Spiritual Care

«Eine Charta muss auf interreligiöser Basis entwickelt werden»

Die EKS hat einer ökumenischen Charta in der Spitalseelsorge eine Abfuhr erteilt. Auch Spitalseesorgende wie Barbara Oberholzer sehen es als Herausforderung an, solch ein Papier zu verfassen.

Die ökumenische Charta ist umstritten, die gemeinsame Nutzung der Spitalkirche des Universitätsspitals Zürich dagegen nicht. Auf dem Bild: Ein Glasfenster mit Fisch und dunkler Sonne von Max Rüedi. (Bild: Keystone/Christoph Stulz)

Frau Oberholzer*, die Charta zur ökumenischen Spitalseelsorge ist gescheitert. Was sagen Sie als Spitalseelsorgerin dazu?
Wir reformierten Spitalseelsorgerinnen und Spitalseelsorger wurden bei der Ausarbeitung der Charta aussen vorgelassen wie die Kantonalkirchen auch. Dass man bei einem so wichtigen Thema die Basis nicht ins Boot holt, finde ich befremdlich.

Haben Sie auch inhaltliche Kritik an der Charta?
Ja. In der Charta wird in meinen Augen die Spitalseesorge «verzweckt» und einer Gesundheitsprofession angenähert. Mir ist aber die Beauftragung durch die Kirche wichtig. Als Dritte im Spitalalltag bieten wir den Patientinnen die Möglichkeit zu einem unabhängigen Gespräch an. Darin liegt ein grosser Mehrwert. Ausserdem ist mir das Seelsorgegeheimis sehr wichtig, das in der Charta fehlt.

Was könnte sich mit der Charta ändern?
Wird Seelsorge zur Gesundheitsprofession, bin ich in direktem Austausch mit dem medizinischen Team. Es stellt sich die Frage, was das für eine vertrauensvolle Seelsorgebeziehung bedeutet. Ob ein offenes Gespräch dann noch möglich ist.

EKS krebst bei Seelsorge-Charta zurück

Die Schweizerische Bischofskonferenz und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz hätten am 1. März eine Seelsorge-Charta unterzeichnen wollen. Doch am 18. Februar gab die Evangelische-Kirche Schweiz (EKS) bekannt, dass sie die Charta nicht unterzeichnen wird (ref.ch berichtete). «Die EKS kommt zum Schluss, dass sie die Charta in der vorliegenden Form aktuell nicht mittragen kann», schreiben die Verantwortlichen in ihrem Communiqué. Uneins sei man sich etwa in Fragen wie jener, ob eine Spitalseelsorgerin von einem Unternehmen aus dem Gesundheitswesen oder von einer Kirchgemeinde gestellt werden solle und wie Seelsorgegeheimnisse gewährt werden könnten. (bat)

Wie gehen Sie vor, wenn ein Austausch doch Sinn ergeben würde?
Ich frage, ob der Patient nicht mal mit der Pflege oder Ärztin über ihre Sorgen reden möchte. Wenn nicht, frage ich, ob ich mal mit dem Behandlungsteam sprechen dürfte. Verneint der Patient dies, respektiere ich seine Haltung.

Braucht es überhaupt eine Charta?
Das kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass Spitalseelsorge kantonal geregelt ist und unterschiedlichen Modellen folgt. Eine Charta müsste diese Pluralität berücksichtigen. Für mich ist aber klar, dass sich auch die Spitalseelsorge weiterentwickeln soll. Selber habe ich einen CAS in Spiritual Care absolviert.

Wie könnte die Weiterentwicklung der Spitalseelsorge aussehen?
Wir sehen auch im Spitalalltag, dass viele keiner Religionsgemeinschaft mehr angehören. Trotzdem haben diese Menschen oft spirituelle Bedürfnisse. Wie man diesen Bedürfnissen in der Spitalseelsorge gerecht wird, darüber gibt es eine Debatte und entsprechende Ausbildungen. Dass die Spitalseelsorge als Angebot allen offen steht, sollte sichtbarer sein. Und Seelsorge sollte im Spitalalltag noch stärker wahrgenommen werden.

Was meinen Sie damit?
Dem Personal ist oft nicht klar, dass die Spitalseelsorge bei einem Patienten involviert ist. Es wäre ein grosser Vorteil, wenn sich das ändern würde. So wüsste das Behandlungsteam zum Beispiel, dass es sich auch an die Spitalseelsorge wenden kann, sollte ein Patient beispielsweise nicht mehr mitteilungsfähig sein.

Wie steht es um die Ökumene in der täglichen Zusammenarbeit in der Spitalseelsorge?
Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Bei manchen Teams funktioniert es gut, bei anderen weniger. Dabei spielt wohl weniger die konfessionelle Zugehörigkeit als eher das Zwischenmenschliche eine Rolle. In einer religionspluralen Gesellschaft ist es jedoch wichtig, weitere Religionsgemeinschaften einzubeziehen. Zum Beispiel die muslimische, der ebenfalls viele Patienten angehören. Auch hier greift die Charta zu kurz. Eine Charta als grundlegendes Dokument für die Spitalseelsorge auf nationaler Ebene muss auf interreligiöser Basis entwickelt werden.

* Barbara Oberholzer ist reformierte Pfarrerin und arbeitet als Spitalseelsorgerin im Universitätsspital Zürich.