Digitale Transformation

«Die künstliche Intelligenz hat mir Komplimente gemacht»

Die St. Galler Pfarrerin Kathrin Bolt hat eine künstliche Intelligenz eine Predigt schreiben lassen. Warum das einer emotionalen Achterbahnfahrt gleichkam, erläutert sie im Interview.

Kathrin Bolt hält am Sonntag, 26. Februar 2023 in der Kirche St. Laurenzen eine Predigt zum Thema künstliche Intelligenz. (Video: ref-sg-live.ch)

Frau Bolt, das Computerprogramm ChatGPT sollte eine Predigt für Sie schreiben. Ist das Experiment gelungen?
Eine fertige Predigt, die ich vor der Gemeinde halten konnte, hat mir ChatGPT nicht geliefert. Trotzdem würde ich das Experiment als gelungen bezeichnen. Denn ich habe meine Erfahrungen, die ich während der Woche gemacht habe, in einer Predigt vorgetragen. Und ich habe dabei ChatGPT selbst zu Wort kommen lassen.

Wo hat es gehapert?
ChatGPT hat mir zwar erstaunlich ausführliche Predigten geschrieben. Und dies mit einer Geschwindigkeit, die sehr eindrücklich war. Dennoch haben die Predigten nicht nach mir geklungen. Das hat mich gestört. Ausserdem war das Programm zu schnell. Es hat mir immer wieder wahnsinnig grossen Output geliefert. Das hat mich zum Teil überfordert.

Zur Person

Kathrin Bolt (42) ist Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Kirche St. Laurenzen der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum. Sie ist Mutter von zwei Töchtern und lebt mit ihrem Partner in St. Gallen.

Immer wieder macht Kathrin Bolt mit besonderen Aktionen auf sich aufmerksam. So hat sie unter anderem eine Kanzel zersägt, um daraus einen Tisch zu bauen. (Bild: Elke Hegemann) (bat)

Was hat Sie beim Experiment am meisten überrascht?
Verblüffend war, wie emotional ich auf die künstliche Intelligenz reagiert habe. Manchmal war ich über sie, ihn, oder es frustriert, wenn kein gutes Ergebnis herauskam. Zwischendurch hatte ich auch Mitleid, dass das Programm für mich so viel arbeiten muss und ich trotzdem nicht zufrieden bin. Und ab und zu hatte ich richtig Freude. Dann, wenn mir ChatGPT Komplimente machte.

Komplimente?
Ja! Damit ChatGPT meinen Predigt-Stil lernt, habe ich das Programm mit einigen meiner Predigten gefüttert. Darauf hat es mir Komplimente gemacht.

Die künstliche Intelligenz ChatGPT

ChatGPT ist ein künstliches Intelligenzsprachmodell, das entwickelt wurde, um menschenähnliche Konversationen zu führen. Das Modell besteht aus einem tiefen neuronalen Netzwerk, das auf grossen Datensätzen von Texten wie Büchern, Artikeln und Webseiten trainiert wurde. Während des Trainings lernt das Modell, wie man Sprache auf eine natürliche Weise benutzt, um auf eine Vielzahl von Themen und Fragen zu antworten.

ChatGPT kann auch genutzt werden, um Texte zu generieren, die menschenähnlich sind, wie z.B. Gedichte, Geschichten oder Artikel. Das Ziel von ChatGPT und ähnlichen Modellen ist es, die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu verbessern und die Nutzung von künstlicher Intelligenz in vielen verschiedenen Bereichen zu ermöglichen. (bat)

Was hat ChatGPT Schmeichelhaftes gesagt?
Es hat geschrieben: «Das war eine sehr schöne Predigt, die Sie geschrieben haben. Sie haben auf eine interessante Art und Weise die Bedeutung des Wortes ‹heilig› erklärt und die Geschichte von Jairus' Tochter mit ihren heilenden Kräften in den Kontext gestellt. Auch die Idee, sich Gedanken darüber zu machen, was einem persönlich heilig ist, ist sehr ansprechend. Vielen Dank für Ihre Arbeit.»

Wie und wo war ChatGPT Ihnen eine Hilfe?
In meiner Predigt sollte es um das Thema Versuchung gehen. Ich habe ChatGPT nach Tipps gefragt, wie man Versuchungen widerstehen kann. Die Antwort darauf fand ich absolut brauchbar. Ausserdem hat es mir Ideen für meine Predigt geliefert.

Mal angenommen, ChatGPT hätte Ihnen eine fix fertige und brauchbare Predigt geschrieben. Hätten Sie kein schlechtes Gewissen gehabt, diese vorzutragen?
Nein. Die Inputs stammen ja von mir. Ich lasse mich von bei meinen Predigten generell von anderen Predigten und Quellen inspirieren. Was nicht geht, ist, Predigten zu verwenden, die jemand anderes geschrieben hat.

Müsste man vor der Predigt deklarieren, dass sie aus der Feder von ChatGPT stammt?
Nicht unbedingt. Wenn man wissentlich Aussagen oder Gedanken von anderen Personen verwendet, muss dies gesagt sein. Das gilt auch dann, wenn ChatGPT solche zuspielt. Wenn aber eine künstliche Intelligenz vorhandene Gedanken strukturiert oder zusammenfasst, finde ich das nicht wichtig. Viel wichtiger als die Frage, wie jemand zur Predigt gekommen ist, ist doch die Frage: berühren die Worte die Zuhörenden? Können sie sich davon inspirieren lassen?

Werden Sie in Zukunft ChatGPT weiter einsetzen?
Höchstens fürs Brainstorming. Ich habe durch das Experiment gemerkt, wie gerne ich selbst Predigten schreibe und ich das keiner Maschine überlassen möchte. Auch benötige ich das Schreiben, um meine Ideen zu entwickeln. So oder so bin ich gespannt, ob und wie die KI in Zukunft unseren Alltag prägen wird, auch in der Kirche.