Migration

Das Ringen mit dem Schicksal

Mit der Kamera hat Mehdi Sahebi die Hoffnungen, die Trennungsschmerzen und die Traumata afghanischer und iranischer Flüchtlinge in der Schweiz eingefangen. Mit unterschiedlichen Strategien versuchen sie, ihrem Schicksal zu begegnen.

Mahmad kämpft mit einem Kriegstrauma und der Ungewissheit, ob er in der Schweiz bleiben darf. (Bild zVg)

Mehdi Sahebi, Sie haben sechs Jahre lang afghanische und iranische Asylsuchende in der Schweiz mit der Kamera begleitet. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Das Projekt geht auf eine Initiative des Startenors Christoph Homberger zurück. Er wollte 2015 einen Chor mit Flüchtlingen und Einheimischen gründen und hat mich gefragt, ob ich ihn dabei unterstützen wolle. Ich habe ihm angeboten, dass ich das Projekt dokumentiere. Also habe ich an den Chorproben teilgenommen. Am Anfang waren vielleicht zehn Leute dabei, aber neun Monate später fanden am Zürcher Hauptbahnhof und vor dem Opernhaus Konzerte mit Tausenden Teilnehmern statt. In dieser Zeit habe ich Menschen aus vielen Ländern kennengelernt und realisiert, dass ich einen Film mit ihnen machen möchte. Zu den Menschen aus Afghanistan und dem Iran hatte ich einen besseren Zugang, weil ich ihre Sprache spreche. Meine Arbeit hat aber erst nach dem Chor richtig begonnen.

Der Chor spielt in Ihrem Film «Prisoners of Fate» letztlich gar keine Rolle. Was wollten Sie stattdessen zeigen?
Für mich sind die Protagonisten in erster Linie nicht Flüchtlinge, sondern Menschen in besonderen Situationen. Zu sehen, was sie aus ihrer Lage machen und welche Entscheidungen sie treffen, fand ich spannend. Bei den Chorproben wäre es weniger um einzelne Personen gegangen, das hätte einen ganz anderen Film ergeben.

Die Protagonisten ihres Dokumentarfilms warten in der Schweiz auf ihren Asylentscheid – es ist für sie eine Zeit voller Ungewissheit. Wie haben die Menschen auf Ihr Anliegen reagiert, sie dabei zu filmen?
Am Locarno Film Festival hat die afghanische Protagonistin Sanam gesagt, dass sie ihre Geschichte erzählen wollte. Die Menschen sollten wissen, was ihr widerfahren war. Es gab aber auch Protagonisten, die nicht im Film vorkommen. Mit einem Jungen habe ich mehrere Monate gedreht, doch dann wollte er nicht mehr vor der Kamera sprechen. Ein solcher Film ist immer eine Reise mit ungewissem Ausgang. Leute können aussteigen, das Projekt kann scheitern.

«Zuhören ist das grösste Geschenk, das man einem Menschen machen kann.»
Mehdi Sahebi, Filmemacher

Sanam und ihr Mann kämpfen im Film darum, dass ihr sechsjähriger Sohn, von dem sie auf der Flucht getrennt wurden, ihnen in die Schweiz folgen darf. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Ihnen und den Protagonisten des Films beschreiben?
Wenn man sich so intensiv miteinander befasst, entsteht eine Art Freundschaft. Wobei: Freundschaft setzt eigentlich voraus, dass man keinen Zweck verfolgt. Und ich wollte ja einen Film machen. Trotzdem waren die Protagonisten sehr grosszügig und haben mich als Freund angenommen.

Wie konnten Sie eine solche Nähe zu den Protagonisten herstellen?
Zuhören ist das grösste Geschenk, das man einem Menschen machen kann. Das setzt viel Geduld voraus. Mit der Zeit entwickelt sich eine Atmosphäre, in der die Menschen sich öffnen und über sich selbst und ihre persönlichen Erfahrungen sprechen. Filmarbeit verändert die Menschen.

Sie sind selbst vor rund 40 Jahren aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Wie haben Sie Ihre Anfänge in der Schweiz erlebt?
Ich fühlte mich in einer ähnlichen Situation wie die Protagonisten im Film. Auch ich durchlebte diese Phasen der Orientierungslosigkeit, des Wartens und der Auseinandersetzung mit mir selbst. Mein Ziel war es, genau diese Prozesse festzuhalten.

«Wäre Mahmad im Iran im Gefängnis geblieben, hätte das Filmmaterial gegen ihn verwendet werden können.»
Mehdi Sahebi, Filmemacher

Der Protagonist Mahmad war Soldat und leidet an einem Kriegstrauma. Er ist überzeugt, dass alles aus einem Grund geschieht, gleichzeitig ist er geflohen. Wie geht das zusammen?
Der Glaube an das Schicksal setzt voraus, dass man akzeptiert, was einem widerfährt. Aber genau das tun die Protagonisten nicht – sie versuchen, ihre Situation auf ihre Weise zu ändern. Mahmad sagte einmal, dass seine Flucht für ihn eine Prüfung war. Die Menschlichkeit hätte von ihm verlangt, dass er nicht mehr mitmacht und wegläuft.

Wie war es, als Mahmud in den Iran zurückmusste?
Das war schlimm. Hinzu kam, dass er auch noch verhaftet wurde. Ich dachte, dass ich ihn aus dem Film weglassen muss. Wäre er im Iran im Gefängnis geblieben, hätte das Filmmaterial gegen ihn verwendet werden können. Zum Glück schaffte er es mit grosser Mühe Ende 2022 wieder in die Schweiz. So habe ich begonnen, den Film fertig zu schneiden.

Welchen Einfluss haben Ereignisse wie die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan oder die Proteste im Iran wegen des Todes der Studentin Mahsa Amini gespielt?
Sie haben einen grossen Einfluss auf die Psyche der Protagonisten. Diese blicken immer mit einem Auge auf ihr Land. Sie haben Familie und Freunde dort zurückgelassen. Und sie würden gerne zurückkehren, wenn sich die Situation verbessern würde. Mahmad sagt beispielsweise immer wieder, dass er sofort zurückkehren würde, falls die Mullahs den Iran verlassen würden und eine neue Regierung an die Macht käme.

«Es ist offensichtlich, dass die Islamische Republik keinen gesellschaftlichen Rückhalt mehr in der Bevölkerung hat.»
Mehdi Sahebi, Filmemacher

Welche Gedanken hat die jüngste Protestwelle im Iran bei Ihnen ausgelöst?
Es hat in mir die grosse Hoffnung geweckt, dass sich im Iran etwas verändern wird. Es ist offensichtlich, dass die Islamische Republik keinen gesellschaftlichen Rückhalt mehr in der Bevölkerung hat. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis die islamische Regierung gestürzt wird.

Zur Person

Der Filmemacher Mehdi Sahebi ist 1963 im Iran zur Welt gekommen. Er hat an der Universität Zürich Ethnologie, Geschichte und Völkerrecht studiert und in visueller Anthropologie promoviert. Sein Film «Zeit des Abschieds» handelt vom Reflexionsprozess eines todkranken Mannes, der an einer Drogensucht litt. Im Spielfilm «MIRR» geht es um die Vertreibung von Dorfbewohnern durch Plantagenbesitzer. Sahebi ist ausserdem Dozent an der Hochschule Luzern.

Statt beim Singen sind die Protagonisten im Film immer wieder beim Tanzen zu sehen. Welche Bedeutung haben diese Szenen?
Tanzen ist unter den Taliban in Afghanistan und im Iran bereits seit der islamischen Revolution verboten. Die Diktaturen versuchen, die Menschen zu entmutigen und ihnen die Hoffnung zu nehmen. Trotzdem tanzen und protestieren Frauen und Männer auf den Strassen im Iran. Ich finde es bewundernswert, dass auch die Protagonisten das tun, was sie mögen. Sie tanzen in Flüchtlingsheimen und spenden einander Trost. Solche Tanzszenen habe ich gelegentlich in den Film eingefügt, um der Monotonie des gesprochenen Textes entgegenzuwirken.

Wie war es für Sie, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die Ihre Muttersprache sprechen?
Fast alle Filme, die ich gedreht habe, waren auf Deutsch oder einer anderen Fremdsprache. Als mich Christoph Homberger anrief, arbeitete ich an meinem letzten Film «MIRR», den ich in Kambodscha gedreht hatte. Während der Dreharbeiten in Kambodscha verstand ich nicht, was gesprochen wurde, und brauchte einen Übersetzer. Und dann treffe ich in Zürich quasi vor meiner Haustüre auf einmal Menschen, die meine Muttersprache sprechen. Nur schon aus diesem Grund musste ich diesen Film machen.

«Prisoners of Fate» ist ab dem 14. März im Kino zu sehen.