Kirchengeschichte

«Ein Privatleben gab es kaum»

Der Historiker Jan-Andrea Bernhard hat sich durch Tausende von Dokumenten der Bündner Kirchengeschichte gearbeitet. Dabei hat er viel über die dunklen Seiten des damaligen Pfarralltags erfahren. Unter anderem seien Alkoholismus und sexuelle Übergriffe ein Problem gewesen, sagt er im Interview.

Im Matrikelbuch der Bündner Synode wurde festgehalten, wenn Pfarrpersonen suspendiert oder aus der Synode ausgeschlossen wurden. (Bild: ZVG)

Herr Bernhard, Sie haben zusammen mit einem Kollegen das Synodal- und Kirchenarchiv der Bündner Landeskirche erschlossen. Was war Ihre Aufgabe?
Die Bestände des Archivs lagerten bisher teilweise ungeordnet im landeskirchlichen Verwaltungsgebäude in Chur. Unsere Aufgabe bestand darin, die Dokumente für die Recherche zugänglich zu machen. Dazu haben wir sogenannte «Regesten» erstellt, das sind kurze Zusammenfassungen der Dokumente. Zudem können Benutzer nun mithilfe von rund 34'000 Stichworten gezielt recherchieren.

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestossen?
Unsere Arbeit während der letzten fünf Jahre war ziemlich aufwendig. Das Archiv umfasst heute rund 11'000 Datensätze von den Dokumenten – diese nahmen wir jedes einzelne in die Hand. Eine Herausforderung war das Latein, das bis ins 19. Jahrhundert die mehrheitliche Amtssprache der reformierten Kirche im dreisprachigen Graubünden war. Teilweise begegneten wir den abenteuerlichsten Schachtelsätzen, es wurde auch viel mit Abkürzungen gearbeitet.

Warum ist das Archiv wichtig?
Die Bestände reichen zurück bis in die Zeit der Reformation und enthalten wertvollste Informationen über die kirchlichen und politischen Strukturen im damaligen Freistaat der Drei Bünde. Das älteste Dokument stammt aus dem Jahr 1537. Es ist das Gründungsdokument der Synode, der Versammlung der reformierten Pfarrpersonen. Die Protokolle der jährlich stattfindenden Synoden sind eine höchst spannende Quelle, um Einblicke zu erhalten in den Alltag der Pfarrpersonen und in das Leben der Gemeinden.

Inwiefern?
Die Synode war das bindende Glied zwischen den Gemeinden und gleichzeitig eine Art von Aufsichtsorgan. Sie sollte sicherstellen, dass sich die Geistlichen an bestimmte Regeln hielten. Dazu traf man sich zu Beginn der Versammlung in einer geschlossenen Sitzung, der sogenannten «Zensur». Dort wurde ziemlich unverblümt über die Verfehlungen von Pfarrpersonen verhandelt, die von den Gemeinden an die Synode herangetragen wurden.

Zur Person

Jan-Andrea Bernhard ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Zürich. Gemeinsam mit dem alt Staatsarchivar Silvio Margadant hat er das Synodal- und Kirchenarchiv der Bündner Landeskirche erschlossen. Die Bestände, die von 1537 bis 1940 reichen, sind neu im Staatsarchiv Graubünden in Chur untergebracht. (no)

Worum ging es dabei?
Ein Thema, das in den Protokollen immer wieder auftaucht, sind Beanstandungen wegen der Haar- und Kleidertracht der Pfarrer. Klagen gab es aber auch wegen Alkoholismus, Fremdgehen, unzüchtigem Verhalten und sexuellen Übergriffen von Pfarrern. Das sind teilweise dramatische Geschichten.

Können Sie ein Beispiel geben?
Spontan fällt mir die Geschichte eines Pfarrers ein, der in Trunkenheit regelmässig jüngere und ältere Frauen sexuell belästigte. Zuvor war er bereits in anderen Gemeinden auffällig geworden. Die Gemeinde Ardez hatte sich in einer Petition hilfesuchend an die Synode gewandt, weil sie ihn nicht mehr als Pfarrer wollte.

Was unternahm die Synode in solchen Fällen?
In der Regel wurden die Schuldigen erst von der Synode ermahnt. Sie hatten dann ein Jahr lang Zeit, sich zu bessern. War dies nicht der Fall, kam es zu einer dreimonatigen Suspension. Im Extremfall kam es zum Ausschluss aus der Synode. Viele Pfarrer wurden aber nach einem Jahr wieder aufgenommen. Sie befanden sich dann im «status tolerandorum», also in einer Art von Bewährungsprobe.

Hat sich die Synode auch mit der Moral der Bevölkerung befasst?
Neben der Zensur gab es separate Traktanden, in denen die Kirchenzucht in den Gemeinden überprüft wurde. Generell war die soziale Kontrolle damals viel ausgeprägter als heute, ein Privatleben gab es kaum. Ging eine Person nur unregelmässig in die Kirche, wurde das sofort zur Kenntnis genommen. Zu Beanstandungen kam es zum Beispiel auch, wenn Jugendliche den Religionsunterricht schwänzten.

Haben die Dokumente Ihren Blick auf die Kirche verändert?
Mich hat beeindruckt, dass die Kirche nicht inquisitorisch gegen Verfehlungen vorgegangen ist. Die Täter haben in der Regel eine zweite Chance bekommen. Zugleich überraschte mich, wie rigoros das kirchliche Regime war. Erschien eine Person nicht im Gottesdienst, kam sogleich die Frage auf, ob sie mit dem Teufel zu tun hatte oder eine Hexe war. Für einen modernen Menschen ist das befremdlich.