Eine Postlieferung für das ärmste Land Europas
Ein Bild wird Alexander von der Marwitz nie mehr vergessen: In einem Dorf ganz im Nordosten von Moldawien sitzt eine hochschwangere Frau, sie ist mit ihrem Sohn aus der Ukraine geflüchtet. Der Junge hält ein Spielzeug, einen Rucksack und eine Tafel Schokolade in den Händen. «Wie er staunend und ungläubig die Schokolade angeschaut hat. Die Erinnerung berührt mich noch heute», sagt der 68-Jährige.
Der Rucksack, das Spielzeug und die Schokolade stammten von hilfsbereiten Menschen aus Luzern. Sie gelangten mit einem randvoll gepackten ehemaligen Post-Lieferwagen nach Moldawien, den Alexander von der Marwitz zusammen mit seinem Begleiter Alfred Baar dorthin fuhr. «Wir können hier doch nicht einfach das Fondue in uns hineinschaufeln und so tun, als ob uns die Welt da draussen nichts angeht», sagt von der Marwitz, der selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stammt.
Doch einfach so drauflos in die Ukraine fahren konnte er nach 32 Jahren als Geschäftsführer eines Diakonischen Werkes in Bayern nicht. Die Reise sollte professionell geplant werden. Das Diakonische Werk in Bayern leistete auch im Ausland Hilfe, unter anderem in Ost-Ungarn und im ehemaligen Siebenbürgen in Rumänien. «Ich weiss deshalb, wie man Hilfstransporte nachhaltig auf die Beine stellt», sagt von der Marwitz. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, nahm er mit dem international tätigen Katastrophenhilfswerk der Diakonie in Berlin Kontakt auf. Diese vermittelten ihm die Hilfsorganisation «Soarta» in der Ortschaft Soroca, die sich unmittelbar an der ukrainischen Grenze befindet.
«Soarta» arbeitet unabhängig vom Staat und hat enge Kontakte zu den orthodoxen Kirchgemeinden. «Im Mittelpunkt der Hilfe stehen Menschen, die unterhalb des Existenzminimums leben und nun auch die vielen Flüchtlinge mit ihren Familien», sagt von der Marwitz. Die Leiterin von «Soarta» pflege zudem sorgfältig internationale Verbindungen, darunter zur Reformierten Kirchgemeinde Binningen in Basel Land, die gute Erfahrungen mit dieser moldawischen Organisation gesammelt hätten.
Von Anfang an sei klar gewesen, dass man aus Luzern nicht nur Geld schicken, sondern sich zunächst selbst ein Bild vor Ort machen wolle. «Mein Ziel war es, die Menschen rund um die ‹Soarta›-Organisation persönlich kennenzulernen und zu sehen, wie nachhaltig dort Spenden eingesetzt werden», sagt Marwitz.
Baufällige Häuser
Am 15. November um 5 Uhr begab sich von der Marwitz zusammen mit Alfred Baar auf die mehrtägige Fahrt nach Moldawien. Von der Schweiz aus ging es in Richtung Rumänien, von dort über die rumänisch-moldawische EU-Aussen-Grenze – insgesamt mit diversen Zwischenzielen fast 3000 Kilometer.
In Soroca angekommen, sah von der Marwitz, wie viele der Menschen vor allem in den Dörfern in einfachsten, oft baufälligen Häusern leben. «Diese könnten als eine Filmkulisse für die Zeit nach dem 30-Jährigen Krieg dienen. In einer solchen Umgebung kann man eher von Überleben als von Leben sprechen», sagt er.
Eingekauft wurde auf einem grossen Markt, wo neben frischen Fischen, Kartoffeln oder rote Bete auch Autoersatzteile erhältlich waren. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, geht in den Supermarkt. Dort seien viele westliche Produkte zu finden – auch solche aus der Schweiz. «Wir haben abgepackten Schweizer Billig-Käse gesehen, der zu horrenden Preisen verkauft wird», sagt von der Marwitz.
Die ukrainischen Flüchtlinge, die nach Moldawien geflohen sind, können von solchen Produkten nur träumen. Sie sind auf die einfachsten Dinge zum Leben angewiesen, hatten aber bei sich zuhause einen erheblich höheren Lebensstandard. «Das ist eine Herausforderung für die moldawischen Gastgeber», sagt Marwitz.
Unter den Geschenken, die von der Marwitz mitbrachte, befand sich auch ein altes Klavier, das er in einer Brockenstube erstanden hatte. «Das Instrument ist von der Marke Schimmel, ein Mercedes unter den Klavieren», sagt von der Marwitz. Das Instrument hatte er für die örtliche orthodoxe Kirchgemeinde dabei. «Kaum abgeladen, hat sich gleich ein bärtiger Mann im Priestergewand an das Klavier gesetzt und mit einem röhrenden Bass gesungen. Mir sind die Tränen gekommen», sagt Marwitz.
Auch den Transporter hat er vor Ort gelassen. «Wir werden in den nächsten sieben Jahren für dessen Unterhalt aufkommen und einen kleinen Fahrerjob finanzieren», sagt von der Marwitz. Der Lieferwagen werde gebraucht, um Hilfsgüter zu den ukrainischen Flüchtlingen und in die weit entfernten, völlig verarmten und heruntergekommenen Dörfer zu bringen.
Von der Marwitz ist es wichtig, das Hilfsprojekt über mehrere Jahre zu unterstützen. «So können wir für ein wenig Nachhaltigkeit sorgen.» Er weiss um den wichtigen Spielraum zwischen Eigenverantwortung und behutsamer Kontrolle. «Ich bin den Geldgebern Rechenschaft schuldig. Sie sollen sicher sein, dass das gespendete Geld zweckmässig verwendet wird.»
Hilfe zur Selbsthilfe
Insgesamt über 20'000 Franken kamen für diesen Hilfstransport zusammen, fast die Hälfte von der Kirchgemeinde Luzern. Aber auch die Reformierte Kirchgemeinden Horw und Hildesheim sowie das Diakonische Werk Bayern und die Evangelisch-Lutherische-Kirche-in-Bayern haben das Projekt finanziell unterstützt.
Nun hofft von der Marwitz, dass das Engagement der Kirchgemeinden die nächsten sieben Jahre Bestand haben wird. «An mir soll es nicht scheitern», sagt er. «Dann bin ich 75, dann sollen andere übernehmen, es wäre schön, wenn unsere Hilfe ein wenig zur Selbsthilfe geführt hätte.»
Hinweis: Alexander von der Marwitz hat seine Eindrücke seiner Reise nach Moldawien auch in einem eigenen Blog festgehalten.