Glaubenskrise Fussball
Steht ein wichtiges Fussballereignis an, verwandelt sich das Pfarrhaus in Sumiswald in ein kleines Stadion. Grossleinwand, Snacks, Getränke und ein offenes Haus schaffen eine stimmige Atmosphäre. «Je nach Match ziehen wir sogar Trikots an», sagt Mirja Zimmermann. Wenn nicht gerade die Schweizer Nationalmannschaft spielt, bedeutet das in ihrer Familie rotblau für den FCB oder gelbschwarz für YB. Die gebürtige Zürcherin mit Heimatort Basel ist seit 2013 reformierte Pfarrerin im Emmental.
Fussball hat in Mirja Zimmermanns Leben einen hohen Stellenwert. Die 37-Jährige hört Podcasts zum Thema, steht selber ab und zu für den FC Religionen auf dem Feld und kommentiert das Fussballgeschehen in den sozialen Netzwerken. Als «beelendend» bezeichnete sie dort kürzlich die Weltmeisterschaft in Katar, die am 20. November beginnt und kurz vor Weihnachten zu Ende geht.
Katar ist nicht das erste Land, das als Gastgeber der WM für Negativschlagzeilen sorgt. Fünf Jahre vor der Weltmeisterschaft in Südafrika leistete Mirja Zimmermann in dem Land einen Arbeitseinsatz in einem Aidswaisenhaus. In der Folge beobachtete sie die Vorbereitungen für den Grossanlass. «Es hat mich berührt, wie Townships für Infrastrukturen plattgemacht wurden.»
Mit der Vergabe der WM an Katar ging die Fifa für Zimmermann aber zu weit. Das Land stehe für katastrophale Arbeitsbedingungen, zahlreiche Todesfälle von Arbeitsmigranten und die Diskriminierung von Frauen und queeren Personen.
Eine Frage des Images
Seit Jahren versucht Katar, die Kritik zu entkräften. Ende September organisierte der katarische Botschafter in der Schweiz, Mahammed Al Kuwari, einen Empfang. Er betonte, dass sein Land beim Arbeitsrecht starke Fortschritte gemacht habe.
So hat das Emirat einen Mindestlohn eingeführt, seit vorletztem Jahr 164 Millionen Dollar in Form von Entschädigungen an Arbeiter ausbezahlt und unabhängige Inspektionen von Gewerkschaften zugelassen.
2010 entschied sich die Fifa überraschend für Katar als Austragungsort der WM 2022. Weil es im Wüstenstaat im Sommer bis zu 50 Grad heiss wird, verschob die Fifa das Turnier nachträglich auf den Winter. Die Vergabe der WM an den Wüstenstaat führte zu mehreren Untersuchungen gegen verschiedene Funktionäre des Weltfussballverbands. Sie standen im Verdacht, Geld von Katar angenommen zu haben, um für das Land zu stimmen.
Das Emirat Katar liegt auf der arabischen Halbinsel. Nur gerade 200 000 Personen besitzen die Staatsangehörigkeit des autoritär regierten Landes. Dafür arbeiten 2,5 Millionen Migrantinnen und Migranten im Wüstenstaat. Der Umgang Katars mit ihnen steht seit Langem in der Kritik. NGOs wie Amnesty International berichten von sklavenähnlichen Bedingungen. Laut der offiziellen Statistik Katars sind seit 2010 über 15’000 Ausländer im Land gestorben. Genaue Angaben zu den Todesumständen existieren nicht. Der Präsident der Fifa, Gianni Infantino, sprach von drei Todesfällen auf den Baustellen der Stadien. (pef)
Davon lässt sich Pfarrerin Mirja Zimmermann nicht beeindrucken. «Ich liebe den Fussball zu sehr, um ihn von so einem Land instrumentalisieren zu lassen.» Deshalb erklingt dieses Jahr aus dem Pfarrhaus Sumiswald trotz WM kein Jubel, der Beamer bleibt ausgeschaltet. Die Familie Zimmermann verfolgt das Turnier höchstens am Rande. Auch auf den Kauf und das Sammeln von den Panini-Bildern verzichten Zimmermanns.
Mit den Kindern spricht Mirja Zimmermann über die Menschenrechtslage in Katar. Dass ihre Kritik an der WM etwas bewirkt, bezweifelt die Pfarrerin – auch wenn sie hofft, damit ein Zeichen setzen zu können. Die Probleme hätten laut ihr früher und auf einer anderen Ebene gelöst werden müssen. «Es fängt damit an, dass Organisationen wie die Fifa nicht nur eine Ethikkommission haben, sondern auch ethisch handeln.»
Churer fiebern mit
Die Kritik an der Fifa teilt Manuela Noack. Die reformierte Churer Pfarrerin unterstützte eine Petition an die Fifa gegen die Vergabe der WM an Katar. «Ich hoffe, dass in dieser Organisation ein Umdenken stattfindet», sagt sie. Von einem Boykott der WM hält Noack dagegen wenig. «Die Rechte sind verkauft, die Fifa hat ihr Geld.» Das Fussballfest finde ohnehin statt.
Noack kennt die Fussballwelt gut. Die ehemalige Journalistin und Grafikdesignerin hat das Frauenteam des FC Nürnbergs mitgegründet und 20 Jahre lang aktiv Fussball gespielt. Bevor sie die Stelle als Pfarrerin in Chur antrat, trainierte sie in Bayern Junioren.
Anders als Zimmermann kann Noack der WM trotz der Umstände positives abgewinnen. «Unter anderem spielen die USA und der Iran gegeneinander», sagt sie – Länder, die auf politischer Ebene kaum mehr miteinander im Austausch stehen.
Ihr erstes Public Viewing in Chur organisierte Manuela Noack vor vier Jahren. Vor allem Konfirmanden und ihre Familien kamen vorbei. Dieses Jahr gibt es in der Schweiz kaum öffentliche Anlässe. Der Winter und die Energiepreise machen dem kollektiven Fussballerlebnis an vielen Orten einen Strich durch die Rechnung.
Nicht so in Chur. Dort organisiert Manuela Noack im Jugendkeller ihr zweites Fussballfest. «Public Viewing mit der Familie passt in die Adventszeit», sagt Noack. Auch wenn ihr eine WM im Sommer und an einem anderen Ort lieber gewesen wäre.