Feminismus

«Wir haben so viel gelacht!»

Die feministische Theologie hat die Kirche in der Schweiz aufgerüttelt. Das zeigt ein neues Buch. Irene Gysel hat die Bewegung mitgeprägt. Heute vermisst sie Enthusiasmus und die enge Verbindung zwischen Theologie und Basis.

Weil die Frauen im Fraumünster das Gastrecht verloren hatten, stellten sich aus Protest etwa hundert in schwarze Schals gekleidete Frauen unter die Kanzel. (Bild: Tula Roy)

Irene Gysel, im Buch «Mächtig stolz»* blicken Sie und andere Autorinnen auf vierzig Jahre Geschichte der feministischen Theologie und der Idee einer Frauenkirche zurück. Wie sind Sie damit in Berührung gekommen?
Den Weltgebetstag 1972 haben Schweizer Frauen nach einer eigenen Liturgie von Silja Walter gefeiert, weil sie mit dem offiziellen Vorschlag nicht einverstanden waren. Für mich war es das erste Mal, dass Frauen eine neue eigene Sprache und eine neue liturgische Form zur Verfügung hatten. Wir erlebten, wie Kirche auch sein könnte. Etwa gleichzeitig haben Frauen begonnen, in den Bildungshäusern wie Boldern und der Paulusakademie die Bücher von feministischen Theologinnen zu lesen und zu diskutieren.

Sie auch?
Ja, und das war so grossartig an dieser Bewegung. Nicht nur akademisch gebildete Theologinnen beschäftigten sich damit, sondern eine grosse Basis. Diese Theologinnen haben so geschrieben, dass alle es verstanden haben. Man hat auf ihre neuen Bücher hingefiebert und diese dann sofort weitergegeben und diskutiert. Einen zusätzlichen Schub gab uns die Disputation 84.

Worum ging es da?
Zum 500. Geburtstag von Zwingli wurden im ganzen Kanton Zürich Diskussionsforen geschaffen, um über die Situation und die Zukunft der reformierten Kirche zu sprechen, auch über Frauenthemen. Für die vier Stadtzürcher Eröffnungsgottesdienste waren aber nur Männer vorgesehen. Nach einem grossen Aufschrei konnte im Fraumünster eine Frauengruppe den Gottesdienst gestalten. Viele Frauen waren begeistert. Wir haben gemerkt: Wir können das! Deshalb haben wir weiter Frauengottesdienste organisiert, gemeinsam mit katholischen Frauen.

Zur Person

Irene Gysel (73) war Kirchenrätin der Zürcher Landeskirche, Pfarrfrau und Lehrerin. Ausserdem war sie bei SRF als Wort-zum-Sonntag-Sprecherin, Redaktorin und Moderatorin tätig. Sie war Mitbegründerin der ökumenischen Frauenbewegung Zürich. Sie arbeitete massgeblich mit an zwei Büchern über Katharina von Zimmern. Als Präsidentin der Evangelischen Gesellschaft Zürich gründete sie das St. Anna Forum.

Was haben Sie dabei anders gemacht als in traditionellen Gottesdiensten?
Damals gab es noch Kirchen, wo vorne gross geschrieben war: «Ihr alle aber seid Brüder». Niemand hat sich daran gestört. Nun suchten wir nach einer neuen Sprache, einer neuen Liturgie, neuen Liedern. Wir haben die biblischen Geschichten von Frauen neu entdeckt und festgestellt, dass sie in der Theologie vernachlässigt oder sogar verfälscht ausgelegt wurden. Die Diskussionen haben zu tiefergehenden theologischen Fragen geführt. Warum ist Jesus als Gottes Sohn überhöht? Sind wir nicht alle Kinder Gottes? Da ging es ans Eingemachte.

Wo wurden solche Sachen diskutiert?
In der ökumenischen Frauenbewegung Zürich hatten wir zehn verschiedene Projektgruppen. Sie organisierten Frauenkirchentage, Frauengottesdienste, Jahreszeitenfeste, Pilgerfahrten, schufen ein neues Liederbuch oder lasen gemeinsam neu erschienene Bücher. Wir haben die Theologinnen herausgefordert. Wir haben sie gebeten, uns die Bücher vorzustellen und Antworten auf unsere Fragen zu geben.

«Die Reaktionen waren im Vorfeld eher entmutigend: So viele Frauen an einem Tag, das funktioniert doch nie. Wir bewiesen aber das Gegenteil.»

Sie haben Frauenkirchentage erwähnt, wie kam es dazu?
Der Leiter der Disputation hat auf die Möglichkeit von Frauenkirchentagen hingewiesen. Die Idee hat mich sofort gepackt. Wir stellten eine Gruppe zusammen und organisierten ein Programm. Die Reaktionen waren im Vorfeld eher entmutigend: Was soll das? So viele Frauen an einem Tag, das funktioniert doch nie. Wir bewiesen aber das Gegenteil, 160 Frauen kamen. Alle blieben bis zum Schluss. Daraufhin haben wir weitere organisiert. Zweimal haben wir eine ganze Nacht durchgefeiert, ein anderes Mal sind wir in der Nacht nach Einsiedeln gepilgert. Dabei haben wir diskutiert, gegessen, getanzt und vor allem viel gelacht. Diese Anlässe waren ein grosses Vergnügen!

Wie kam diese Frauenbewegung innerhalb der Kirche an?
Viele haben uns ignoriert. Sie hofften wohl, das gehe wieder vorbei. Die theologischen Forderungen gingen ihnen offenbar zu weit. Wir haben im Fraumünster das Gastrecht verloren. Eine der Begründungen lautete, dass wir dort Wurzeln schlagen könnten. Man stelle sich das vor, Frauen könnten Wurzeln schlagen in einer Kirche! Andere jedoch haben uns unterstützt.

«Wie viel wir theologisch erreicht haben, weiss ich nicht.»

Haben Sie sich dagegen gewehrt?
Kurz nach der Kündigung haben wir in einem Sonntagmorgen-Gottesdienst protestiert. Der Pfarrer predigte über Konfliktbewältigung. Dabei sind etwa hundert Frauen aufgestanden und haben sich unter die Kanzel gestellt. Alle trugen schwarze Schals und haben schweigend zugehört. Der Pfarrer ging nicht darauf ein.

Brachte dieser Protest eine Lösung?
Wir bekamen viel Medienaufmerksamkeit. Viele Kirchgemeinden haben uns daraufhin zu sich eingeladen, es gab einen riesigen Solidaritätsschub, aber auch Kritik. Wir sind dann von einer Kirche zur nächsten gezogen. Das hat die Bewegung etwas verzettelt. Schliesslich durften wir ins Fraumünster zurückkehren, aber wir hatten an Schwung verloren. Viele Frauen organisierten unterdessen Anlässe in ihren eigenen Gemeinden.

Das heisst, die Frauenbewegung hat sich etabliert.
Wir haben viel erreicht, die Gottesdienste haben sich verändert, die Sprache ist nicht mehr die gleiche. Wie viel wir theologisch erreicht haben, weiss ich nicht. Die Theologie hat sich meines Erachtens wieder in die Universitäten zurückgezogen und das bedauere ich sehr. Und ich frage mich schon, wo die ganzen radikalen Forderungen geblieben sind.

«Einerseits bin ich sehr stolz auf diesen Aufbruch. Es war eine grosse Befreiung. Andererseits bin ich wehmütig.»

Welche zum Beispiel?
Etwa die Sühneopfertheologie. Gott braucht kein Opfer, damit er uns die Sünden vergibt. Diese Theologie stammt nicht von Jesus selbst, sondern wurde nachträglich entwickelt. Das haben feministische Theologinnen klar gezeigt. Warum hat sich die Kirche nie davon distanziert? Man fürchtet sich wohl vor zu radikalen Veränderungen.

Die Bewegung hat einiges erreicht, ­ anderes nicht. Wie denken Sie heute über das Engagement?
Einerseits bin ich sehr stolz auf diesen Aufbruch. Es war eine grosse Befreiung. Andererseits bin ich wehmütig. Ich vermisse den Austausch zwischen Theologie und Basis. Aber ich halte mich an das Sprichwort «reculer pour mieux sauter». Vielleicht gibt es jetzt einen Zwischenstopp und neue Frauen nehmen wieder einen Anlauf.

*Doris Strahm, Silvia Strahm Bernet (Hg.): «Mächtig stolz. 40 Jahre Feministische Theologie und Frauen-Kirche-Bewegung in der Schweiz»- eFeF-Verlag 2022, 303 Seiten; 38 Franken.