Reformationsgeschichte
So stritt man an der Badener Disputation
Dicht gedrängt standen die Zuhörer im Kirchenraum. Auf den Kanzeln: der reformierte Theologe Johannes Oekolampad und sein wortgewaltiger katholischer Kontrahent Johannes Eck. 1526 wurde das Städtchen Baden im Aargau zum Schauplatz einer hitzigen Auseinandersetzung zwischen Alt- und Neugläubigen: der Badener Disputation. Es ging um den wahren Glauben, um Fragen des Abendmahls, der Heiligenverehrung und der Autorität der Kirche.
Die Lage in der Alten Eidgenossenschaft war zu dieser Zeit angespannt. Während die Mehrheit der Orte am alten Glauben festhielt, hatte sich in Zürich und Teilen der Ostschweiz die Reformation durchgesetzt. Bilder wurden aus Kirchen entfernt, Klöster aufgehoben und die religiöse Ordnung grundlegend verändert. Die konfessionellen Gegensätze verschärften sich und nährten die Sorge vor einer politischen Spaltung.
Disputation geführt gegen Luther
Die Tagsatzung – die Versammlung der eidgenössischen Orte – entschied sich, Vertreter beider Seiten zu einer theologischen Disputation einzuladen. Die mehrheitlich katholischen Orte erhofften sich davon, die reformatorische Position zu widerlegen und die Kräfteverhältnisse in der Eidgenossenschaft zu ihren Gunsten zu drehen. Im deutschen Theologen Johannes Eck fand man einen schlagfertigen Verbündeten, der sich in Disputationen bereits gegen Martin Luther behauptet hatte.
Weil der Zürcher Rat Zwingli aus Sicherheitsgründen die Teilnahme untersagt hatte, vertrat der Basler Humanist Johannes Oekolampad die reformatorische Seite. Am 19. Mai trafen rund 200 Theologen, Gesandte und Schreiber in Baden ein, um der dreiwöchigen Disputation in der Stadtkirche beizuwohnen. Gestartet wurden die Sitzungen jeweils mit einer Messe, dann stiegen die beiden Kontrahenten zum Schlagabtausch auf die Kanzel.
Flüche keine Seltenheit
Gesittet ist es dabei nicht immer zu- und hergegangen, wie aus Augenzeugenberichten bekannt ist. Öfter einmal soll es zu Zwischenrufen und wildem Geschrei gekommen sein, auch liess sich Johannes Eck mehrfach zu Flüchen hinreissen. In den offiziellen Protokollen der Disputation ist davon nichts überliefert, aber auch sie machen deutlich, dass mit harten Bandagen gestritten wurde.
Viel Raum nahm die Debatte über das Abendmahl ein, das als erstes Traktandum behandelt wurde. Die Redner begannen mit einem Segensgruss oder einer kurzen Gebetsformel, bevor sie ihre Argumentation ausführten. Das war auch am Morgen des 21. Mai der Fall, als Oekolampad das Wort ergriff und bald schon unsanft unterbrochen wurde.
Die Schauspieler Walter Küng und Wolfram Schneider-Lastin sind in den Audio-Protokollen zur Disputation zu hören.
Unter dem Motto «Disput(N)ation» feiern die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden noch bis Ende Mai das 500-Jahr-Jubiläum der Badener Disputation. Unter anderem finden Podiumsgespräche, Stadtführungen, eine wissenschaftliche Tagung sowie ein ökumenischer Pfingstgottesdienst statt.
Am 28. Mai 2026 um 20 Uhr lesen die Schauspieler Walter Küng und Wolfram Schneider-Lastin in der katholischen Stadtkirche Baden aus den erhaltenen Protokollen sowie aus Briefen und Berichten von Zeitzeugen vor. Eine kommentierte Edition der Protokolle ist 2015 im TVZ-Verlag erschienen. (no)
Zwingli verfolgte die Disputation aus Zürich, er hatte Informanten, die ihn über den Stand der Dinge auf dem Laufenden hielten. So soll sich Thomas Platter, ein Freund Zwinglis, als Hühnerverkäufer in die Stadt geschlichen haben, um Nachrichten zu überbringen.
Bis zum 8. Juni dauerten die insgesamt 16 Sitzungen der Disputation. Zwar wurden die Altgläubigen am Ende offiziell zu den Siegern erklärt, aufhalten liess sich die Reformation dadurch aber nicht. Mit dem Übertritt Berns zur Reformation im Jahr 1528 verschärften sich die Spannungen in der Eidgenossenschaft weiter. Kurz darauf folgten die beiden Kappelerkriegen, in deren Verlauf Zwingli ums Leben kam.
Damit war die alte kirchliche Einheit der Alten Eidgenossenschaft endgültig zerbrochen. Noch bis ins 19. Jahrhundert kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen katholischen und reformierten Kantonen. Erst mit der Gründung des Bundesstaates und der Bundesverfassung von 1848 gelang es, die konfessionellen Gegensätze zu entschärfen und die Grundlage für ein friedliches Nebeneinander zu schaffen.