80. Geburtstag von Sebastião Salgado

Das Schrecklichste und das Schönste fotografieren

Goldgräber in Brasilien, Kriegsopfer in Uganda: Mit sozialkritischen Fotos hat sich Sebastião Salgado zum Anwalt der Entrechteten gemacht. Mit «Genesis» hat er zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen.

Sebastião Salgado hat seine Ausstellung «Genesis» in Lausanne 2013 persönlich eröffnet. Der Chronist von Ausbeutung, Gräueln und Leiden suchte dafür plötzlich nach Bildern der Erhabenheit und Zartheit der Welt. (Bild: Christian Brun/ Keystone)

Schwarzweissfotos aus einer brasilianischen Goldmine lassen den Atem stocken. Halbnackte Menschen auf halsbrecherisch steilen Leitern, aufgestellt an Abgründen, Erdhügeln, Schluchten, das alles in schwindelerregenden Perspektivwechseln. Der Bildband «Gold» zählt zu den fotografischen Ikonen eines Genres, das mit sozialdokumentarisch nur unzureichend beschrieben ist.

Sebastião Salgado vermittelt in seinen Fotoarbeiten eine intensive Annäherung an die Menschen. Er nähert sich ihren Schicksalen an, zeigt ihre Heimatlosigkeit und transportiert sein tief empfundenes Mitgefühl mit den Schwächsten der Schwachen. Am 8. Februar wird der Fotograf 80 Jahre alt.

Flucht nach Paris

Zunächst studierte er Wirtschaftswissenschaft und emigrierte später mit seiner Frau nach Paris. Es war eine Flucht: Das Paar hatte sich gegen die Militärdiktatur in Brasilien engagiert. Seit 1973 widmet Salgado sich ganz der Fotografie. Grossformatige Bücher sind sein Hauptmedium. Neben «Gold» waren es beispielsweise «Arbeiter», «Kinder», «Migranten». Er zeigt Zuckerrohrarbeiter in Kuba, Schwefelsammler in Indonesien, Goldgräber in Brasilien.

Seine Arbeiten werden oft unterstützt von Organisationen wie «Ärzte ohne Grenzen» oder Unicef. Als erstem Fotografen überhaupt wurde Salgado 2019 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen: Sein Werk diene, wie es das Statut verlangt, dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker.

Ästhetik des Leids

Es gibt auch Kritik: Ob die Fotos nicht in sich zu perfekt seien, zu sehr einer Suche nach den besten Licht- und Schatteneffekten verpflichtet, auch einer Komposition, die in sich eine eigene Schönheit berge und damit das eigentliche Sujet in den Hintergrund treten lasse? Andererseits sprechen seine Bilder sehr direkt. Sie zeigen eine schreckensgesättigte Realität in aller Deutlichkeit, gesteigert durch das abstrahierende Schwarz-Weiss, das eine andere, härtere Ebene einzieht und das Elementare, Existentielle herausarbeitet.

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders hat der Arbeit Salgados einen Dokumentarfilm gewidmet: «Das Salz der Erde» (2014). Wie beim späteren Projekt «Genesis» ist es ein Titel mit Bezug zur Bibel. Co-Regisseur war Salgados Sohn Juliano Ribeiro. Die Filmkamera begleitet den Fotografen bei der Arbeit, zeigt biografische Linien, kommentiert Haupteigenschaften seines epochalen Werkes, dessen Schwerpunktphasen oft mehrere Jahre umfassen.

Der Film zeigt einen wichtigen Prozess in diesem Künstlerleben: Die Hinwendung zu einem Projekt, das eine einzige Hymne an die Schönheit der Erde ist – «Genesis». Dafür fotografierte er Meere und Wüsten, die Arktis und den Amazonas, Seelöwen, Wale, Rentiere. Dieses Mammutwerk begann Salgado 2004. Es erlaubt atemberaubende Einblicke in noch unberührte Landschaften und Lebensräume der Welt. Ob Salgado den Begriff der Schöpfung biblisch versteht? Er selbst spricht von einer «visuellen Liebeserklärung an die Erhabenheit und Zartheit der Welt».

Gewalt und Verderben

Zuvor hatte er buchstäblich in finstere Abgründe geblickt. Er dokumentierte Bürgerkrieg, Völkermord und Flucht in Ruanda. Seine Bilder der Menschen in der Sahelzone, die vor der Dürre flüchten, sind an der Grenze des Zeigbaren.

«Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen», hat der Fotograf diese Erfahrungen einmal zusammengefasst. «Unsere Geschichte besteht aus Kriegen, eine endlose Geschichte, auch eine Geschichte der Unterdrückung, des Irrsinns.»

Umweltschutz und Schönheit

Nach diesen erdrückenden Erlebnissen sah sich der Vater von zwei Kindern als sozialer und humaner Fotograf zutiefst infrage gestellt. Das führte zu einer weiteren Wende, zu einem grossen neuen Lebensprojekt: Er beschloss die Rinderfarm seines Vaters in Brasilien wieder zu beleben, die total abgeholzt worden war. Die Idee dazu hatte seine Frau Lélia, die einst auch seine fotografische Passion angestossen hatte. Über 600 Hektar des kahlen und unfruchtbaren Farmgeländes wurden mit drei Millionen Bäumen aufgeforstet. Salgados Projekt wurde vielerorts zum Vorbild.

Dass diese neue Lebenserfahrung schliesslich auch zum Werk «Genesis» führte, der fotografischen Hommage an den Planeten, verurteilten manche als Verrat an der früheren sozialkritischen Arbeit. Doch Salgado sieht «Genesis» als ultimative Aufforderung, die Grundlagen der Schönheiten der Welt zu bewahren.