Interview

«Friedensfindung ist ein Marathonlauf»

Arne Engeli ist langjähriger Friedensaktivist und Mitbegründer des Internationalen Bodensee Friedensweges. Warum er als Pazifist zugestehen muss, dass Putin jetzt nur noch mit Waffengewalt gestoppt werden kann und welche Rolle Engeli für die Kirchen im Krieg sieht, erzählt er im Interview.

Der Friedensaktivist Arne Engeli am diesjährigen Bodensee-Friedensweg in Bregenz am Ostermontag. (Bild:zVg)

Herr Engeli, zurzeit wird viel über militärische Aufrüstung in Europa geredet und geschrieben, aber kaum über Pazifismus. Ist die Friedensbewegung in Europa eingeschlafen?
Sie war schon sichtbarer, das stimmt. Ihr wird vielleicht auch zu wenig Gehör geschenkt. Denn es gibt neben den Friedensorganisationen, wie zum Beispiel den Schweizerischen Friedensrat, weitere Organisationen in der Schweiz, die sich für den Frieden einsetzen. Etwa die Schweizer Plattform für Friedensförderung KOFF mit 40 NGOs als Mitglieder, Swisspeace oder das ETH Center for Security Studies. Auch in anderen Ländern machen sich Menschen und Organisationen für den Frieden stark. Länderübergreifend sind sie leider nicht ganz so gut vernetzt. Das könnte auch ein möglicher Grund sein, warum es relativ still ist.

Auch die Kirchen setzen sich mit Gebeten, Glockengeläut und Appellen für den Frieden ein. Was könnten und sollten sie sonst noch tun?
1983 hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) bei seiner Vollversammlung in Vancouver zu einem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aufgerufen, der zu den Europäischen Ökumenischen Versammlungen in Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007) führte. Protestan­tische, katholische und orthodoxe Kirchen haben dort gemeinsam eine «Haus­ordnung» für Europa formuliert und versprochen, sich dafür einzusetzen. Auch im Sinne von: Frieden ist Frucht der Gerechtigkeit. Das weckte hohe Erwartungen, auch bei mir. Diese Aufgabe haben die Kirchen meines Erachtens aber weitgehend fallen gelassen. Ich hoffe, dass an der nächsten ökumenischen Versammlung in Karlsruhe solche Themen wieder aufs Tapet kommen.

Zur Person

Arne Engeli (86), ausgebildeter Lehrer und Politologe, war 1971-1991 Leiter des Evangelischen Tagungszentrums Schloss Wartensee, Rorschacherberg. Er war von 1993 bis 2001 Programmbeauftragter des Heks für das ehemalige Jugoslawien. Er ist Mitbegründer des Internationalen Bodensee Friedensweges.

Immerhin haben sich kirchliche Organisationen wie der ÖRK, der Papst sowie die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz an den Patriarchen Kyrill gewandt und ihn aufgefordert, sich für den Frieden einzusetzen. Muss hier der Druck noch grösser werden?
Die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche in diesem Konflikt ist nur schwer zu ertragen. Patriarch Kyrill unterstützt den Krieg. Ich weiss zu wenig, was von kirchlicher Seite alles versucht wird, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Man hört wenig von solchen Versuchen.

Die Schweiz hat sich an den Sanktionen gegen Russland beteiligt. Manche Politiker fordern Munitionslieferungen und die Lockerung der Bestimmungen von Kriegsmaterial-Exporten. Was halten Sie von solchen Bestrebungen?
Das Neutralitätsrecht lässt Lieferungen in Kriegsgebiete ganz klar nicht zu. Das Parlament hatte das Kriegsmaterialgesetz explizit verschärft. Dass die Schweiz die Sanktionen gegen Russland mitträgt, halte ich allerdings für richtig und wichtig. Nun muss sie aber auch den Rohstoffhandel strikte unterbinden, der den Krieg finanziert. Doch dazu fehlt offenbar die ausreichende gesetzliche Grundlage und der politische Wille.

Lehnen Sie als Pazifist und Friedensaktivist Waffenlieferungen an die Ukraine grundsätzlich ab?
Der Überfall auf die Ukraine ist ganz klar völkerrechtswidrig, verstösst gegen die UN-Charta und gegen das Budapester Memorandum von 1994. Die UN-Charta legitimiert das Recht auf Verteidigung und auch Waffenlieferungen. Wichtig dabei ist, dass die Nato-Staaten nicht selbst zur Kriegspartei werden, sonst gibt es einen Flächenbrand. Putin muss gestoppt werden, auch mit Waffengewalt, was ich akzeptieren muss. Denn er spricht der Ukraine die Eigenstaatlichkeit ab und will die «Nazis» auslöschen. Ausserdem könnte sich der Krieg auf Moldawien, Georgien und das Baltikum ausweiten.

«Wir waren vor Putin gewarnt. Ich habe ihn 2014 in einer Rede am Internationalen Bodensee-Friedensweg als ‹den neuen Zaren› bezeichnet.»

Manche Pazifisten und Friedensaktivisten propagieren den gewaltlosen Widerstand, ganz nach Gandhi. Was halten Sie davon?
Ich anerkenne diese Position. Ein gewaltloser Widerstand, wie seinerzeit von Gandhi in Indien, ist aber nur erfolgreich, wenn sein Gegenpart damit überhaupt erreichbar ist, wie damals Grossbritannien. Putin ist das nicht. Er ist nicht an einem Dialog interessiert. Neben dem militärischen gibt es in der Ukraine aber durchaus den zivilen Widerstand. Menschen haben sich ohne Waffen vor Panzer gestellt und sie so aufgehalten. Zudem haben sie Deserteure verpflegt. Auch in Russland wurde gegen den Krieg protestiert. Solche Aktionen können den Angreifer demotivieren und sind nicht zu unterschätzen.

Hätte es eine Möglichkeit gegeben, dass man den Frieden in Europa hätte bewahren können?
Wir waren vor Putin gewarnt. Ich habe ihn 2014 in einer Rede am Internationalen Bodensee-Friedensweg als «den neuen Zaren» bezeichnet. Die Zeichen waren klar. Spätestens mit der Annektierung der Krim 2014 und der Abspaltung des Donbass war klar, dass Putin seine Grossmachtträume verwirklichen will. Dafür sprachen auch die Überfälle auf Georgien und Tschetschenien.

Spätestens dann hätte man reagieren müssen?
Man hat Putin auf politischer Ebene unterschätzt. Deshalb stellt sich für mich die Frage, ob man wirklich alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft hat, um den Ukraine-Krieg zu verhindern und eine Friedenslösung zu finden. Ganz nach dem pazifistischen Ratschlag: «Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten!». Ich möchte keinesfalls als Putin-Versteher missverstanden werden. Selbst wenn die Forderung nach einem Verzicht einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine erfüllt worden wäre und nun ein Verhandlungsangebot von Selenski ist, ist zu bezweifeln, dass Putin auf den Einmarsch verzichtet hätte.

«Ich bin gegen eine weitere Aufrüstung der Schweiz, wir sind nicht militärisch bedroht.»

Zurzeit findet in Europa ein grosses militärisches Aufrüsten statt. Es werden Milliarden für die Militärbudgets gefordert. Was setzen Sie als Pazifist dem entgegen?
Ich bin gegen eine weitere Aufrüstung der Schweiz, wir sind nicht militärisch bedroht. Unsere Ressourcen sind dort einzusetzen, wo die realen Bedrohungen sind. Ich nahm am Ostermontag am Bodensee-Friedensweg teil, das mache ich seit fast 40 Jahren. Dort in Bregenz hielt Lea Suter eine Rede, die beeindruckte.

Was war der Inhalt dieser Rede?
Sie legte, nach Verurteilung der russischen Aggression, fünf Grundsätze einer Friedenshaltung dar, denen ich mich anschliessen kann. Es sind dies: Erstens: Die Komplexität des Konfliktes aufzeigen, aushalten, sich gegen Vereinfachungen wehren. Zweitens: Feindbilder ab-, nicht aufbauen; keine Dämonisierung der russischen Bevölkerung (für mich auch wichtig: keine Ausladung von putinkritischen russischen Künstlern!). Drittens: keine Dialogverweigerung, Lösungen suchen mit dem Aggressor, ihn zum Teil der Lösung machen. Viertens: Aus der Bedrohungsspirale ausbrechen, zum Beispiel Sanktionen befristen und  langfristig Vertrauen aufbauen. Fünftens: Konfliktsensitiv handeln. Das heisst, den Notausgang suchen, der Kampfhandlungen beenden kann.

Glauben Sie, dass Frieden in der Ukraine möglich ist?
Friedensfindung ist ein Marathonlauf. Es wird unsere Aufgabe sein, neben dem Wiederaufbau den traumatisierten Menschen beizustehen und über Jahrzehnte dafür zu sorgen, dass die Ukraine und Russland zu einem friedlichen Einvernehmen kommen.