Frischer Wind auf der Kanzel
Herr Stephany, aufgrund des Pfarrermangels setzen einige Kantonalkirchen vermehrt auf Laienprediger. Sind diese so etwas wie Lückenbüsser?
Sie werden oft so behandelt, ich bin aber anderer Meinung. Ganz unabhängig vom Pfarrermangel sind Laienpredigende für die Kirche wertvoll. Sie bringen ihre eigene Perspektive in die Verkündigung ein und sorgen für Vielstimmigkeit. Daher halte ich die Vorstellung, Laienpredigende seien eine Notlösung, für ein Missverständnis.
Welche neuen Perspektiven können Laienpredigende einbringen?
Oft werden Laienprediger zu einer Art von Pfarrer-Kopie ausgebildet. Sie sollen alles gleich wie die Pfarrperson machen. Mein Wunsch wäre, dass ihre persönlichen Hintergründe sichtbarer würden. Wenn eine Landwirtin über die Gleichnisse von Jesus predigt und dabei Beispiele aus ihrem agrarischen Umfeld bringt, ist das eine völlig andere Sichtweise als die eines Theologen. Das kann fruchtbar sein.
Die Gemeinde erwartet vom Gottesdienst aber auch theologisch Fundiertes. Können das Laienprediger liefern?
Kandidierende für das Laienpredigtamt sind oft schon lange in der Kirche aktiv und verfügen über theologische Grundkenntnisse. Zudem muss klar sein, dass es für dieses Amt eine Ausbildung braucht. Da haben die Kantonalkirchen eine Verantwortung gegenüber der Gemeinde.
Sie sind bei Refbejuso für die Ausbildung mitverantwortlich. Was für Menschen interessieren sich dafür?
In Deutschland ist unter Laienpredigenden das gehobene Bürgertum stark, hier in der Schweiz ist die Zusammensetzung diverser. Vom Zimmermann bis zur Ärztin sind fast alle Berufe vertreten. In einigen Kantonalkirchen wie zum Beispiel dem Aargau interessieren sich hingegen besonders Sozialdiakoninnen für dieses Amt. Dort ist es etwas weniger bunt.
André Stephany (35) ist Doktorand und Assistent an der Universität Bern, wo er zum Thema der ehrenamtlichen Verkündigung promoviert. Er ist zudem bei Refbejuso zuständig für die Weiterbildung der Laienpredigenden. Stephany wurde in der Reformierten Kirche ordiniert, bevor er in Vancouver, Kanada, zusätzlich zum anglikanischen Priester geweiht wurde. (no)
Welche Motivation haben Menschen, auf die Kanzel zu steigen und vor der Gemeinde zu predigen?
Das ist sehr individuell. Ein Landwirt hat mir erzählt, er habe Freude daran, anderen Menschen biblische Geschichten näherzubringen. Beim Schneiden der Bäume überlege er sich jeweils, wie er zum Beispiel die Gleichnisse von Jesus am besten erklären könne.
Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Laienprediger dauert rund zwei Jahre. Gibt es genügend Interessenten, die das auf sich nehmen?
Aus meinen Erfahrungen kann ich das bejahen. In den Berner Kirchen wird die Ausbildung alle zwei Jahre neu ausgeschrieben und das Programm ist jedesmal voll. Auch von Baselland weiss ich, dass die neu lancierte Ausbildung gut belegt ist. Allerdings sind längst nicht alle Kantonalkirchen auf dem gleichen Stand.
Was heisst das?
Einige Kantonalkirchen haben feste Strukturen ausgebildet: Es gibt eine Laienpredigenden-Kommission und eine geregelte Ausbildung. Das ist aber nicht überall der Fall. In manchen Landeskirchen wird von Fall zu Fall entschieden, ob ein Laie zum Einsatz kommen soll. Rund die Hälfte aller Kantonalkirchen hat dieses Amt in ihren Kirchenordnungen gar nicht vorgesehen.
In der evangelischen Theologie gibt es das sogenannte Priestertum aller Gläubigen. Warum hat sich die Laienpredigt nicht breiter durchgesetzt?
Ich vermute, dass das historisch gewachsen ist. In den Berner Kirchen zum Beispiel wurde die Laienpredigt schon vor rund 100 Jahren in der Kirchenordnung erwähnt. In eher städtischen Kantonen stellte sich die Frage vielleicht gar nicht, weil die Pfarrerdichte immer relativ hoch war. In der reformierten Kirche gibt es zudem den Grundsatz, dass für die öffentliche Verkündigung eine ordentliche Berufung vorausgesetzt wird.
Einige Kantonalkirchen wie Graubünden gehen noch weiter und erlauben Laienpredigern sogar, Abdankungen oder Trauungen durchzuführen. Wie stehen Sie dazu?
Ich sehe hier ein grosses Potential, weil Laienpredigende oft gut in der Gesellschaft vernetzt sind. Für kirchenferne Menschen ist die Hemmschwelle kleiner, bei ihnen nachzufragen, ob sie eine Abdankung machen wollen, als bei der Kirchgemeinde. Auch diese zusätzliche Funktion müsste aber mit einer entsprechenden Weiterbildung verbunden sein.
Kommen wir zurück auf den Pfarrermangel. Sehen wir in Zukunft mehr Laien auf der Kanzel?
Das hängt vor allem davon ab, wie sich die Zugänge zum ordinierten Pfarramt entwickeln. Die aktuellen Programme für Quereinsteigende sind immer noch zeitintensiv. Wenn es gelingt, einfachere Zugänge zum Pfarramt zu schaffen, könnte ich mir vorstellen, dass es ungefähr gleich bleibt wie jetzt.
Von André Stephany ist jüngst ein Leitfaden für Laienpredigerinnen erschienen: «Frisch ans Wort. Den Gottesdienst als Prädikatin oder Laienprediger leiten». TVZ, Zürich 2024; 169 Seiten; 32.80 Franken.