Corona-Lockerungen für Kirchen

«Eine Extrawurst wäre schwer vermittelbar»

Die Landeskirchen bitten für Weihnachten um eine Lockerung der Corona-Massnahmen. Singen soll möglich sein. Doch es gibt Kritik an diesem Wunsch.

Diese Szene trifft man im Moment in keiner Kirche an: Singen ist verboten und es muss Abstand gehalten werden. Bild: (Keystone/Alessandro Della Bella)

Aufgrund der Pandemie ist das gemeinsame Singen derzeit nicht erlaubt. Jedoch sei ein Bedürfnis da, Weihnachten angemessen feiern zu können, sagt Daniel Reuter, Vizepräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) gegenüber ref.ch. Viele Menschen würden sich danach sehnen, «Besinnlichkeit zu erleben» – auch durch Feier und Gesang. Dieser Wunsch sei von den Kirchenpräsidenten gekommen, die EKS habe dieses Anliegen aufgenommen.

Deshalb haben die EKS, die Schweizerische Bischofskonferenz und die Christkatholische Kirche dem Bundesrat einen Brief geschrieben und ihr Anliegen vorgebracht, die Gottesdienste in der Weihnachtszeit nicht zu schliessen. Zudem hätten sie um Prüfung der Lockerung des Verbots des Gemeindegesangs angefragt, im Innen- wie auch Aussenbereich, so Daniel Reuter.

«Andere müssen alles absagen»

Der Wunsch der Kirchen nach Lockerungen stösst nicht bei allen auf Verständnis. So äusserte sich beispielsweise der Pfarrer der Kirchgemeinde Kelleramt im Kanton Aargau, Reto Studer, kritisch in den sozialen Medien. Gegenüber ref.ch sagt er: «Ich kann nicht ganz nachvollziehen, dass sich alle Unternehmen und auch andere Institutionen an die Vorgaben halten müssen, doch die Kirchen nicht.» Andere müssten Events absagen und stünden quasi vor dem Aus. «Die Bitte der Kirchen klingt da wie eine Extrawurst», und das sei für ihn schwer vermittelbar.

Diesen Einwand lässt Daniel Reuter von der EKS nicht gelten. Die Kirchen wünschten sich keine Ausnahmen, sondern es gehe gerade darum, dass gleiche Massnahmen für alle gelten würden. Wenn Menschenmassen in Einkaufszentren oder Skigebieten erlaubt seien, dann sei es nicht vermessen, «die Beibehaltung der Gottesdienste mit 50 Personen mit strengen Schutzkonzepten und eine Erlaubnis für die Auftritte von Sternsinger-Kindern zu erstreben.» Reuter betont zudem, dass sich die reformierten Kirchen für einen verantwortungsvollen Umgang in der Pandemie einsetzen. «Die Sicherheit hat immer Vorrang.» Allerdings heisse das nicht, dass man alle Veranstaltungen streiche.

Gesundheitssystem schonen

Auch für Reto Studer steht die Sicherheit im Zentrum. In Weihnachtsgottesdiensten kämen sehr viele Haushalte zusammen und es nähmen auch vulnerable Menschen teil. Gerade das Singen wäre da wegen der Verbreitung durch Aerosole ein Risiko. Ihm ist es wichtig, einerseits die Menschen zu schützen und andererseits das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. «Dafür schränken wir uns seit neun Monaten stark ein, bei der Arbeit wie auch im Privaten. Das möchte ich nicht aufs Spiel setzen.»

Reto Studer betont aber auch, dass er durchaus Verständnis habe für den Wunsch, gemeinsam zu singen. «Es tut mir selber weh, Adventsgottesdienste ohne Gemeindegesang zu feiern.» Allerdings gehe es hier nicht um seine Befindlichkeit, sondern darum, wie wir aus dieser Situation wieder herauskommen. «Wenn wir dafür jetzt noch eine Zeitlang ohne Singen feiern müssen, dann ist das ein kleines Opfer.»

«Rituale sind jetzt besonders wichtig»

In seiner Kirche hat man nun für die Christnachtsfeier eine professionelle Sopranistin engagiert. Denn professionelle Sänger und Sängerinnen dürfen nach bisherigem Stand der Massnahmen weiterhin singen. Dem Aargauer Pfarrer ist es wichtig, schöne Weihnachtsfeiern zu gestalten. Gerade in diesem Jahr seien Rituale und Traditionen besonders wichtig. Und hier geht Reto Studer mit der EKS einig. Auch Daniel Reuter betont die Bedeutung der Weihnachtsfeiern: «Sie können einen positiven Beitrag zur Bewältigung der Pandemie und der mit ihr gekommenen seelischen Not leisten.»