Frau Lubrich, aus dem Warschauer Ghetto ist ein jüdisches Lied überliefert, in dem es heisst: «Wie gerne hätte ich einen Pass aus Paraguay». Warum waren diese Pässe bei polnischen Juden so begehrt?
Das Lied entstand 1942. In diesem Jahr nahmen die Vernichtungslager der Nazis ihren Betrieb auf. Für die Juden in Polen hiess das, dass sie jederzeit mit ihrer Deportation und dem Tod zu rechnen hatten. Ein Pass aus einem südamerikanischen Land konnte lebensrettend sein. Wer sich als Bürger eines neutralen Drittstaates ausweisen konnte, wurde von den Nazis zunächst verschont.
Warum ausgerechnet Pässe aus Paraguay?
In dem Lied werden noch weitere südamerikanische Länder genannt. Tatsächlich waren aber vor allem Pässe aus Paraguay in Polen verbreitet, sowie eine kleinere Zahl von Pässen aus den Konsulaten Honduras, Haitis und Perus. Im Warschauer Ghetto hatte es sich herumgesprochen, dass mithilfe dieser Ausweise schon einigen Juden die Flucht aus dem besetzten Land gelungen war. Denn bis zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 konnten Juden im russisch-besetzten Teil Polens ostwärts durch die Sowjetunion ausreisen. Das Besondere an den Pässen war: Es handelte sich um illegal beschaffte Dokumente, und sie stammten aus der Schweiz.
Wie kam es dazu?
In der Schweiz hatte sich seit 1938 ein ganzes Netzwerk aus Diplomaten, Anwälten, jüdischen Flüchtlingen und Helfern aus der Zivilbevölkerung formiert. Dieses Netzwerk beschaffte im Untergrund südamerikanische Pässe, um Juden in Deutschland, Holland und eben Polen zur Flucht zu verhelfen. Die Dokumente wurden anschliessend per Kurier ins Ausland geschmuggelt. Ins Rollen kam diese Rettungsaktion durch einen Berner Notar, Rudolf Hügli.
Wer war er?
Hügli war seit 1931 Honorarkonsul von Paraguay in Bern. Als sich 1938 die Lage der Juden in Deutschland und danach auch in den besetzten Ländern verschärfte, wandten sich die Angehörigen unter anderem an die südamerikanischen Konsulate in Bern. Auch Hüglis Büro wurde, wie er sagte, «förmlich bestürmt». Alle wollten lebensrettende Einreisedokumente für Paraguay ergattern.
Und Hügli half Ihnen dabei?
Ja, noch 1938 begann er damit, Visa zu erteilen – heimlich, ohne Rücksprache mit seinem Vorgesetzten, dem paraguayischen Generalkonsul in Zürich. Ab 1940 liess er in einer Berner Druckerei Blanko-Pässe nachdrucken. Allerdings war seine Aktion nicht selbstlos. Pro Pass verlangte er eine Gebühr von rund 500 Franken. Das entsprach ungefähr dem Monatsgehalt einer Sekretärin. Für Hügli war die Aktion also auch eine Einnahmequelle. Er muss Millionen mit den Pässen verdient haben. Rasch wurde aber auch klar, dass er die vielen Anfragen alleine nicht bewältigen konnte.

Naomi Lubrich. (Bild:ZvG)