«Der Klimawandel raubt den Menschen die Lebensgrundlage»
Ostafrika wird von der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren heimgesucht. Infolgedessen sind 36 Millionen Menschen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. «Es gab grosse Ernte- und Weideausfälle», sagt Federico Riccio, Leiter der Ostafrika-Programme in der Abteilung globale Zusammenarbeit von Heks, dem Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.
Seit Ende 2020 herrsche vor allem im südöstlichen Teil Äthiopiens eine extreme Dürre, nachdem die Regenzeiten weit unterdurchschnittlich waren oder gar ausfielen. «Es ist noch nie vorgekommen, dass fünf Regenzeiten hintereinander ausgefallen sind. Der Klimawandel zerstört die Lebensgrundlagen der Menschen und ihre traditionellen Sozialsysteme», sagt Riccio.
Als Folge der Dürre trocknen die traditionellen Wasserstellen immer mehr aus, sauberes Trinkwasser ist kaum noch verfügbar, und die schlechten hygienischen Bedingungen aufgrund des Wassermangels sind der Nährboden für lebensbedrohliche Krankheiten.
Seit zwei Jahren bekämpfen sich in Äthiopien die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und Regierungstruppen. Diese werden auch aus dem Nachbarland Eritrea unterstützt. Der Bürgerkrieg in Äthiopien zählt zu den weltweit tödlichsten Konflikten. Laut Schätzungen der Denkfabrik «International Crisis Group» wurden Zehntausende Menschen getötet.
Millionen von Menschen haben zudem nicht genug zu essen, Hunderttausende sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht. Laut Amnesty International wurde Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt. Eine Expertengruppe der UNO kam zu dem Schluss, dass auch Hunger eine Kriegsstrategie der Regierung war. Die Zentralregierung in Addis Abeba hat immer wieder Hilfslieferungen in die Region blockiert.
Anfang November hatten sich die äthiopische Zentralregierung und die TPLF unter Vermittlung der Afrikanischen Union auf einen Waffenstillstand und die Wiederherstellung eines anhaltenden Friedens geeinigt. (bat)
Besonders problematisch sei die Situation für die Viehzucht. Mehr als neun Millionen Nutztiere seien bereits verendet, 22 Millionen weitere seien vom gleichen Schicksal bedroht. «Infolgedessen ist die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen nicht mehr gesichert, und sie sind gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, um nach Möglichkeiten zu suchen, sich selbst zu versorgen», so Riccio. «Die durch die Dürre verursachte Vertreibung hat im letzten Jahr stark zugenommen. Die Menschen ziehen in die Nähe von Autobahnen oder Städten, um irgendeine Form von alternativem Lebensunterhalt zu finden.» Diese Abwanderung werde sich auf die traditionelle Sozialstruktur der Region auswirken, fügt er hinzu. Es sei ungewiss, ob die Menschen jemals wieder in ihre Dörfer zurückkehren werden, sagt er.
In erster Linie konzentriere sich Heks darauf, den Zugang zu sauberem Wasser für die lokale Bevölkerung zu verbessern. «Wir prüfen auch den Bau von Mikrodämmen, um die Wasserrückhaltung im Boden während der Regenzeit zu erhöhen und so die Weideproduktion zu steigern», sagt Riccio.
Federico Riccio ist seit 2018 Programmverantwortlicher für Ostafrika beim Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). (bat)
Das Hilfswerk kümmere sich zudem um verbesserte sanitäre Einrichtungen. Auch sei bereits dürreresistentes Saatgut verwendet und Bargeld verteilt worden. Heks setzt dabei auf das Konzept «Bargeld für Arbeit». Dadurch erhalten die Familien kleine Mengen an Bargeld und können sich in Krisenzeiten besser versorgen. «Die Preise auf den Viehmärkten sind zusammengebrochen. Unicef weist darauf hin, dass die geringere Verfügbarkeit von Lebensmitteln in den ländlichen Gebieten die Familien dazu veranlasst, junge Mädchen zu verheiraten», sagt Riccio. So würden sie durch das Brautgeld der Familie des Ehemannes an zusätzliche Ressourcen gelangen. Zudem hoffe die Familie, dass ihre Tochter von wohlhabenderen Familien ernährt und beschützt werde.
Derzeit ist Heks hauptsächlich im Süden Äthiopiens aktiv. Als der Krieg in der nördlichen Region Tigray ausbrach, sei Heks nicht in der Region tätig gewesen. «In Äthiopien sind in kurzer Zeit mehrere Krisen gleichzeitig aufgetreten. Das macht die Situation so schwierig, und eine Besserung ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht», sagt Riccio.