«Die Zustände in Moria sind eine Katastrophe»

Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat ein massives Feuer gewütet und es zu einem grossen Teil zerstört. Tausende Menschen mussten sich in Sicherheit bringen. Schweizer Flüchtlingsorganisationen sowie kirchliche Aktivisten sind über die Lage vor Ort entsetzt.

Der Brand ist unter Kontrolle. Doch die Verwüstung im Flüchtlingscamp Moria in Griechenland ist immens. (Bild: Keystone /Arne Büttner)

Ein Brand in Moria hat nach Berichten von Helfern grosse Teile des griechischen Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos zerstört. Rund ein Drittel von Moria sei abgebrannt, betroffen sei unter anderem das Zentrallager, schrieb der Geschäftsführer der Organisation Wadi, Thomas Osten Sacken, am Mittwochmorgen auf Facebook. Auf den von ihm veröffentlichten Bildern waren zerstörte Notunterkünfte und qualmende Flächen zu sehen. Es sei «ein Alptraum, für den es kaum Worte gibt.»

«Wir sahen, wie sich das Feuer in Moria ausbreitete und die ganze Nacht wütete», berichtete Marco Sandrone von «Ärzte ohne Grenzen» aus Lesbos. Der Ort sei in Flammen eingeschlossen gewesen. «Wir sahen, wie die Menschen aus einer brennenden Hölle flüchteten.» Kinder seien zutiefst verängstigt, die Eltern unter Schock.

«Letztes Dach verloren»

Auch in der Schweiz sorgt das Feuer für Betroffenheit. «Die Zustände sind katastrophal. Bisher fehlt es an koordinierter Hilfe», sagt Eliane Engeler, Mediensprecherin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), gegenüber ref.ch. «Die über 12’000 Menschen im Camp haben ihr letztes Dach über dem Kopf verloren. Noch in der Nacht flohen Tausende von ihnen in die umliegenden Hügel.»

Die SFH und andere Organisationen hätten schon lange zur Evakuierung des überfüllten Lagers aufgerufen. Denn die Lebensumstände in Moria seien seit langer Zeit unhaltbar. «Wir haben zum Beispiel vor dem Risiko einer schnellen Ausbreitung des Coronavirus gewarnt. Hätte man das Camp rechtzeitig evakuiert, wäre es nicht zu dieser Katastrophe gekommen.»

Laut Engeler fordert die SFH, dass sich nun auch die Schweiz um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria bemüht. «Die Schweiz muss Schutzsuchenden Platz bieten und ihnen ein faires Asylverfahren gewähren. Es reicht nicht, bloss ein paar Dutzend Menschen aufzunehmen, die Familienangehörige in der Schweiz haben.»

Kirchen sollen Druck ausüben

Für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria setzt sich auch der reformierte Theologe und Aktivist Pierre Bühler ein. Nicht nur die offizielle Schweiz müsse sich für die Flüchtlinge stark machen. «Auch die Kirchen sollen sich für die Evakuierung einsetzen», sagt Bühler. Konkret sollen sie sich bereit erklären, Flüchtlinge in ihre Räumlichkeiten aufzunehmen, in Zusammenarbeit vor Ort mit ihren politischen Gemeinden. Und von den Kirchenleitungen fordert Bühler, dass diese Druck auf den Bundesrat ausüben, «damit er grosszügig die Türen öffnet.»

Bis jetzt haben sich mehrere Kirchen zur Brandkatastrophe geäussert. Darunter auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS). Auf der Kurznachrichtenplattform Twitter schreibt sie: «Die katastrophale Lage des Lagers Moria auf Lesbos erreicht mit dem Feuer heute einen traurigen Höhepunkt. Unsere Solidarität, Gedanken und Gebete gelten den betroffenen Flüchtlingen.»

Sichere Fluchtwege gefordert

Unverständnis über die Zustände im Lager Moria herrscht auch beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz. Das Heks fordere schon lange, dass die Schweiz sichere und legale Fluchtwege einrichtet. «Die Schweiz ist in Zusammenarbeit mit der europäischen Staatengemeinschaft gefordert, einer deutlich höheren Zahl insbesondere verletzlicher Personen als bisher Schutz und Zuflucht zu gewähren», sagt Dieter Wüthrich, Leiter Medien und Information beim Heks.

Dies trage dazu bei, dass Zustände und Situationen, wie sie derzeit auf Lesbos, aber auch andernorts auf der Welt in zahlreichen Flüchtlingscamps herrschten, künftig verhindert werden könnten.

Brandursache ist unklar

Das Feuer in dem völlig überfüllten Lager war laut der griechischen Nachrichtenagentur ANA gegen zwei Uhr in der Nacht ausgebrochen. Wie die offenbar mehreren Brände entstanden, war zunächst unklar. Tausende Menschen brachten sich nach Informationen der Hilfsorganisation medico international vor den Flammen in Sicherheit und irren nun über die Insel. Berichte über Verletzte oder Tote lagen zunächst nicht vor.

Dem Brand waren Proteste von Geflüchteten gegen ihre inhumane Unterbringung und Versorgung sowie gegen unzureichende Massnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung mit Covid-19 vorausgegangen. Seit dem ersten offiziellen Corona-Fall Anfang September war die Zahl der bestätigten Fälle auf 35 angestiegen. (epd/bat)