Wahlen in Deutschland

«Viele Menschen fühlen sich nicht gehört»

EKS-Präsidentin Rita Famos hat die Wahlen in Deutschland mit Sorge verfolgt. Was es nun brauche, sei ein offener Dialog – dabei könnten auch die Kirchen eine Rolle spielen.
In den neuen Bundesländern hat die AfD besonders viel Zulauf. Wahlplakat der AfD in Halberstadt in Sachsen-Anhalt. (Bild: Matthias Schrader / Keystone)

Frau Famos, wie haben Sie den Wahlsonntag erlebt?
Ich habe viele Freundschaften und berufliche Verbindungen, die mich mit Deutschland verbinden, deshalb habe ich den Wahlsonntag mit grossem Interesse verfolgt. Die Ergebnisse geben mir zu denken – insbesondere das starke Abschneiden der AfD in den neuen Bundesländern. Sie zeigen, dass in Deutschland nach wie vor tiefe gesellschaftliche Spannungen bestehen.

«Die offenen Wunden der Vergangenheit müssen stärker thematisiert werden.»
Rita Famos

Hat Sie dieses starke Abschneiden erschreckt?
Ja, es ist besorgniserregend, dass eine in Teilen rechtsextreme Partei in vielen Teilen Deutschlands so grossen Rückhalt findet. Besonders nachdenklich macht mich, dass die AfD in den neuen Bundesländern so stark geworden ist. Das zeigt, dass sich viele Menschen nicht gehört und vertreten fühlen.

In einem Facebook-Post sprechen Sie diesen Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern an. Sie schreiben dazu: «Die Wiedervereinigung braucht noch ein Kapitel». Wie ist das gemeint?
Ich habe 1988/89 in der DDR studiert und die Wende hautnah mit meinen Studienkolleginnen erlebt. Die Wiedervereinigung war ein historischer Meilenstein, aber sie ist noch nicht vollständig vollzogen. Es gibt weiterhin spürbare Unterschiede zwischen Ost und West – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Viele Menschen im Osten fühlen sich nicht gleichwertig gehört. Diese offenen Wunden der Vergangenheit müssen stärker thematisiert werden.

«Die Kirchen können eine wichtige Rolle spielen, indem sie Räume für Begegnung und ehrliche Gespräche schaffen.»
Rita Famos

Ihre Forderung lautet: «Deutschland muss reden». Was heisst das konkret?
Es braucht einen ehrlichen, offenen Dialog über die Herausforderungen der Wiedervereinigung, über soziale Ungleichheit, Zukunftsängste und das Gefühl vieler Menschen, nicht ernst genommen zu werden. Dieser Austausch sollte nicht nur auf politischer Ebene, sondern in der ganzen Gesellschaft stattfinden.

Welche Rolle könnten die Kirchen dabei spielen?
Es ist nicht an mir zu sagen, was die deutschen Partnerkirchen jetzt zu tun haben. Aber ich erkenne ein grosses Potenzial. Die Kirchen können eine wichtige Rolle spielen, indem sie Räume für Begegnung und ehrliche Gespräche schaffen. Gerade die deutschen Kirchen haben nach dem 2. Weltkrieg eine grosse Erfahrung mit Dialog und Versöhnung erworben.  In der friedlichen Revolution von 1989 waren sie Orte des Zusammenkommens und der Orientierung. Auch heute können sie Brücken bauen, Menschen miteinander ins Gespräch bringen und für gesellschaftlichen Zusammenhalt einstehen.

Redaktioneller Hinweis: Das Interview wurde auf Wunsch der Gesprächspartnerin schriftlich geführt.

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