Fussball-Weltmeisterschaft

«Fussballerinnen sollen gerecht entlöhnt werden»

Die reformierte Pfarrerin Mirja Zimmermann hat an der Fussball-WM der Frauen mit den Schweizerinnen mitgefiebert. Männerfussball kann von den Frauen lernen, sagt sie, und benennt auch Klischees, die noch immer in einigen Köpfen verhaftet sind.

Nati-Stürmerin Ramona Bachmann (Mitte) versucht im Spiel gegen Norwegen einzuköpfen. Am Ende reichte es den Schweizerinnen nur bis in den Achtelfinal. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

Frau Zimmermann, wie enttäuscht sind Sie über das Abschneiden der Schweizerinnen?
Das Aus im Achtelfinal war schon sehr enttäuschend. Meine Familie und ich sind früh aufgestanden, um das Spiel gegen Spanien zu verfolgen. Aufgrund der Zeitverschiebung fanden viele Spiele frühmorgens statt. Es war brutal, wie chancenlos unsere Nati war. Dennoch haben wir bis zum Schluss vor dem Fernseher durchgehalten.

Frauenfussball ist längst nichts Exotisches mehr. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung über die WM?
Sie war nicht zu vergleichen mit früheren Weltmeisterschaften, es wurde deutlich mehr und professioneller berichtet. Früher konnte man die Spiele allenfalls in einem Live-Stream verfolgen, dieses Jahr wurden viele am TV übertragen. Die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen war ausserdem höchst kompetent und unterhaltsam. Auch das war nicht immer so.

Sind die Vorurteile gegenüber dem Frauenfussball also überwunden?
In meinem engeren Umfeld erlebe ich viele Leute, die begeistert von der WM sind. Leider gibt es aber auch weiterhin abwertende Kommentare über den Frauenfussball. In unseren Ferien in England zum Beispiel sind wir einem italienischen Professor begegnet. Er war fussballbegeistert, meinte aber, beim Frauenfussball könne er nicht hinschauen. Solche Klischees sind immer noch in einigen Köpfen.

Zur Person

Mirja Zimmermann ist seit rund zehn Jahren Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sumiswald im Kanton Bern. Vor dem Theologiestudium im Zürich und Bern arbeitete sie ein Jahr lang in einem Aidswaisenhaus in Südafrika. In den sozialen Netzwerken dokumentiert sie ihren Alltag als Pfarrerin. Die fussballbegeisterte 37-Jährige spielt selbst für den FC Religionen. Zimmermann ist verheiratet und hat drei Kinder.

Wie entkräften Sie solche Vorurteile?
Es ist richtig, dass es teilweise noch qualitative Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfussball gibt. Allerdings müssen die meisten Fussballerinnen neben dem Sport ihren Lebensunterhalt finanzieren, weil sie zu wenig verdienen. Eine Studie hat festgestellt, dass Spiele von Männern nur dann als hochklassiger eingeschätzt werden, wenn die Zuschauer wissen, dass es sich um Männer handelt. Zeigt man ihnen Szenen, in denen die Gesichter der Spielerinnen und Spieler verpixelt sind, gibt es plötzlich keine Unterschiede mehr.

Stört es Sie eigentlich, wenn immer von «Frauenfussball» die Rede ist?
Ich finde diesen Sprachgebrauch zweischneidig. Einerseits stört mich, wenn immer alles einem Geschlecht zugeordnet wird. Schliesslich sind wir alle an erster Stelle Menschen. Anderseits laufen die Frauen Gefahr, vergessen zu werden, wenn nur noch allgemein von «Fussball» gesprochen wird. Sie sind einmal mehr nur «mitgemeint».

Können Grossveranstaltungen wie Weltmeisterschaften traditionelle Rollenbilder verändern?
Ich finde es wichtig, dass solche Events stattfinden und Frauen aus vielen Ländern teilnehmen können. Ob und wie nachhaltig dadurch etwas in Sachen Gleichstellung verändert wird, ist schwer zu sagen. Bei der Nachhaltigkeit bin ich eher skeptisch. Ein Beispiel ist das Frauen-Nationalteam von Katar. Es wurde nur gegründet, weil die FIFA bei einer WM-Vergabe verlangt, dass ein Gastgeberland über eine Frauen- und eine Männernationalmannschaft verfügt. Kaum hatte Katar die Zusage, war die Frauen-Nati nicht mehr aktiv.

Viel diskutiert wurde während der WM über die Lohnunterschiede zwischen Fussballerinnen und Fussballern. Was ist Ihre Meinung dazu?
Grundsätzlich sollten Frauen und Männer im gleichen Job auch gleich viel verdienen. Zum einen fehlen im Frauenfussball aber die Sponsoren, die dieses Geld bereitstellen könnten. Frauenfussball generiert allgemein viel weniger Einnahmen. Zum andern sind die Summen im Männerfussball exorbitant und nicht mehr gesund. Man sollte sich also nicht am Männerfussball orientieren, sondern unabhängig davon überlegen, wie Fussballerinnen gerecht entlöhnt werden können. Löhne, von denen die Spielerinnen leben können, wären auch ein wichtiger Schritt für mehr Professionalisierung.

Was kann der Männerfussball vom Frauenfussball lernen?
In sportlicher Hinsicht mehr Fairness. Es gibt bei den Frauen viel weniger theatralisches Gejammer auf dem Platz. Dass man nun über Geld und die Löhne spricht, könnte auch eine Chance sein, einiges im Männerfussball zu überdenken. Aber das ist vermutlich utopisch.

Wem drücken Sie am Sonntag im Final die Daumen?
England, weil es unter den acht Teams, die am weitesten gekommen sind, das einzige mit einer Trainerin ist.