Medizin

Ihre Arbeit erleichterte die schwersten Stunden ihrer Patienten

Ohne die Britin Cicely Saunders gäbe es die Palliative Care in der heutigen Form nicht. Eine Ausstellung der Aargauer Landeskirche erinnert an die Pionierin, die ein Sterbehospiz gründete und die moderne Schmerztherapie erfand.
Lebensqualität bis zuletzt erhalten: Die britische Ärztin und Pionierin der modernen Hospiz-Bewegung, Cicely Saunders, am Bett eines Patienten. (Bild: St Christopher’s Hospice/ Derek Bayes)

David Tamas lag in einem Londoner Spital; krebskrank und mit dem baldigen Tod vor Augen. Der polnische Jude hatte das Warschauer Ghetto überlebt und nun litt er unter starken Schmerzen, die ihm niemand nehmen konnte – oder wollte. Damals galt unter Medizinern noch: Eine neue Dosis Schmerzmittel wird erst verabreicht, wenn die vorhergehende nicht mehr wirkt.

An Tamas’ Bett sass in jener Zeit häufig eine Frau, die Jahre später ein grundlegend anderes Schmerzmanagement in der Palliativpflege etablieren würde: Cicely Saunders. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte sie ihr Studium der Philosophie, Politik und Wirtschaft unterbrochen, um sich zur Krankenschwester und anschliessend zur Sozialarbeiterin ausbilden zu lassen.

Saunders begleitete Tamas in dessen letzten Wochen. Ein Nachruf nach ihrem Tod 2005 im British Medical Journal (bmj) erwähnt die besondere Beziehung. Tamas habe als Emigrant alleine in England gelebt und das Gefühl gehabt, sein Leben sei durch den Krieg verschwendet worden.

Mit Saunders habe er häufig darüber diskutiert, dass es einen Ort geben sollte, an dem Sterbende ihre letzten Tage in Frieden verbringen könnten. Schliesslich vermachte er ihr sein Vermögen, damit sie damit ein Hospiz gründen konnte. Er soll zu ihr gesagt haben: «Ich werde ein Fenster in deinem Sterbeheim sein.» Laut dem bmj ist tatsächlich bis heute in Saunders Hospiz David Tamas ein Fenster gewidmet.

Wanderausstellung gestartet

An die Pionierin der Palliative Care erinnern die Aargauer Landeskirchen und die Organisation Palliative Aargau. Sie haben eine Wanderausstellung konzipiert, die nach dem Start in Baden nun in Zürich gezeigt wird. Danach ist sie in Zug und an weiteren Orten zu sehen.

Zusammen mit Elisabeth Kübler-Ross gilt Cicely Saunders als Begründerin der Palliativmedizin und der modernen Form von Sterbehospizen. Doch 1947 war es noch ein weiter Weg bis dorthin. Saunders nahm mit 33 Jahren ein Medizinstudium auf, spezialisierte sich danach auf Schmerzmanagement und arbeitete gleichzeitig in einem kirchlichen Sterbehospiz. Dort verbesserte sie einerseits als Ärztin die Art der Pflege und verfasste andererseits mehrere wissenschaftliche Artikel über die Pflege todkranker Menschen.

Über die Jahre honorierte das Vereinigte Königreich Cicely Saunders (links) Engagement mit besonderen Auszeichnungen. Königin Elisabeth II. (rechts) verlieh ihr die höchsten britischen Orden und adelte sie zur «Dame». (Bild: St Christopher’s Hospice)

Nach und nach entwickelte sie in jenem Hospiz eine Methode, mit der sie durch Medikamente den Todkranken die Schmerzen ersparen konnte. Doch Saunders verstand Schmerz nicht nur auf der körperlichen Ebene. Die gläubige Christin entwarf das «Total-Pain-Modell», mithilfe dessen sie Schmerz körperlich, psychisch, sozial und spirituell verortet.

Bleiben und wachen

Damit wurde Saunders auch zur Wegbereiterin der Spiritual Care. Mit diesem Aspekt setzte sich beispielsweise die Theologin Lea Chilian auseinander, die am Ethik-Zentrum des Instituts für Sozialethik der Universität Zürich arbeitet. In ihrem Buch über Ethik und Spiritualität im Gesundheitswesen beschäftigt sie sich mit der Arbeit Cicely Saunders’.

Zentral in ihrer Analyse ist der Bezug zu einer Szene aus dem Markus-Evangelium: Jesus betet im Garten Gethsemane zu Gott. Er weiss um seinen bevorstehenden Tod und bittet dennoch darum, dass er verschont wird. Petrus und zwei weitere Jünger begleiten ihn und er bittet sie: «Bleibt hier und wacht mit mir!»

Tod im eigenen Hospiz

Dreimal verlässt sie Jesus für das Gebet und dreimal findet er sie schlafend, als er zurückkommt. Doch obwohl die Müdigkeit sie übermannt, bleiben sie an seiner Seite. Die Spiritual Care als gemeinsames Wachen, Aushalten und Begleiten in diesem Sinn ist das Bild, das Chilian gibt für den Beistand bis zum Lebensende.

Cicely Saunders, die ihr Leben dem würdigen Sterben anderer widmete, wurde für ihre Arbeit mit dem Order of Merit sowie dem Order oft he British Empire geehrt und als «Dame» in den Adelsstand erhoben. Im Juli 2005 starb sie an den Folgen einer Krebserkrankung im Alter von 87 Jahren in dem von ihr eröffneten und fast zwanzig Jahre von ihr geleiteten St Christopher’s Hospice in London.

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