiten im Mittelgeschoss des ShopVille.

Über 400'000 Menschen passieren täglich den Zürcher Hauptbahnhof. Mit 60 bis 80 Menschen betritt nur ein Bruchteil den «Raum der Stille» bei der Bahnhofkirche, und doch führen die Seelsorgenden täglich bis zu zehn Gespräche. «Oft geht es um Einsamkeit oder psychische Erkrankungen», sagt Berger, «der Redebedarf ist enorm».

Herausfordernde Praxisjahre

Seit 36 Jahren arbeitet der 65-Jährige als reformierter Pfarrer. Dabei sei er zunächst eher «kirchenfern» aufgewachsen, sagt er über sich selbst. Als Jugendlicher verkehrte er für kurze Zeit in evangelikalen Kreisen, weil sich seine Mutter einer fundamentalistisch-christlichen Bewegung angeschlossen hatte. Die vermittelten Inhalte seien in grosser Spannung zu seinem Alltagsleben gestanden.

Frauen sei untersagt worden, Hosen zu tragen und Männer durften keine langen Haare haben. «Ich hatte – wie damals üblich – relativ lange Haare und fand Frauen in Hosen chic». Glaubensfragen, auch über Israel und Palästina, wurden kontrovers diskutiert, das regte Berger dazu an, sich vertiefter mit der Bibel zu befassen.

Später hatte Berger Freunde, die Theologie studierten, und so entschied auch er sich dafür. An der Universität lernte er seine Ex-Frau kennen, auch sie eine Theologin. Das junge Paar heiratete und teilte sich Anfang der 90er-Jahre nach Studienabschluss eine Pfarrstelle in einer Berner Vorortsgemeinde. «Das war zur damaligen Zeit eher unüblich, und ich hielt das für einen spannenden Lebensentwurf.» 

Der Sprung aber vom akademischen Studium in die Praxis sei gross gewesen. «Das war sehr schlecht begleitet und ich merkte, ich eigne mich nicht unbedingt für das Pfarramt», sagt Berger. Als Dorfpfarrer eine Figur des öffentlichen Lebens zu sein, sei ihm nicht leichtgefallen.

Auch habe ihn der Eindruck gestört, «von allem ein bisschen, aber nichts recht zu machen». So landete Berger nach acht Jahren im Pfarramt in der Spezialseelsorge. Sie sollte zu seiner Lebensaufgabe werden. Fast drei Jahrzehnte arbeitete er als Seelsorger in Strafanstalten, Spitälern oder psychiatrischen Kliniken. 

Entscheidende Begegnungen

Begegnungen mit Menschen interessierten ihn, auch wenn das hiess, jemanden in einer schwierigen Lebenssituation zu begleiten. Das steht auch im Zentrum seiner Arbeit als Seelsorger in der Bahnhofkirche.

Er trifft auf Armutsbetroffene oder Menschen in schweren psychischen Krisen und redet mit Frauen oder Männern, die suizidal sind oder ihren Alltag nicht mehr selbständig bewältigen können. 

In Erinnerung geblieben ist ihm besonders jener Mann, der nur zögerlich eintrat. Auch er hatte suizidale Absichten. Die Kirche sei doch dazu da, jemandem in der Not zu helfen, fragte der Mann?

Berger und der Mann führten ein intensives Gespräch. Berger berührte, dass es gelang, gemeinsam eine Lösung zu entwickeln und zu vereinbaren, dass der Mann sich Hilfe suche im Kriseninterventionszentrum. «Ich brauchte das Vertrauen in ihn und seine Autonomie, dass er sich die Hilfe selbständig holt». 

Ende August ist Schluss, dann verlässt Matthias Berger die Bahnhofskirche und schlägt ein neues Kapitel auf. (Bild: Stephan Rappo)

Einen grossen Teil der Besucher machen auch Menschen muslimischen Glaubens aus, sie kommen in die Bahnhofkirche, um zu beten, weil diese die nötige Rückzugsmöglichkeit bietet. Anders als in einer Kirchgemeinde ist Berger mit einer grossen Bandbreite an Glaubensvorstellungen und Formen von Spiritualität konfrontiert, was er sehr schätzt.

Er hält keine Sonntagsgottesdienste und gibt keinen Konfirmationsunterricht, führt in der Bahnhofkirche auch keine Abdankungen, Trauungen oder Taufen durch, obwohl das theoretisch möglich wäre. «In den 25 Jahren, in denen es uns gibt, ist es aber noch nie vorgekommen. Das liegt vermutlich auch daran, dass wir nicht die schönsten Räumlichkeiten haben», sagt Berger.  

Mögliche Zweitkarriere

Hat er in all den Jahren nie daran gedacht, den Pfarrberuf an den Nagel zu hängen und etwas ganz anderes zu machen? Durchaus sagt Berger. Mitte 50 reizte es ihn, strategischer zu arbeiten.

Er liebäugelte damit, sich als Berater selbständig zu machen und übernahm schliesslich eine Leitungsposition bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso), merkte jedoch rasch, dass ihm das nicht zusagte. «Damals bin ich knapp an einem Burnout vorbei geschlittert.» Berger scheut sich nicht, unbequeme Fragen zu beantworten. Er nimmt sich Zeit für seine Antworten, wiegt Worte ab.

Die Auseinandersetzung mit der Sprache liegt ihm. Zu jener Zeit, als er die Stelle bei Refbejuso aufgab, begann er, intensiver literarisch zu schreiben. Er überlegte, auszusteigen und als freier Autor zu arbeiten.

Er realisierte als Co-Autor eine Kriminal-Hörspiel-Trilogie für den ARD-Radio-Tatort, den das Schweizer Fernsehen SRF mitproduziert. Schliesslich bewarb er sich aber um die Stelle bei der Kirche am grössten Schweizer Bahnhof, eine wie er sagt «faszinierende, multikulturelle und urbane Welt, die mir sehr gefällt». 

Und nun, welche Pläne will Matthias Berger in der Pensionierung nach Ende August realisieren? Gerne würde er sein Engagement für Kunst und Kultur intensivieren. Zwischen 2019 und 2025 präsidierte er die Lukasgesellschaft, die sich einsetzt für Gegenwartskunst in Kirchen. Einmal im Jahr begleitet er Führungen im Zürcher Kunsthaus im Rahmen der Reihe «Kunst und Religion im Dialog».

Geplant ist zudem ein Buchprojekt zum Thema Tod ohne expliziten Kirchenbezug, eine Art «memento mori», mit einem bildenden Künstler. Dieser steuert Fotografien bei, Berger liefert dazu stimmige lyrische Texte. Der Wiener Verlag für moderne Kunst will das Buch kommendes Jahr herausgeben, noch muss die Finanzierung gesichert werden.

Zuerst einmal stehen im September aber zehn freie Tage auf einer friesischen Insel an, auch mit dem Gedanken an eine Reise nach Kenia spielt Matthias Berger. «Ich ziehe einen Schlussstrich unter meinen kirchlichen Beruf. Momentan gehe ich nicht davon aus, dass mir diese Arbeit fehlen wird», sagt Berger.

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