«Die Schweiz hielt die Judenrettung lieber unter dem Deckel»

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Basel dokumentiert, wie ein Schweizer Netzwerk im Zweiten Weltkrieg Juden mithilfe von südamerikanischen Pässen zur Flucht verhalf. Wer die Helfer waren und warum dieses Stück Schweizer Geschichte erst jetzt ans Licht gekommen ist, erzählt Museumsleiterin Naomi Lubrich im Interview.

Ein Pass eines neutralen Drittstaates war für Juden im besetzten Polen oft die einzige Chance, der Deportation zu entkommen. Bild: Jüdische Kinder werden 1942 im Warschauer Ghetto von ihren Eltern getrennt. (KEYSTONE/INTERFOTO/awkz)

Frau Lubrich, aus dem Warschauer Ghetto ist ein jüdisches Lied überliefert, in dem es heisst: «Wie gerne hätte ich einen Pass aus Paraguay». Warum waren diese Pässe bei polnischen Juden so begehrt?
Das Lied entstand 1942. In diesem Jahr nahmen die Vernichtungslager der Nazis ihren Betrieb auf. Für die Juden in Polen hiess das, dass sie jederzeit mit ihrer Deportation und dem Tod zu rechnen hatten. Ein Pass aus einem südamerikanischen Land konnte lebensrettend sein. Wer sich als Bürger eines neutralen Drittstaates ausweisen konnte, wurde von den Nazis zunächst verschont.

Warum ausgerechnet Pässe aus Paraguay?
In dem Lied werden noch weitere südamerikanische Länder genannt. Tatsächlich waren aber vor allem Pässe aus Paraguay in Polen verbreitet, sowie eine kleinere Zahl von Pässen aus den Konsulaten Honduras, Haitis und Perus. Im Warschauer Ghetto hatte es sich herumgesprochen, dass mithilfe dieser Ausweise schon einigen Juden die Flucht aus dem besetzten Land gelungen war. Denn bis zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 konnten Juden im russisch-besetzten Teil Polens ostwärts durch die Sowjetunion ausreisen. Das Besondere an den Pässen war: Es handelte sich um illegal beschaffte Dokumente, und sie stammten aus der Schweiz.

Wie kam es dazu?
In der Schweiz hatte sich seit 1938 ein ganzes Netzwerk aus Diplomaten, Anwälten, jüdischen Flüchtlingen und Helfern aus der Zivilbevölkerung formiert. Dieses Netzwerk beschaffte im Untergrund südamerikanische Pässe, um Juden in Deutschland, Holland und eben Polen zur Flucht zu verhelfen. Die Dokumente wurden anschliessend per Kurier ins Ausland geschmuggelt. Ins Rollen kam diese Rettungsaktion durch einen Berner Notar, Rudolf Hügli.

Wer war er?
Hügli war seit 1931 Honorarkonsul von Paraguay in Bern. Als sich 1938 die Lage der Juden in Deutschland und danach auch in den besetzten Ländern verschärfte, wandten sich die Angehörigen unter anderem an die südamerikanischen Konsulate in Bern. Auch Hüglis Büro wurde, wie er sagte, «förmlich bestürmt». Alle wollten lebensrettende Einreisedokumente für Paraguay ergattern.

Und Hügli half Ihnen dabei?
Ja, noch 1938 begann er damit, Visa zu erteilen – heimlich, ohne Rücksprache mit seinem Vorgesetzten, dem paraguayischen Generalkonsul in Zürich. Ab 1940 liess er in einer Berner Druckerei Blanko-Pässe nachdrucken. Allerdings war seine Aktion nicht selbstlos. Pro Pass verlangte er eine Gebühr von rund 500 Franken. Das entsprach ungefähr dem Monatsgehalt einer Sekretärin. Für Hügli war die Aktion also auch eine Einnahmequelle. Er muss Millionen mit den Pässen verdient haben. Rasch wurde aber auch klar, dass er die vielen Anfragen alleine nicht bewältigen konnte.

Naomi Lubrich. (Bild:ZvG)

Was passierte dann?
Durch die Vermittlung eines jüdischen Anwalts in Bern machte Hügli die Bekanntschaft mit dem polnischen Botschafter und seinen Mitarbeitern in Bern. Als Vertreter der polnischen Exilregierung in London waren sie interessiert daran, möglichst vielen Menschen in der besetzten Heimat zu helfen. Und so begannen sie, Hüglis paraguayische Blanko-Pässe mit den Namen von Juden zu befüllen. Diese unterschrieb Hügli dann. Im Unterschied zu ihm erhoben sie allerdings keine Gebühr. Nach und nach entstand so ein Netzwerk, an dem sich neben jüdischen Organisationen auch private Spender beteiligten. Eine wichtige Rolle bei der Koordination spielte zum Beispiel der jüdische Anwalt Abraham Silberschein, der einen grossen Teil der Bestechungsgelder für Hügli beschaffte.

Angesichts der Grösse des Netzwerks verblüfft es, dass es nicht schon längst aufgeflogen war.
Eigentlich ist es schon ziemlich früh aufgeflogen. Der paraguayische Generalkonsul in Zürich, Hüglis Vorgesetzter, verpfiff diesen schon 1941 beim Konsulardienst. Der dortige Dienststelleninhaber meldete die Aktion dann auch bei der Bundespolizei. Dieses Schreiben blieb danach allerdings noch rund 18 Monate liegen. Erst 1943 wurde die Polizei aktiv. Es kam zu Verhaftungen, Wohnungsdurchsuchungen und Verhören. Für die Beteiligten verliefen die Untersuchungen aber glimpflich.

Warum?
Die Polizei interessierte sich vor allem dafür, ob Leute mit den falschen Pässen in die Schweiz eingereist waren. Das war ihre grösste Sorge. Da dies nicht der Fall war, beschloss die offizielle Schweiz, die Geschichte auf sich beruhen zu lassen – und unter dem Deckel zu halten. Man befürchtete, in Deutschland könne man Wind davon bekommen. Die Deutschen sollten nicht herausfinden, dass in der Schweiz tausenden Jüdinnen und Juden zur Rettung verholfen wurde.

Wieviele Juden konnten die Helfer um Rudolf Hügli vor dem Tod bewahren?
Dazu existieren keine abschliessenden Zahlen, denn die Forschung ist noch in Gang. Nach heutigem Stand sind nachweislich 771 Jüdinnen und Juden dank eines südamerikanischen Passes gerettet worden. Ausgestellt worden sind laut Aussage eines Helfers Dokumente für rund 9500 Personen. 1000 Passinhaber sind in den Konzentrationslagern ermordet worden. Von allen übrigen kennen wir das Schicksal nicht.

Es überrascht, dass diese Geschichte erst jetzt ans Licht gekommen ist. Wie sind Sie darauf gestossen?
Durch einen Zufall. Ein Bekannter von mir erzählte mir von der Überlebensgeschichte seines Vaters. Dabei erwähnte er einen paraguayischen Pass, der angeblich in der Schweiz ausgestellt worden sei. Ich hielt das erst für eine Kuriosität. Nachforschungen ergaben dann aber, dass sehr viele dieser Pässe existierten.

War die Schweizer Rettungsaktion eine humanitäre Tat?
Es spielten verschiedene Motive hinein. Bei einigen Akteuren war klar, dass sie in erster Linie helfen und möglichst viele Menschenleben retten wollten. Dann gab es aber auch Profiteure, die vor allem ans Geld dachten. So verlangte der Zürcher Anwalt Arthur Wiederkehr für seine Vermittlung eines Hügli-Passes 600’000 Franken. Von Hügli selbst wissen wir nicht viel. 1943 sagte er aus, er habe Mitleid mit den Juden gehabt. Allerdings steht dies in einem gewissen Widerspruch zur Höhe seiner Gebühren.