Buchtipp
In Aachen streikte der Magen
Eine Zugfahrt von Basel nach Löwen in Belgien dauert heute rund 7 Stunden. Im 16. Jahrhundert mussten für die gleiche Strecke etwa zwei Wochen eingerechnet werden. Wenn alles gut ging. Für den Humanisten Erasmus von Rotterdam wurde die Reise zu einer wahren Tortur.
Im Sommer 1518 hielt sich Erasmus in Basel auf, um gemeinsam mit dem Drucker Johannes Froben an einer neuen Ausgabe seines Neuen Testaments zu arbeiten. Anfang September trat er die Rückreise in seinen damaligen Wohnort Löwen an.
Die Reise führte von Basel über Strassburg, Köln, Aachen und Maastricht nach Löwen – je nach Etappe mit dem Schiff, zu Pferd oder in der Kutsche. Schon in Breisach beklagte sich Erasmus über den Gestank, die Fliegen und das miserable Essen im Wirtshaus.
Auf der weiteren Reise häuften sich die Strapazen. Der Genuss von rohem Stockfisch in Aachen verdarb ihm den Magen, durch das lange Reiten brachen schmerzhafte Geschwüre an den Leisten auf. Die holprigen Landstrassen zehrten an seinen Kräften. Bei Bedburg geriet die Reisegruppe zudem in ein heftiges Unwetter. Völlig erschöpft kam Erasmus am 21. September in Löwen an.
Räuber, Söldnertruppen, Unwetter
Von diesen Erlebnissen erfahren wir aus dem Band «Erasmus unterwegs». Der Autor und Renaissance-Kenner Tobias Roth hat darin eine Auswahl von Briefen zusammengestellt, in denen Erasmus von seinen Reiseerfahrungen berichtet. Der umtriebige Humanist reiste sein ganzes Leben lang, selten jedoch freiwillig.
Die Briefe der Humanisten waren häufig nicht rein privat. Sie wurden von Boten überbracht, wobei unterwegs auch Freunde und Bekannte Einblick in ihren Inhalt erhalten konnten. So wurden neben persönlichen Informationen des Absenders auch Wissen und neue Ideen verbreitet.
Die rund 40 Briefe werden durch Kommentare ergänzt, die Erasmus’ Lebensumstände beleuchten und seine Reisen historisch einordnen. Erasmus war nicht aus Abenteuerlust unterwegs: Er nahm Lehraufträge an, überwachte den Druck seiner Werke und suchte die Nähe einflussreicher Gönner. Seine rastlose Reisetätigkeit brachte ihm sogar den Vorwurf ein, ein «unbeständiges» Leben zu führen. Roth nennt ihn einen regelrechten «Berufspendler».
Ein Motiv kehrt in den Briefen immer wieder: Reisen war damals strapaziös und gefährlich. Reisende von Chur nach Bellinzona über den San Bernadino waren rund fünf Tage unterwegs, erfahren wir. Auf anderen Wegstrecken lauerten Räuber, umherziehende Söldnertruppen, Seuchen und Naturkatastrophen.
Zu den Ärgernissen gehörten zudem die Zollbeamten, die so unberechenbar wie das Wetter waren. So berichtet Erasmus in einem Brief von 1500 davon, wie bei seiner Rückkehr von einer Englandreise im Hafen von Dover sein ganzes Edelmetall beschlagnahmt wurde. Nur kurz davor war dessen Ausfuhr verboten worden.
Seinen Humor verlor er nicht
Auch als Mensch kommt einem der grosse Humanist näher. Immer wieder klagt er über Krankheiten und körperliche Gebrechen. Besonders sein empfindlicher Magen machte ihm zu schaffen. Auf der Überfahrt nach Frankreich holte er sich eine hartnäckige Stirnhöhlenentzündung, im Alter plagten ihn Nierenkoliken.
Bei Gent in Belgien verrenkte er sich beim Reiten so schlimm den Rücken, dass er tagelang nicht mehr gehen konnte. Auch die deutschen Kachelöfen waren ihm ein Graus und griffen seine Gesundheit an.
Eindrücklich ist, wie unbeirrt Erasmus trotz aller Widrigkeiten an seinen Werken arbeitete und sein humanistisches Netzwerk pflegte. Auch seinen Humor verlor er nicht. Zum Desaster wurde 1511 ein Ritt von London nach Cambridge, bei dem sein lahmes Pferd im strömenden Regen dreimal stürzte. Auch geschäftlich lief es nicht wie gewünscht. «Ich sehe schon die Spuren, die zur christlichen Armut führen», witzelt Erasmus.
Eine Heimat auf Zeit
Erst nach vielen Reisen fand Erasmus eine längerfristige Heimat, er liess sich in Basel nieder. Doch auch dort blieb er nicht für immer. Als sich 1529 die Reformation durchsetzte und es zum Bildersturm kam, siedelte Erasmus nach Freiburg im Breisgau um. Erst 1535 kehrte er nach Basel zurück, wo er im Jahr darauf starb.
«Erasmus unterwegs» gibt einen lebendigen Einblick in Erasmus’ Denken, sein ausgedehntes Netzwerk und die Verbreitung der humanistischen Ideen. Die Briefe zeigen aber auch, unter welchen Mühen und Gefahren der Gelehrte seine Arbeit vorantrieb. Wer sich in den nächsten Sommerferien über die Wartezeiten am Gotthard ärgert, sollte zu diesem Buch greifen.
Tobias Roth (Hg.): «Erasmus unterwegs. Ausgewählte Briefe übersetzt und erläutert von Tobias Roth». Schwabe Verlag, Basel 2026; 228 Seiten; 31.90 Franken.