Sklaverei

Debatte um Reparations­zahlungen in den USA neu entbrannt

Polizeigewalt, Armut, Benachteiligung: Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat in den USA auch die Forderung nach Reparationen für die Sklaverei neu befeuert. Manche Kirchen nehmen das Thema sehr ernst.

Mehr als 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei wird in den USA die Forderung lauter: Die Regierung müsse die Nachkommen von Millionen versklavten Menschen entschädigen, die der Nation unter grössten Leiden immensen Reichtum gebracht haben. In Kalifornien hat Gouverneur Gavin Newsom Ende September ein Gesetz unterzeichnet, das die Schaffung einer staatlichen Arbeitsgruppe zu Reparationen vorsieht. Sklaverei sei zu «strukturellem Rassismus» geworden, der in Institutionen festsitze, sagte er. Auch in der Hauptstadt Washington will Stadtrat Kenyan McDuffie ein solches Komitee. Man müsse zugestehen, dass die gesetzlich geregelte Sklaverei und Diskriminierung danach schwarzen Amerikanern Chancen auf Wohlstand verwehrt hätten, so McDuffie.

Die Black-Lives-Matter-Kundgebungen haben in den vergangenen Monaten die schon lange schwelende Debatte um Reparationen belebt. Laut einer Umfrage des «Public Religion Research Institute» vom Oktober befürworten 76 Prozent der schwarzen, jedoch nur 16 Prozent der weissen US-Amerikaner Reparationen.

Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung stürzen im Juni 2020 die Statue des Südstaaten-Generals Albert Pike in Washington. (Bild: Keystone/Maya Alleruzzo)

Die «Brookings Institution», ein der Demokratischen Partei nahe stehender Think Tank, legte im April eine Studie zum Thema vor. Sie kommt zu dem Ergebnis, es gebe «wirtschaftliche, soziale, und moralische Gründe» für Reparationen. Das Vermögen weisser Familien sei im Schnitt zehn Mal grösser als das schwarzer. Es sei nur gerecht, wenn angesichts von Sklaverei und Ausbeutung Zahlungen an Nachkommen und andere Massnahmen beschlossen würden.

Der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, vertritt hingegen die Ansicht, es sei «keine gute Idee», Reparationen für etwas zu zahlen, für das die Lebenden «nicht verantwortlich sind».

Der Krieg endete, das Unrecht blieb

Rund 250 Jahre dauerte die Zeit der Sklaverei in den USA. Sie endete während des Amerikanischen Bürgerkriegs zwischen den Nordstaaten und den Sklaven haltenden Südstaaten (1861-1865). Befreiten Schwarzen wurde daraufhin Ackerland versprochen. Bekommen haben sie jedoch nichts. Die Plantagenbesitzer erhielten ihr Land trotz der Niederlage im Krieg zurück. Gesetze zur Rassentrennung zementierten die Benachteiligung der Afroamerikaner für weitere fast 100 Jahre.

Die Epoche der Sklaverei mit ihrer ausserordentlichen Brutalität, den Vergewaltigungen, dem Auseinanderreissen von Familien, ist ein unangenehmes Thema im weissen Amerika. Beim Hinschauen werden patriotische Mythen erschüttert, die auch am heldenhaften Image des ersten US-Präsidenten George Washington (1732-1799) kratzen. Ebenso wie Gründervater Thomas Jefferson (1743-1826) versklavte Washington auf seinen Gütern Hunderte schwarzer Menschen. Und vor zwei Jahren dokumentierte Historikerin Erica Armstrong Dunbar sogar seinen Versuch, eine von ihm in die Freiheit geflohene versklavte Frau und deren Kinder zu entführen.

Auch Kirchenmitglieder profitierten

Teile der US-Kirchen nehmen das Thema Reparationen sehr ernst. Das Konzept der Wiedergutmachung sei biblisch, erklärte beispielsweise der Präsident des ökumenischen Nationalen Kirchenrates, Jim Winkler, auf einer Konferenz im Oktober. Dabei erinnerte er an eine berühmte Rede des Bürgerrechtsaktivisten Jim Forman vom Mai 1969. Es war eine dramatische Szene, als Forman in der ehrwürdigen Riverside Kirche in New York City zur Kanzel ging und das «Schwarze Manifest» verlas: Kirchen und Synagogen besässen enormen Reichtum. Und ihre Mitglieder, «das weisse Amerika», hätten von der Ausbeutung schwarzer Menschen profitiert.

Forman forderte dafür 500 Millionen Dollar Reparationen. Der Organist habe den Redner mit dem Lied «May Jesus Christ be Praised» übertönt, heisst es in einer Erinnerung auf der Webseite der Kirche. Die Riverside-Gemeinde reagierte dennoch: Sie hat nach der Rede eine «Stiftung für soziale Gerechtigkeit» eingerichtet. (epd)