Seelsorge

Jeder Besuch könnte der letzte sein

Im Zürcher Oberland arbeiten Mediziner und Seelsorger Hand in Hand. Sie betreuen Todkranke zuhause. Das Modell weckt in der ganzen Schweiz Interesse.
Das ambulante Palliative Care-Team des Spitals Wetzikon ZH arbeitet eng mit Seelsorgenden zusammen. Für dieses Angebot besteht eine grosse Nachfrage. (Themenbild: Gaëtan Bally/ Keystone/ Palliaviva)

Uschi öffnet die Tür. Sie ist eine kleine, schlanke Frau, silbergraues Haar, Pagenschnitt. Als sie Markus Naegeli auf dem Fussabtreter stehen sieht, strahlt sie. Alle zwei bis drei Wochen kommt der reformierte Seelsorger zu Besuch. Er solle hereinkommen, sagt Uschi. Ihre Stimme ist unerwartet tief. Naegeli betritt die kleine Alterswohnung. Es riecht nach kaltem Rauch, auf dem Sideboard steht ein Radio, das modernen Schlager spielt. «Das läuft bei mir den ganzen Tag, damit es nicht still ist», sagt Uschi und stellt die Musik aus. Auf dem Sideboard, in der Durchreiche zur kleinen Küche, verteilt in der Wohnwand: überall Engel.

Uschi hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie ist zurück aus dem Spital, ihre Lebenserwartung ist ungewiss.

Seelsorger Naegeli ist mit ihr per Du. Er hatte das Gefühl, auf diese Weise besser das Vertrauen der Patientin zu gewinnen. Er weiss, sie will leben und nicht an den Tod denken. Sie hat sich schon Anfang November für die Weihnachtsfeier in der reformierten Kirche in Wetzikon angemeldet.

Sobald der Seelsorger sitzt, geht Uschi in die Küche und macht Kaffee. Sie bringt Guetsli mit Schokolade mit. Früher habe sie eine ganze Schachtel allein gegessen, erzählt sie, heute verzichtet sie, weil sie wegen der Krebserkrankung die Süssigkeit nicht verdauen kann. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein silbernes Zigarettenetui und eine Pillenschachtel – darin die Tabletten für den Tag.

Mehr Lebensqualität bei tieferen Kosten

Markus Naegeli arbeitet für das Palliative-Care Team des Spitals Wetzikon im Zürcher Oberland. Er teilt sich die Seelsorge-Stelle mit zwei katholischen Kolleginnen. Die Mehrheit des Teams machen Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende aus. Sie ermöglichen es todkranken Menschen, wieder nach Hause oder in ein Pflegeheim zurückzukehren. Das Palliative-Care-Team betreut sie dort bis zu ihrem Tod.

Der Mediziner Andreas Weber hat das Angebot aufgebaut. Im Gespräch mit ref.ch sagt er, die Behandlungskosten seien durch den ambulanten Ansatz des Palliative-Care-Teams viel tiefer als sie es im Spital wären – wo auch noch Aufenthalt und Verpflegung in Rechnung gestellt würden. Zudem gehe es den Menschen besser, sie fühlten sich in ihrem gewohnten Umfeld wohler. Dazu trägt auch die Seelsorge bei. Weber erzählt: «Viele Patientinnen, Patienten und Angehörige sagen uns, die Besuche der Seelsorger täten ihnen schampar gut.» Vertreter anderer Kantone und des Bundesamts für Gesundheit haben sich das Palliative-Care-Projekt zeigen lassen. Der Zürcher Regierungsrat möchte das Modell auf das ganze Kantonsgebiet ausweiten (siehe Kasten).

Politischer Wille

Der Zürcher Regierungsrat hat eine Strategie beschlossen, um die Palliative Care im Kanton zu fördern. Bislang bestünden noch «erhebliche Versorgungslücken». Auf der einen Seite müsse man auf nationaler Ebene die Tarife für die ambulanten Leistungen anpassen.

Auf der anderen Seite will der Regierungsrat durch Weiterbildungsangebote, Sensibilisierung und ein Pilotprojekt die Zugang zur Palliative Care für Patientinnen und Patienten verbessern. Von 2025 bis 2029 hat die Kantonsregierung rund 9,5 Millionen Franken eingeplant, um die Palliative Care zu fördern. (dst)

«Seit deinem letzten Besuch ist viel passiert», sagt Uschi. Naegeli blickt sie aufmerksam an und nickt. Stellt sich heraus: Uschi hat Liebeskummer. Ihr langjähriger Partner hat sie mit ihrer besten Freundin betrogen – während sie im Krankenhaus lag. Uschi schläft deshalb kaum noch. Sie sagt, das zu erfahren, sei schlimmer gewesen, als die Krebsdiagnose zu erhalten. In Begleitung Naegelis seilt sie sich ab in das Wirrwarr aus Enttäuschung, Wut und Einsamkeit – der Seelsorger, ganz Profi, leitet sie sorgsam wieder hinaus. Er nimmt ihre Gefühle an und fasst sie in Worte. Er stellt Fragen, die Uschi beantwortet und dadurch neue Perspektiven bekommt.

Existenzielle Fragen drängen

«Die Bedeutung der Seelsorge nimmt aus unserer Sicht zu», sagt Arzt Andreas Weber. Viele der Kranken, die das Palliative-Care-Team betreut, sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. «Im Angesicht der Endlichkeit haben die Menschen das Bedürfnis nach Spiritualität. Existenzielle Fragen treiben sie um», sagt Seelsorger Naegeli.

Viele Patientinnen fragen ihn, weshalb es ausgerechnet sie treffe. Andere Patienten sorgen sich, was aus ihrer Familie werde, wenn sie nicht mehr sind. «Sie wollen wissen, wie ihr Sterben sein wird», sagt Naegeli. Der Theologe verweist sie an die Ärzte: «Sie haben in diesen Dingen mehr Erfahrung.» Er fragt gerne, ob alles gesagt und erledigt sei, oder ob noch etwas anstehe. «Häufig können die Menschen nicht loslassen, weil sie innerlich dazu noch nicht sind», sagt Naegeli. Und wenn er gefragt wird, was nach dem Tod komme, antwortet er jeweils, ihm genüge das Vertrauen, «in Gottes geheimnisvolle Geborgenheit einzugehen».

Die Nachfrage nach der Palliativ-Seelsorge ist hoch und nimmt noch zu. In der Regel betreut er gleichzeitig bis zu zwanzig Personen. Diese besucht er je nach Schweregrad und Bedürfnis bis zu alle zwei Wochen. Die Abstände verkürzen sich, wenn es dem Ende zu geht. Dafür hat Naegeli vorübergehend ein 20-Prozent-Pensum zu Verfügung.

Uschi will beten lernen

Seinen Kaffee hat er unterdessen ausgetrunken. Doch bevor der Seelsorger aufsteht, um zu gehen, sagt Uschi, sie wolle lernen zu beten. Sie spreche täglich mit Gott und sage zu ihm: «Gell, du holst mich schnell, wenn es so weit ist.» Doch sie hat ein schlechtes Gewissen: All die Jahre hat sie nicht gebetet und erst seit sie krank ist, wendet sie sich an ihn. «Das ist doch schon ein Gebet», sagt Naegeli freundlich, sie müsse sich kein Gewissen machen.

Kurz darauf sitzt der Seelsorger in seinem Auto. Er habe alle Kranken gerne, um die er sich kümmere, sagt er. Dabei ist ihm immer gegenwärtig, dass er nicht wissen kann, wann ein Besuch der letzte war. «Abschiednehmen gehört zum Leben dazu», sagt er, legt den Rückwärtsgang ein und lässt den Wagen auf die Strasse gleiten. Im Landkartenfach der Beifahrertür schaukelt ein kleiner Porzellanengel klappernd hin und her.

Angehörige brauchen die Hilfe auch

Naegeli muss weiter, er fährt zum nächsten Treffen. Der Patient hat mit ihm bereits vereinbart, dass Naegeli seine Abdankung übernehmen wird. Im gutbürgerlichen Einfamilienhaus des Ehepaars wird schnell klar: Der Seelsorger stützt auch die Angehörigen. Der 86-jährige Patient sieht seiner Frau und den Besuchern am Salontisch beim Gespräch bereits wie aus der Ferne zu, obwohl er am selben Tisch sitzt. Seine Ehefrau geniesst die Unterhaltung. Sie erzählt von früher, davon, wie sie ihren Mann vor 62 Jahren beim Tanzen kennenlernte.

Seelsorger mit Erfahrung

Markus Naegeli arbeitete Jahrzehnte lang als Spitalseelsorger. Nun ist er zwar pensioniert, aber immer noch im Einsatz. In Abstimmung mit dem ambulanten Palliative Care-Team des Spitals Wetzikon im Zürcher Oberland besucht er todkranke Menschen zuhause. (dst/ Bild: zvg)

Seelsorger Naegeli fragt sie nach ihren Bedürfnissen. «Ich würde gerne noch mehr mit ihm sprechen, mehr miteinander tun», sagt sie. Ihr Mann entgegnet: «Ich liege lieber im Halbschlaf auf der Couch und blicke hinaus in den Garten.» Sie erzählt, regelmässig gehe sie einkaufen, weil sie gerne koche. Ihr Mann wirft plötzlich ein: «Super! Ich esse gerne.»

Das Paar kostet den Besuch aus. «Sie bringen viel Farbe in unseren Tag», sagt die Frau lächelnd. Bevor Naegeli sich verabschiedet, das weiss er, wird sie ihn darum bitten, mit ihnen zu beten. Die Eheleute setzen sich ganz nahe zueinander, halten sich an den Händen. Markus Naegeli spricht über Liebe, Dankbarkeit, Anstrengung. Sorge, Hoffnung. Er findet Worte, die dem Paar sichtlich gut tun. In dieser Situation lässt die Frau, die bislang Gefasstheit und Ruhe in Person war, ihren Gefühlen die Oberhand. Sie schluchzt und zittert, lässt einen Teil der Bürde los und fasst sich mit dem Ende des Gebets wieder.

Ihr Mann steht sogar auf, um Seelsorger Naegeli zur Tür zu begleiten. Leicht fällt es ihm nicht. Die Schritte sind unsicher, mit der Linken sucht er den Kontakt zur Wand. Er verabschiedet sich von Naegeli, steht in der Tür und winkt, bis der Seelsorger hinter der Hausecke verschwindet.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema