Cicely Saunders lebte für sterbende Menschen

Cicely Saunders wurde vor 100 Jahren geboren. Die sinnsuchende Eigenbrötlerin gilt als Mutter der Hospizbewegung. Dabei ging es ihr um Respekt: «Mein Leben als Aussenseiterin hat mich gelehrt, ein Gefühl für Menschen zu bekommen.»

Bevor sie Ärztin wurde, war sie erst Sozialarbeiterin, dann Krankenschwester. Weil sie sich von den Ärzten zu wenig ernst genommen fühlte, studierte Saunders schliesslich Medizin. (Bild: Keystone/Duncan Phillips)

Dass Patienten mit unheilbaren Erkrankungen in ein Hospiz gehen können, um würdevoll zu sterben, oder von einem Hospizdienst zu Hause betreut werden – das war nicht immer selbstverständlich. Die Idee geht zurück auf die Britin Cicely Saunders (1918-2005). Die Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin wollte Menschen an ihrem Lebensende möglichst schmerzfreie letzte Monate und ein angenehmes Umfeld bereiten. Vor 100 Jahren, am 22. Juni 1918, wurde die Mitbegründerin der modernen Hospizbewegung in London geboren.

Saunders beschrieb sich selbst in einem Interview mit der BBC 1994 als Eigenbrötlerin, die auf der Suche nach einem Sinn war. Sie fand ihn schliesslich in der Hospizarbeit.

Entscheidend dafür war die Bekanntschaft mit einem Polen, den sie im Krankenhaus kennenlernte und der im Sterben lag. «Ich war Sozialarbeiterin, als ich David kennenlernte», erinnerte sich Saunders. «Er war erst 40 Jahre alt und hatte das Gefühl, nichts aus seinem Leben gemacht zu haben.» Die beiden diskutierten, was ihm helfen würde, mit seiner Situation auf einer sehr vollen Krankenhausstation am Lebensende besser zurechtzukommen.

Den Menschen in den Vordergrund gestellt

Ihr ganzes Leben stellte Saunders fortan in den Dienst von sterbenden Menschen. Dabei setzte sie vor allem darauf, zuzuhören und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ein elementarer Bestandteil war die Schmerztherapie. Während einige Ärzte in den 60er-Jahren selbst bei todkranken Menschen noch vor Abhängigkeit durch Schmerzmedikamente warnten, stand für Saunders vor allem der Mensch im Vordergrund – und damit die Schmerzlinderung.

Erst während des Zweiten Weltkrieges entschied sie sich dazu, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. «Der Moment, in dem ich anfing, als Krankenschwester zu arbeiten, vertrieb mein Unglücklichsein», sagte sie der BBC. Zuvor sei sie jahrelang sehr niedergeschlagen gewesen. «Aber mein Leben als Aussenseiterin hat mich gelehrt, ein Gefühl für Menschen zu haben und sie zu verstehen.»

Spätes Studium

Als sie merkte, dass man sie nicht ernst nahm, wenn es um eine adäquate Schmerzlinderung für die Patienten ging, wurde sie Ärztin. «Der Arzt, mit dem ich als Krankenschwester zusammenarbeitete, sagte zu mir, ich solle Medizin studieren», erinnerte sich Saunders im Rückblick. «Ich würde sonst nur frustriert, denn sie würden nicht auf mich hören.»

Am 24. Juli 1967 eröffnete auf ihre Initiative hin das erste moderne Hospiz: St. Christopher’s im Süden von London. Bis heute werden in dem hellen und freundlichen Haus Sterbende gepflegt. Es gibt einen grossen Saal, in dem sich Bewohner mit Besuchern und Menschen aus der Nachbarschaft treffen, und ein Kunstatelier, in dem die Patienten kreativ sein können. Der schön angelegte Garten lädt zum Verweilen ein.

Jedes Jahr versorgen die Mitarbeiter Tausende Menschen am Ende ihres Lebens – nicht nur stationär, sondern vor allem in ihren eigenen vier Wänden. Das entspricht auch den Vorstellungen von Hospiz, die Saunders selbst hatte: «Hospiz besteht nicht allein aus Ziegeln und Mörtel, sondern bedeutet vor allem Haltung und Kenntnisse.»

Therapie und Forschung in St. Christopher’s

Rund 1200 Freiwillige unterstützen St. Christopher’s bei seiner Arbeit. Menschen aus aller Welt werden auf dem Gelände in der Versorgung sterbender Menschen fortgebildet. Das Hospiz forschte auch über den Einsatz von Morphium in der Schmerztherapie und untersuchte neue Wege der Behandlung von Symptomen.

Zwei Mal im Leben verliebte Saunders sich in einen ihrer Patienten, wie sie erzählte. Aus den Gesprächen mit ihnen und vielen anderen Sterbenden zog sie wichtige Erkenntnisse für ihre Arbeit, sie flossen in ihre Aufsätze und Vorträge ein. Saunders stützte sich bei ihren Studien zur Schmerzbehandlung auf die «einfache Methode des Zuhörens und Aufzeichnens auf Band», wie sie einmal schrieb.

Täglich versorgte sie Sterbende auf einer Station mit 45 Betten. Für eine Studie dokumentierte sie 1’100 Fälle. «Alles war nur Schmerz, aber jetzt ist der weg und ich bin frei», zitierte Saunders einen Schwerkranken nach einer erfolgreichen Schmerztherapie. Oder: «Sie wollten, dass ich noch ein wenig durchhalte, ich habe geschwitzt mit Schmerzen, aber jetzt bin ich so ruhig.»

2005 starb Saunders im Alter von 87 Jahren – in dem von ihr gegründeten Haus St. Christopher’s. (epd)