Kirchliche Männerarbeit stärker fördern
«In Zeiten von Gender und Diversity gibt es ein grosses Bedürfnis von Männern, sich auszutauschen», sagt Siegfried Arends, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Laufen am Rheinfall. Arends hat deshalb Ende Mai zusammen mit Mitgliedern aus der reformierten und katholischen Kirche sowie mit Vertretern von Männerorganisationen eine Tagung organisiert. Das Thema: «Männerarbeit und Männerseelsorge: Was es gibt – was es braucht. Impulstagung zur Stärkung der Männerarbeit in kirchlichen Kontexten».
Die Resonanz, so Arends, sei sehr gross gewesen. Am Ende des Tages sei von den Anwesenden entschieden worden, eine ökumenische Fachgruppe zur kirchlichen Männerarbeit zu gründen. Sie soll beim Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen angesiedelt werden. «In den Kirchgemeinden findet schon heute spezielle Männerseelsorge statt. Die einzelnen Angebote sind aber zu wenig vernetzt und sie sind institutionell zu wenig abgestützt», sagt Arends.
Gleichstellung als gemeinsames Ziel
Auch der reformierte Theologe Christoph Walser war an der Tagung zu Gast. Walser hat sich als Coach unter anderem auf männerspezifische Beratung spezialisiert. Er ist überzeugt, dass insbesondere in der kirchlichen Arbeit noch grosses Potenzial steckt, Männer zu unterstützen. «In den Kirchen konzentrieren wir uns auf Vater-Kind-Angebote und Männer ab mittlerem Alter. Jüngere Männer erreichen wir schlecht», sagt Walser. Das geschehe, wenn überhaupt, auf Gemeindeebene und werde kaum öffentlich ins Schaufenster gestellt. Ganz anders als etwa die Frauenarbeit. «Auf den Websites der Landeskirchen, aber auch auf jener der EKS, sind die Fachbereiche für Genderfragen gut vertreten. Diese richten sich aber fast ausschliesslich an Frauen», sagt Walser.
Es scheine fast so, als sei Gleichstellung in der Kirche reine Frauensache. «Ich finde das längst nicht mehr zeitgemäss und auch merkwürdig, dass wir die Männer nicht in diesen Prozess miteinbinden.» Gleichstellung könne nur gemeinsam vorangetrieben werden. Walser findet, dass die Männer auch in der Seelsorge ziemlich allein gelassen würden. Gerade junge Männer müssten sich zwischen den Anliegen des Feminismus und dem Rollenbild der traditionellen Männlichkeit zurechtfinden. Auch theologisch sei die Kirche für die Männerarbeit prädestiniert. Jesus habe mit seinen Jüngern eine Bruderschaft gelebt, in der es nicht um Machtgehabe und Hierarchien ging. «Er hat ein Männerbild vertreten, das auch heute sehr progressiv ist», sagt Walser.
Männergruppe ohne Machtgehabe
Auch wenn Walser überzeugt ist, dass Männer mehr mit feministischen Frauen zusammenarbeiten müssten, sei es ebenfalls wichtig, dass es für Männer geschlechtsspezifische Räume gebe, in denen sie unter sich sein können. «Dort machen Männer die Erfahrung, dass sie sich offen austauschen können. Es stehen Freundschaft und Brüderlichkeit im Zentrum und nicht Machtgehabe und Hierarchiebildung. «Interessant ist, dass sich diese Männergruppen fast immer rechtfertigen müssen, warum sie unter sich sein möchten. Bei Frauen wird das als selbstverständlich angesehen.» Walser vermutet, dass solche Männergruppen als gefährlicher wahrgenommen werden. Gefährlich deshalb, weil sie das patriarchale System infrage stellten, in dem Hierarchien, zum Beispiel in der Wirtschaft oder im Militär, eine wichtige Rolle spielen.
Frauen für Zusammenarbeit offen
Dass sich Männer auf nationaler Ebene in der Kirche mehr vernetzen wollen, begrüsst Sabine Scheuter, Präsidentin der Frauenkonferenz und Beauftragte für Personalentwicklung und Diversity der Reformierten Kirche Zürich. «Wenn sie dort über Rollenmuster und gerechte Arbeitsverteilung diskutieren, ist das auch aus Frauensicht sehr zu begrüssen.» Auch bei der nächsten Frauenkonferenz werde darüber debattiert, ob und wie die Männer noch mehr in die Konferenz eingebunden werden sollen. Zur Diskussion stünde gar eine Namensänderung. «Wir waren gegenüber den Männern immer sehr offen, sie waren als Gäste eingeladen und als Referenten vertreten», sagt Scheuter. Gerade Themen wie Carearbeit gingen beide Geschlechter etwas an. «Ich bin deshalb gespannt auf den Austausch mit der neuen Männer-Fachgruppe», sagt Scheuter.