«Die Schweiz ist beim Vaterschaftsurlaub ein Entwicklungsland»

Am 27. September stimmt das Volk über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab. Klar dafür sind die Evangelischen Frauen Schweiz. Dass die Vorlage aber erst der Anfang ist und warum eine Elternzeit viel besser wäre, erzählt Präsidentin Gabriela Allemann im Interview.

Sollen Väter bald zwei Wochen nach der Geburt des Kindes zu Hause bleiben dürfen? (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Frau Allemann, der Bundesrat hat sich vergangene Woche für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ausgesprochen. Was halten Sie davon?
Dass er damit die Vorlage unterstützt, finde ich natürlich gut. Uns von den Evangelischen Frauen Schweiz geht das aber zu wenig weit. Unser langfristiges Ziel ist nach wie vor eine zusätzliche Elternzeit von 24 Wochen, für die wir uns weiterhin stark engagieren werden. Ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub ist aber ein Schritt in die richtige Richtung. Die Schweiz ist leider noch ein Entwicklungsland bei diesem Thema.

Warum ist das so?
Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Eine lautet, dass es einem grossen Teil der Familien ab den 50er-Jahren so gut ging, dass sie es sich leisten konnten, mit einem Lohn den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aufgrund der Rollenbilder gab die Frau ihre Erwerbsarbeit auf und kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Diese Rollenverteilung hat sich mit der Zeit zementiert. In anderen Ländern mussten sich Eltern stets anders organisieren.

Warum ist Ihnen die vergleichsweise lange Elternzeit so ein Anliegen?
Weil sie den Paaren die Möglichkeit gibt, sich gemeinsam um das Kind zu kümmern und die Kinderbetreuung flexibler zu gestalten. Denn nicht nur Frauen sollen sich nach der Geburt überlegen, wie sie sich künftig organisieren wollen. Elternschaft ist für beide Geschlechter einschneidend. Deshalb sollen sich auch die Väter Zeit nehmen können, gerade in den ersten Wochen. Und sie sollen sich die Zeit auch nehmen dürfen!

Weshalb ist es wichtig, dass die Väter daheim bleiben können?
Weil sie sich abgesehen vom Stillen genauso gut oder genauso schlecht um das Kind kümmern können wie die Frauen. Sie können es umhertragen, waschen, wickeln, schöppele. Es geht um eine gerechte Verteilung der Verantwortung für das Kind. Ich ärgere mich, wenn es heisst, dass die Männer den Frauen «helfen» sollen. Es geht um viel mehr als um Hilfe, der «mental load» soll auf beide Elternteile verteilt sein. Ich persönlich war sehr froh, dass sich mein Mann dank seines Teilzeitpensums Zeit nehmen konnte und wir die Aufgaben und die Verantwortung teilen konnten. Längerfristig ist natürlich auch die Beziehung zwischen den Kindern und Vätern eine ganz andere, wenn die Betreuung von Beginn weg durch beide Elternteile gewährleistet ist und so eine Bindung entstehen kann.

Gegner des Vaterschaftsurlaubes argumentieren, dass Kinderbetreuung Privatsache sei und dass das Ganze zu viel kostet. Was sagen Sie dazu?
Kindererziehung ist nicht Privatsache. Kinderbetreuung geht die gesamte Gesellschaft etwas an. Und zur Geldfrage: Man kann nicht immer nur davon reden, dass man Frauen ins Erwerbsleben integrieren will, und ihnen dann die Betreuung der Kinder überlassen. Finanziell halte ich auch eine Elternzeit absolut für verkraftbar.

Die Evangelischen Frauen möchten eine Diskussion darüber, wie es möglich ist, dass Frauen und Männer wieder vermehrt Zeit haben sich freiwillig zu engagieren. Die Rollen- und Familienbilder gehören zwingend zu dieser Diskussion.

In der Kirche herrscht oft ein eher konservatives Familienbild. Die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder, der Mann geht arbeiten. Muss sich die Kirche hier mehr hinterfragen?
Unbedingt. Spannend ist, wie schon erwähnt, dass dieses Familienmodell gar nicht so alt ist, wie die meisten meinen. Vor dem gestiegenen Wohlstand kam es für Frauen in der Regel nicht in Frage, die Erwerbsarbeit aufzugeben. Kirchen können positive Zeichen setzen, indem in den Pfarrämtern zum Beispiel Teilzeit ermöglicht wird – für Frauen und Männer.

Aber gerade die kirchliche Freiwilligenarbeit profitiert von einem konservativen Familienbild. Hat die Kirche überhaupt Interesse, daran etwas zu ändern?
Die Freiwilligenarbeit profitiert davon, dass Menschen Zeit investieren können. Und wir alle merken, wie viel schwieriger es heute ist, diese Menschen zu finden. Die Evangelischen Frauen möchten darum eine Diskussion darüber, wie es möglich ist, dass Frauen und Männer wieder vermehrt Zeit haben. Über den Stellenwert der verschiedenen Arbeitsformen wie Erwerb, Betreuung, freiwilliges Engagement. Die Rollen- und Familienbilder gehören zwingend zu dieser Diskussion. Die Kirchen müssen darum ein Interesse an dieser Veränderung haben und sie mitgestalten.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die Abstimmung im September?
Lange habe ich gedacht, dass das Referendum chancenlos ist. Dann kam Corona und der Ruf, den Gürtel enger zu schnallen. Trotzdem bin ich zuversichtlich. Denn die Basis der Unterstützerinnen und Unterstützer ist breit.

 

 

 

Die Pfarrerin Gabriela Allemann ist seit Sommer 2019 die Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz.