«Die Menschen sind allein mit den ersten und letzten Fragen»
Herr Bärfuss, Sie sagten einmal in einem Interview: «Ich weiss nicht, was Glauben bedeutet.» Ist das nicht eine denkbar schlechte Ausgangslage, um ein religiöses Stück wie das Welttheater neu zu schreiben?
Tatsächlich ist mir die katholische Bilderwelt fremd. Ich stamme aus dem Berner Oberland, einem Rückzugsgebiet der Reformation. In meiner Familie herrschte eine starke Volksfrömmigkeit, es gab Vorbehalte gegen Hierarchien und gegen die Reformierte Landeskirche. Auf einer anderen Ebene besteht das Problem, dass wir Calderóns Text aus dem 17. Jahrhundert und dessen Bilder nicht mehr verstehen. Wir können uns nicht vorstellen, in welchem Rahmen das Stück aufgeführt wurde: Es war Teil einer Festkultur des Barocks, für die wir keine Begriffe mehr haben. Das Welttheater dauerte eine Woche. Ein ganzer Landstrich wurde mit einem Fest überzogen. Mit grossen Theaterwagen, mit Masken, Feuerwerk und Tänzerinnen. Der Text war nur ein Detail.
Wie konnten Sie das Welttheater ins Heute übersetzen?
Ich hielt mich an die existenziellen Fragen, die das Stück stellt. Welches ist meine Rolle im Leben? Wofür bin ich zu sterben bereit? Was ist ein gutes Leben? Diese Fragen sind ewig gültig. Was sich verändert hat, ist die Resonanz der Themen in der Gesellschaft. Seit dem Barock und seit der Pandemie. Ich habe vor Corona mit der Arbeit begonnen und weiss, dass ich heute auf ein anderes Publikum treffe. Wenn im Welttheater von Seuchen oder vom Krieg die Rede ist, verbinden die Zuschauer damit etwas anderes als 2019.
Vor Ihrem ersten Roman «Hundert Tage» haben Sie mehrere Bühnentexte verfasst, aber nie in Versform wie es im Original des Stücks der Fall ist. Haben Sie dieses Stilmittel je ausprobiert?
Ob Prosa oder Drama – der Rhythmus und der Klang stehen bei meinen Texten am Anfang. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Wenn es um Versmasse geht, habe ich genommen, was mir hilfreich erschien. Das Stück spielt auf einer Bühne, die so gross ist wie sieben Fussballfelder. Der Klosterplatz in Einsiedeln muss nur dem Petersplatz in Rom den Vortritt lassen. Rhythmus und Reim helfen den Schauspielenden und den Hörenden, den Text zu verstehen.
Calderóns Text ist schlank und kurz. Doch zwischen den Zeilen schwingt viel mit. Wie viel Zeit haben Sie dafür aufgewendet, das zu erarbeiten, was am Ende gar nicht im Text steht?
Ich habe mich in die Epoche eingearbeitet und Übersetzungen und Adaptionen des «Grossen Welttheaters» gelesen. Ausserdem habe ich hunderte Stunden an Gesprächen geführt – mit Menschen in Einsiedeln, mit der künstlerischen Leitung, mit Experten. Die Inszenierung besteht nicht aus dem Aufsagen des Textes. Er ist die Karte eines Geländes, auf dem visuelle, akustische und schauspielerische Elemente geschehen. Wir arbeiten mit sämtlichen Mitteln des Theaters und aus dem «Grossen Welttheater» machen wir «The Biggest Show on Earth».
Der spanische Autor Pedro Calderón de la Barca veröffentlichte 1655 «Das grosse Welttheater». In diesem Theaterstück wird wiederum ein Stück aufgeführt, welches das menschliche Leben beispielhaft zeigt. Zu den Rollen zählen unter anderem der «Schöpfer», die «Welt», die «Weisheit» oder der «Arme». Die Figuren treten auf, spielen die Rolle, die sie erhalten haben, treten ab und werden anschliessend aufgrund ihrer Handlungen beurteilt. Die einen kommen in den Himmel, die anderen in die Hölle.
Seit 1924 wird das Stück in Einsiedeln auf dem Klosterplatz aufgeführt. Den Stoff neu bearbeitet haben schon die Autoren Thomas Hürlimann, Tim Krohn und aktuell Lukas Bärfuss. (dst)
Sie haben nicht nur das Stück neu erarbeitet, sondern führen im Zürcher Literaturhaus auch eine Gesprächsreihe dazu durch. Weshalb?
Es ist ein Versuch, die Arbeit hinter dem Stück mit anderen zu teilen. Wir sprechen an vier Abenden über die Figuren auf der Bühne. Mit einer Ausnahme: Der Tod hat keine Rolle. Trotzdem haben wir ihm den ersten Abend gewidmet.
Ein Abend ist für das «Kind» reserviert, obwohl es bei Calderón sofort stirbt und dadurch die kleinste Rolle ist.
Es bekommt nicht nur den Abend, es bekommt das ganze Welttheater.
Wie meinen Sie das?
Ich habe dem Kind mehr Raum gegeben als im ursprünglichen Text. Seine Zuversicht und die Freude am Spiel sind für mich zentral. Schon in der ersten Fassung, die wegen der Pandemie nicht aufgeführt werden konnte, tritt zu Beginn jemand auf und sagt die Aufführung ab. Es ist ein Kind, ein Mädchen, das widerspricht: «Nein, wir müssen unsere Rollen spielen. Wir Kinder wollen spielen.» Das Mädchen übernimmt alle Rollen, von der Bäuerin über die Königin bis zur Greisin. Im Verlauf des Stücks altert sie; denn sie geht durch das Welttheater, das das Leben ist.
Haben Sie durch die Arbeit am Text eine Antwort darauf gefunden, was Glauben bedeutet?
(Denkt nach) Nein. Das ist aber auch nicht nötig. Ich weiss, was Mystik und spirituelle Sehnsucht sind. Ich sehe ein metaphysisches Loch in der Mitte unserer Gesellschaft: Die Menschen sind allein mit den ersten und letzten Fragen. Wir sollten einen gemeinsamen Umgang damit haben und dabei könnte die Institution Kirche helfen. Aber ich persönlich habe nicht das leiseste Bedürfnis nach der Aufhebung der letzten Widersprüche.
Können Sie das erläutern?
Der Glaube, wie ich ihn sehe, ist eine Verschwörung zum Guten. Einer ist für alles verantwortlich – Gott – und die Erlösung von weltlichen Leiden ist möglich. Mein innerer Bauplan ist damit nicht ansprechbar, weil ich in einem Universum lebe, das viele Fluchtpunkte hat und nicht nur einen.
Die Gesprächsreihe «Welttheater» im Literaturhaus Zürich findet noch an zwei Abenden statt. Am Donnerstag, 4. April, spricht Lukas Bärfuss mit Zeit-Journalistin Christiane Grefe über «Bauer und Welt». Am Donnerstag, 16. Mai, empfängt er die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm zu einem Gespräch über «Kind und Urteilskraft».