Nachhaltigkeit

«Die Kirche soll sich weiter für den Klimaschutz starkmachen»

Die Schweizer Stimmbevölkerung hat das CO2-Gesetz an der Urne abgelehnt und damit dem Klimaschutz einen herben Rückschlag erteilt. Kurt Zaugg-Ott, Fachstellenleiter beim ökumenischen Verein «oeku –Kirchen für die Umwelt», will weiter fürs Klima kämpfen – und sieht in den Kirchen wichtige Partner.

Mitglieder des Klimastreiks halten auf dem Bundesplatz am 13. Juni ein Banner hoch, auf dem sie weiteres Engagement für den Klimaschutz fordern. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer)

Herr Zaugg-Ott, Sie haben sich für die Agrarinitiativen sowie das CO2-Gesetz starkgemacht. Alle erlitten eine Bruchlandung. Wie geht es Ihnen eine Woche nach dem Abstimmungssonntag?
Wir haben in den letzten Jahren nicht oft zu den Gewinnern bei Abstimmungen gehört. Es geht mir auch diesmal nicht anders: Man muss sich zusammenraufen und schauen, was man im Rahmen der Möglichkeiten machen kann, um seine Anliegen weiter voranzutreiben.

Zur Person

Der Theologe Kurt Zaugg-Ott ist Fachstellenleiter beim ökumenischen Verein «oeku – Kirchen für die Umwelt». Die Organisation setzt sich unter anderem für Biodiversität und die Bewahrung der Schöpfung ein. Sie wird von Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und Pfarreien unterstützt. (bat)

Die oeku hat sich beim CO2-Gesetz klar öffentlich positioniert. Die Kirchen dagegen waren – anders als bei der Konzernverantwortungsinitiative (KVI) – diesmal äusserst zurückhaltend. Ein Fehler?
Tatsächlich hat es im Unterschied zur KVI keine Kampagne der Kirchen gegeben. Ich hätte mir eine klarere Positionierung gewünscht.

Die Kirche sagt und schreibt immer wieder, dass sie sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt. Was kann sie jetzt tun?
Sie soll sich weiterhin öffentlich für die Bewahrung der Schöpfung starkmachen. In der Kirche, im Gottesdienst, in der Kirchgemeinde. Es passiert ja auch viel.

Zum Beispiel?
Die Kirchgemeinde Bülach hat von 2007 bis 2010 im Rahmen eines Legislaturziels alle fossilen Heizungen durch erneuerbare ersetzt. Die Landeskirche Zürich möchte, dass alle Kirchgemeinden das Umweltmanagement Grüner Güggel einführen, und letzte Woche hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) an ihrer Synode ein Handlungsfeld «Bewahrung der Schöpfung» gutgeheissen.

Sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, ist leichter gesagt als getan. Was können Kirchgemeinden und Landeskirchen konkret für mehr Nachhaltigkeit tun?
Zum Beispiel soll bei der Gebäudesanierung darauf geachtet werden, dass die Ölheizung durch eine nachhaltigere Variante ersetzt wird. Oder Kirchgemeinden können bewusst ein Umweltmanagement einführen. Etwa den Grünen Güggel, für den sie sich bei uns zertifizieren lassen können.

Oder Solaranlagen auf Kirchendächern installieren?
Das ist aufgrund des Denkmalschutzes nicht so einfach. Und eine Solaranlage reicht nur in Ausnahmefällen, um eine Kirchenheizung mit Strom versorgen zu können. Es ist eher so, dass zum Beispiel auf Kirchgemeindehäusern Solarpanels zum Einsatz kommen.

Sind Gotteshäuser nicht per se Energieverschwender? Es sind sehr grosse Räume, die nur noch von wenigen genutzt werden.
Das ist sicher richtig. Man muss aber dazu sagen, dass rund die Hälfte der Kirchen eine Elektroheizung haben. Und der verwendete Strommix ist in der Schweiz nicht sehr CO2-lastig.

51,6 Prozent lehnten CO2-Gesetz ab

Am 13. Juni sagten 1’671’150 Stimmbürgerinnen Nein zu einem neuen CO2-Gesetz, was einem Anteil von 51,6 Prozent entspricht. 1’568’036 oder 48,4 Prozent legten ein Ja in die Urne. Die Vorlage wurde vor allem in ländlichen Gebieten abgelehnt.

Mit dem neuen CO2-Gesetz hätten verschiedene Massnahmen eingeführt werden sollen, damit weniger CO2 ausgestossen wird. Darunter wären Lenkungsabgaben, Investitionen in den Klimaschutz und Regelungen zum technischen Fortschritt gewesen. (bat)

Was ist mit den Pfarrhäusern? Sie sind oft gross, alt, schlecht isoliert und nur von wenigen Personen bewohnt. Und trotzdem halten die Kirchen oft an der Residenzpflicht fest.
Die Residenzpflicht wird ja nicht wegen der alten Pfarrhäuser infrage gestellt, sondern wegen veränderter Bedürfnisse der Pfarrpersonen. Pfarrhäuser sind oft historische und denkmalgeschützte Gebäude. Sie energetisch zu verbessern, ist durchaus möglich, hat aber seinen Preis. Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz. Ein Grundproblem ist, dass Kirchgemeinden oft wenig Interesse haben, den Energieverbrauch in Pfarrhäusern zu senken, weil die Pfarrpersonen die Energiekosten tragen müssen. Anders ist es bei Kirchgemeindehäusern und Kirchen.

Zusammengefasst: Wo stehen die reformierten Kirchen in puncto Klimaschutz?
Im Allgemeinen dürften die Kirchen im gesellschaftlichen Mittelfeld rangieren. Sie haben mit den alten Gebäuden einen Nachteil, weil diese sich schlecht heizen lassen. In der Schweiz haben seit 2015 aber 31 Kirchgemeinden das Zertifikat Grüner Güggel erhalten – eine ähnliche Zahl hat sich auf den Weg gemacht. Konkret heisst das, dass sie systematisch und organisiert zehn umweltrelevante Bereiche überprüfen und darüber Rechenschaft ablegen. Zum Beispiel beim Energie- und Wasserverbrauch, bei der Abfallentsorgung oder bei der Biodiversität. Zudem verpflichten sie sich, ihre Umweltleistung fortlaufend zu verbessern und die Erfolge zu kommunizieren. Den Rhythmus und das Ausmass der Verbesserungen bestimmen sie aber selber.

«Die Gletscherinitiative ist in der Pipeline. Es wäre ein Erfolg, wenn man so den Klimaschutz in der Verfassung verankern könnte.»

Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Umweltsünden der Kirchen?
Ich würde nicht von «Sünden» sprechen. Aber sicher dürfte der Energieverbrauch zentral sein. Wenn der nicht systematisch kontrolliert und begrenzt wird, ist das wahrscheinlich der relevanteste Faktor. Weiter dürften auch die Einkaufs- und Essensgewohnheiten bei Mittagstischen und Apéros, das Abfallaufkommen oder Gemeindereisen ein Thema sein.

Was können Kirchenmitglieder selbst fürs Klima tun?
Das, was eigentlich allgemein bekannt ist: Sich mehr zu Fuss oder mit dem Velo fortbewegen, ein Elektro-Auto fahren, nicht zu viel Wohnraum in Anspruch nehmen, weniger fliegen, mehr vegetarisch essen, lokal und saisonal einkaufen.

In der biblischen Botschaft spielt Hoffnung eine wichtige Rolle. Nach dem herben Rückschlag beim CO2-Gesetz: Haben Sie noch Hoffnung, dass die Schweiz die Klimaziele erreicht?
Bei der Schweizerischen Evangelischen Synode, einer Erneuerungsbewegung aus den 1980er Jahren, war das Motto «dennoch hoffen». Dem versuche ich nachzuleben. Der bedrohlichen Entwicklung ins Auge sehen, sich aber davon nicht lähmen lassen und tun, was möglich ist. Der Historiker Philipp Blom hat diese Art von Hoffnung sehr gut beschrieben: «Das Schlimmste, was wir tun können, ist die Zahlen anzuschauen. Wir müssen jetzt tun, was wir tun können, in der Hoffnung, dass es für uns doch anders sein könnte. Ist diese Hoffnung gerechtfertigt? Eigentlich nicht. Aber wenn jemand in hundert oder zweihundert Jahren auf uns zurückschaut, kann es durchaus sein, dass eben diese Hoffnung das Einzige war, was die Zukunft möglich gemacht hat.»

Was wollen Sie als Nächstes gegen den Klimawandel in Angriff nehmen?
Die Gletscherinitiative ist in der Pipeline. Es wäre ein Erfolg, wenn man so den Klimaschutz in der Verfassung verankern könnte. Mit der Gletscherinitiative würde dort zudem nicht nur das Ziel von null CO2 bis 2050 festgeschrieben, sondern auch ein linearer Absenkungspfad. Bei Annahme muss aber der Verfassungstext wieder in einem Gesetz umgesetzt werden, das wiederum eine allfällige Referendumsabstimmung überstehen muss. Das benötigt Zeit, die wir beim Klimawandel eigentlich nicht haben.