Flüchtlingspolitik

«Diese Lager sind nicht menschenwürdig»

Eine breite Allianz von Städten, Gemeinden und Menschenrechts­organisationen ruft unter dem Hashtag #evakuierenjetzt dazu auf, Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen. Mit dabei ist auch die reformierte Kirchgemeinde Burgdorf. Pfarrer Roman Häfliger und Sozialdiakonin Anette Vogt erklären, was sie sich von der Kampagne erhoffen.

Überschwemmungen, Dreck und Zelte auf nacktem Boden: Flüchtlinge im Lager Kara Tepe auf Lesbos, Dezember 2020. (Bild: Keystone / AFP / Anthi Pazianou)

Die reformierte Kirchgemeinde Burgdorf macht sich für die Evakuierung der Flüchtlingslager in Griechenland stark. Warum?
Roman Häfliger: Das Engagement für Flüchtlinge hat in unserer Kirchgemeinde eine lange Tradition. 2014 beispielsweise wurde in Burgdorf eine Asylunterkunft eröffnet, mit über 100 Plätzen. Sehr kurzfristig stellten wir ein Hilfsangebot auf die Beine. Daraus entwickelten sich ein Patenschaftsprojekt und ein Wochentreff, der bis heute stattfindet. Insofern sind wir sehr zufrieden, wie es hier vor Ort läuft, aber es tut uns leid zu sehen, dass man noch viel mehr machen könnte. Dass so viel mehr Menschen von Strukturen wie unseren profitieren könnten. Das möchten wir dem Bund kommunizieren: Wir würden mithelfen, wir sind parat.

Anette Vogt: Wir arbeiten mit sehr vielen Freiwilligen zusammen. Als die Zustände auf Lesbos in die Schlagzeilen gerieten, merkte ich bei vielen von ihnen eine grosse Frustration. Man sieht das Unrecht an den Aussengrenzen Europas und fühlt sich machtlos. Auch mich selbst hat das berührt. Leider können wir aktuell nicht viel mehr machen, als Druck aufzubauen und an den Bund zu appellieren, endlich zu handeln.

Was können Sie als Kirchgemeinde konkret anbieten?
Anette Vogt: Wir können die bestehenden und gut laufenden Angebote sehr rasch ausbauen. Das befristete Budget dafür ist vom Kirchgemeinderat bereits gesprochen. Leider haben wir keine eigenen Unterkünfte, in denen wir Flüchtlinge aufnehmen könnten. Falls aber private Unterkünfte gesucht würden, könnten wir diesen Freiwilligen unsere Unterstützung anbieten.

Roman Häfliger: Durch unsere bisherigen Erfahrungen, unser Netzwerk und Knowhow sind wir sicher, dass wir sehr viele Menschen zum Mitmachen bewegen könnten. Sei es, um Unterkünfte anzubieten, sei es für eine Patenschaft oder um mit jemandem Deutsch zu lernen.

Flüchtlingslager: Kampagne fordert Evakuierung

Zahlreiche Städte, Gemeinden und Kirchgemeinden wären bereit, mehr Flüchtlinge von den Ägäischen Inseln aufzunehmen. Doch ihr Angebot sei bisher weder vom Bundesrat noch vom Staatssekretariat für Migration (SEM) genutzt worden. Dies teilten verschiedene Vertreter der Kampagne #evakuierenjetzt am 29. März an einer Pressekonferenz mit.

Sie seien sich bewusst, dass die Asylpolitik in der Zuständigkeit des Bundes liege. Aber die Städte wollten zusammen mit dem Bund «pragmatische Wege finden, wie eine zusätzliche Aufnahme von Flüchtlingen und deren Verteilung in die Städte und Gemeinden» umgesetzt werden könne, sagte die Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher gemäss einer Mitteilung. Auf Bundesebene fehle aber der politische Wille, ergänzte Raphael Golta, Sozialvorsteher der Stadt Zürich.

Vor einem Jahr hatten 132 Organisationen und über 50’000 Menschen den Osterappell von #evakuierenjetzt unterschrieben. 16 Städte und Gemeinden schlossen sich zur Allianz «Städte und Gemeinden für die Aufnahme von Flüchtlingen» zusammen. Zwanzig weitere Gemeinden ausserhalb der Allianz erklärten sich bereit, Geflüchtete aufzunehmen.

Seitdem hätten sich die Zustände für die Menschen in den Lagern in Griechenland noch einmal «massiv verschlechtert», vor allem durch den Brand des Lagers Moria im September 2020, heisst es in der Mitteilung. Das neue Lager sei auf einem alten Schiessplatz errichtet worden, dessen Boden durch Blei vergiftet sei, es gebe keinen Wasseranschluss, keine adäquate Stromversorgung und die Menschen müssten in Zelten auf dem kalten Boden leben.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International leben in den Notfallunterkünften statt der geplanten 3500 Flüchtlingen nun 6900 Menschen. Die Schweiz habe zwar humanitäre Hilfsgüter geschickt. Auch die Aufnahme von 97 unbegleiteten Minderjährigen sei zu begrüssen. Doch das reiche bei weitem nicht aus.

#evakuierenjetzt fordert deshalb vom Bund, den Dialog mit den Städten, Gemeinden und Kirchgemeinden aufzunehmen und seine humanitären Hilfsprogramme auszuweiten. Amnesty seinerseits ruft den Bundesrat auf, die vollständige Evakuierung auf europäischer Ebene zu unterstützen und ein grosses Kontingent Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufzunehmen. Justizministerin Karin Keller-Sutter müsse zum Angebot der Städte und Gemeinden Stellung nehmen. (sda/vbu)

Warum ist das Engagement für Flüchtlinge eine kirchliche Aufgabe?
Roman Häfliger: Es gibt theologische Gründe dafür: Die Hilfe für Schwächere ist eine ethische Pflicht, die so alt ist wie das Christentum selbst. Sie findet sich an zahlreichen Stellen in der Bibel. Ich möchte auch erwähnen, dass viele Kirchenmitglieder durch die Arbeit mit Flüchtlingen wieder einen Sinn in ihrer Mitgliedschaft gefunden haben. Eigentlich sollten aber die politischen Behörden die Betreuung organisieren, dann könnte sich die Kirche auf die Vernetzung und den Aufbau von Beziehungen konzentrieren.

Anette Vogt: Nur tut die Politik hier noch zu wenig. Wir haben es an der Pressekonferenz gehört: Die Städte und Gemeinden sind parat, der einzige, der jetzt noch handeln muss, ist der Bund.

Inwiefern arbeiten Sie mit der politischen Gemeinde Burgdorf zusammen?
Anette Vogt: Im Jahr 2014 entstand ein Runder Tisch, der bis heute weitergeführt wird. Dort treffen sich Vertreter der Stadt, der Kirchgemeinden und der Asylhilfestelle des Kantons. Ich selbst bin zudem Mitglied des Stadtrates und habe zusammen mit anderen ein dingliches Postulat zu den Lagern in Griechenland eingereicht. Das wurde mit grosser Mehrheit angenommen. Die Stadt Burgdorf ist zudem ebenfalls bei der Bewegung #evakuierenjetzt dabei.

Und wie sieht es mit der kirchlichen Kooperation aus?
Anette Vogt: In Burgdorf selbst arbeiten wir mit verschiedenen Kirchen erfolgreich zusammen.

Roman Häfliger: Überregional ist die Zusammenarbeit etwas schwieriger. Auch wenn Burgdorf ein kleines Städtchen ist, würde ich die Menschen hier eher als urban bezeichnen. Projekten in der Migrationsarbeit steht man aufgeschlossen gegenüber. Diese Offenheit nehme ich andernorts weniger wahr. Ich hatte ab und zu Kontakt mit Kollegen aus ländlicheren Gegenden – dort sind entsprechende Vorhaben weniger vorstellbar.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat im September eine Resolution zu Moria verabschiedet. Seither war von der EKS wie auch von den einzelnen Landeskirchen wenig zu hören. Könnten sich die Kirchen mehr engagieren?
Roman Häfliger: Gerade von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn nehme ich viel Unterstützung wahr. Sie betreuen den Arbeitsbereich Migration sehr gut. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass Projekte dann eine grosse Kraft entwickeln, wenn sie von unten her entstehen. Und – da sind wir leider wieder einmal bei diesem Thema – Corona hat das vielerorts erschwert.

Sie sagen es selbst – ausser an den Bund zu appellieren, kann Ihre Kirchgemeinde nicht viel tun …
Anette Vogt: … und das ist sehr frustrierend!

Zu den Personen

Roman Häfliger ist Pfarrer in Burgdorf. Neben allgemeinen pfarramtlichen Aufgaben ist er vor allem in den Bereichen Kinderkirche, Unterweisung und Flüchtlingsarbeit engagiert.

Anette Vogt ist eidg. dipl. Migrationsfachfrau und in der reformierten Kirche Burgdorf in der Sozialdiakonie, Bereich Flüchtlingswesen, tätig.

Roman Häfliger: An der Pressekonferenz kam eine ähnliche Frage aus dem Plenum. Sie lautete sinngemäss, was denn der Plan B ist, wenn die Appelle nichts bringen. Das hat mich ernüchtert. Denn einen Plan B gibt es nicht. Wir appellieren, bis wir irgendwann hoffentlich gehört werden. Natürlich macht das keinen Spass.

Dennoch die Frage zum Schluss: Was erhoffen Sie sich von der Kampagne #evakuierenjetzt?
Anette Vogt: Ich hoffe, dass zumindest die Familien mit Kindern evakuiert werden können. Man muss ganz klar sehen, dass diese Lager nicht menschenwürdig sind. Europa sollte aufhören mit dieser Abschreckungspolitik auf Kosten der Schwächsten.

Roman Häfliger: Ich wünsche mir, dass wir den Bund zu einem Umdenken bewegen können. Dass die Schweiz mehr Menschen aufnimmt, auch wenn das letztlich vielleicht ein Tropfen auf den heissen Stein bleibt. In zweiter Linie erhoffe ich mir, dass die Flüchtlingspolitik wieder breiter diskutiert wird. Momentan ist es so, dass jemand, der von den Zuständen auf Lesbos nichts mitbekommen will, das auch nicht muss. Das sollte sich ändern.