Sie haben zwar keine Theologie studiert und sind auch nicht Pfarrer oder Pfarrerin, trotzdem dürfen sie predigen: Die Laienprediger im Kanton Thurgau. Dafür müssen sie jedoch einen entsprechenden Lehrgang der Landeskirche besuchen.
Doch nicht jeder oder jede kann an diesem Kurs teilnehmen. Wer Laienpredigerin werden will, muss vom Pfarrer oder der Kirchenbehörde empfohlen werden. «Uns ist zudem wichtig, dass die Lehrgangsteilnehmer in der Kirchgemeinde beziehungsweise in der Landeskirche tätig sind», sagt der pensionierte Pfarrer Peter Keller, der die Ausbildung leitet. «So sind sie auch mit der Gemeinde verwurzelt.»
Dieses Jahr hätten sich bis jetzt acht Interessenten beworben, in der Regel habe es in der Klasse um die 20 Teilnehmer. Bevor jemand aufgenommen wird, muss er in einem Gespräch seine Motivation darlegen. Auch sollte der Kandidat bibelfest sein. «Er muss einen Teil eines Theologiekurses, eine Bibelschule oder zumindest einen Bibelkurs besucht haben», präzisiert Keller. Im Gespräch merke man schnell, ob jemand sich für diese Tätigkeit eigne. Bis jetzt hätten sie aber noch nie jemanden ablehnen müssen.
Training mit der Stimm-Pädagogin
Wer aufgenommen wird, lernt an acht Samstagen und an einem zusätzlichen Wochenende unter anderem, wie man eine Predigt und einen ganzen Gottesdienst aufbaut oder wie ein Gebet formuliert wird. An je einem Tag widmen sich die Schüler der Thurgauer Kirchengeschichte, dem Kirchenrecht und dem Kirchgesangsbuch. Ausserdem werden sie von einer Stimm-Pädagogin in Sprechtechnik ausgebildet. «Da schauen wir zum Beispiel auch an, wie eine gute Mundartpredigt vorgetragen wird. Die Laienprediger haben in der Regel damit wenig Mühe und verfallen auch nicht der ‹theologischen Kirchensprache›, da sie ja sehr nah bei den Leuten sind», sagt Keller.
Für den Kurs würden sich unter anderem Jugendarbeiter, Katechetinnen und Katecheten oder Behörden-Mitglieder, die in der Kirchgemeinde ehrenamtlich tätig sind, anmelden. Die Laienprediger kommen laut Keller als Ferienvertretung oder auch in Altersheimgottesdiensten zum Einsatz. Oder wenn gerade eine Pfarrstelle nicht besetzt werden kann. Dies sei zwar jeweils eine Übergangslösung, komme aber immer häufiger vor. Laienprediger haben allerdings nicht die volle Kompetenz eines Pfarrers. Abdankung, Taufe und Trauung dürfen sie nicht vollziehen.
Urreformatorisches Anliegen
Gemäss Keller habe man bis jetzt auf die Laienprediger positive Feedbacks bekommen. Natürlich gäbe es auch Pfarrer, für die es nie in Frage kommt, einen Laienprediger zu engagieren. «Ich finde das schade. Es gibt Predigttalente, die nicht an der Uni gewesen sein müssen», sagt Keller. Ausserdem sei die Laienpredigt ja ein urreformatorisches Anliegen, wenn man an das allgemeine Priestertum denkt, das von den Reformatoren postuliert wurde. Und gerade im Hinblick auf den Pfarrmangel seien diese ausgebildeten Laien eine Chance.
Auf die Nuancen kommt es an
Einer, der schon seit über zehn Jahren als Laie predigt, ist der 43-jährige Daniel Frischknecht. Der Angestellte für Mitarbeiterentwicklung der evangelischen Kirchgemeinde Bischofszell-Hauptwil absolvierte im Jahr 2006 den Laienprediger-Lehrgang. «Ich habe dort gelernt, auf viele Nuancen zu achten, die bei einer Predigt wichtig sind und die mir so gar nie in den Sinn gekommen wären», sagt Frischknecht. In einer Zeit, in der eh alle gestresst seien, müsse man beispielsweise nicht gleich nach dem Orgelspiel nach vorne zur Predigt hetzen, sondern könne sich Zeit lassen. «Solche vermeintlichen Kleinigkeiten sind für die Stimmung im Gottesdienst wichtig und fördern die Aufmerksamkeit für die Predigt», sagt Frischknecht.
Pro Jahr predige er in verschiedenen Kirchgemeinden zehn- bis zwölfmal. Weil er sich ständig verbessern möchte, frage er nach dem Gottesdienst die Besucher oft nach einem Feedback. «Ich möchte wissen, was die Predigt bei ihnen ausgelöst hat oder ob irgendetwas weltfremd getönt hat. In der Regel sind die Besucher sehr ehrlich», sagt Frischknecht.
Negative Erfahrungen beim Predigen habe er bis jetzt kaum gemacht. «Eines ist mir aber aufgefallen. Wenn der fremde Laienprediger kommt, sind am Anfang weniger Besucher im Gottesdienst.» Gerade in ländlichen Gebieten habe der Besuch der Kirche am Sonntag viel mit der persönlichen Beziehungen zum Pfarrer zu tun. «Wenn ich dann aber ein paar mal in der Gemeinde war und die Leute mich kennen, dann kommen sie auch wieder zahlreicher.»
Mehr Narrenfreiheit
Auch die 57-jährige Lisbeth Leibundgut hat zusammen mit Frischknecht die Laienprediger-Ausbildung besucht. Jahrelang hat die ausgebildete Katechetin Religionsunterricht gegeben. «Ich wollte Gottes Wort nicht nur im Religionsunterricht weitergeben, sondern auch in der Kirche», sagt Leibundgut. Den Lehrgang habe sie dafür als äusserst hilfreich empfunden. «Ich habe zum Beispiel gelernt, wie man ein Manuskript so erstellt, dass man in der Predigt nicht am Papier hängenbleibt», sagt Leibundgut.
Beim Inhalt der Predigt versuche sie immer, lebensnah zu bleiben und eine einfache Sprache zu wählen. «Ich merke immer mehr, dass die Menschen die Sprache der Bibel nicht verstehen.» Gerne bringe sie Beispiele aus ihrem persönlichen Alltag und manchmal möchte sie mit ihrer Predigt auch provozieren. «Eine gute Predigt soll den Zuhörer herausfordern», sagt Leibundgut. Bei der Themenwahl und bei der Provokation habe die Laienpredigerin gegenüber dem Pfarrer etwas mehr Narrenfreiheit, ist Leibundgut überzeugt.