150 Jahre Christkatholische Kirche Schweiz
Katholisch in der Tradition, reformiert im Denken
Er war der Sohn eines Landwirtes und übte sein Amt bis zu seinem Tod fast fünfzig Jahre lang aus: Eduard Herzog, geboren in Schongau im Kanton Luzern, wurde am 8. Juni 1876 zum ersten christkatholischen Bischof der Schweiz gewählt. Im September desselben Jahres wurde er in der St. Martinskirche von Rheinfelden zum Bischof geweiht, im Dezember sprach der damalige Papst Pius IX. über Herzog die Exkommunikation und schloss ihn damit von der katholischen Kirche aus.
Ausgelöst worden war dieser Abspaltungsprozess durch Kritik von katholischen Geistlichen nach dem ersten vatikanischen Konzil in Rom im Sommer 1870. Die Priester stellten sich gegen die absolute Unfehlbarkeit des Papstes und seinen absoluten Machtanspruch. Kurz nach der Trennung wurde die Landessprache eingeführt und der Zöllibat für Geistliche als freiwillig erklärt. Aus diesem Widerstand formierte sich die Christkatholische Kirche, die im Ausland als Altkatholische Kirche bezeichnet wird.
Kirchgemeinden weit verteilt
Nun feiert die Christkatholische Kirche Schweiz ihr 150-Jahr-Jubiläum. Mit Frank Bangerter ist der achte Bischof im Amt. Der 63-Jährige war 14.5 Jahre Priester in der Kirchgemeinde Zürich, am 14. September 2024 ist er zum Bischof geweiht worden.
Frank Bangerter studierte Betriebswirtschaftslehre und arbeitete in der Privatwirtschaft, bevor er Mitte Dreissig an der Universität Bern ein Studium in reformierter und christkatholischer Theologie begann. Aufgewachsen ist er in der Berner Seelandgemeinde Lyss in einer reformierten Familie, heute lebt Bangerter in einer langjährigen Partnerschaft mit seinem Mann in Grenchen.
Bild: Andreas Häusler
«Unsere Kirche vereinigt die katholischen Traditionen mit dem freiheitlich-liberalen Denken der Reformierten», sagt Bangerter im Gespräch mit ref.ch, «wir muten den Gläubigen zu, selbst zu entscheiden.»
Zu Beginn rund 40'000 Mitglieder stark, zählt die Christkatholische Kirche in der Schweiz aktuell laut Bangerter gut 12'000 Mitglieder. Die Kirchgemeinden verteilen sich auf das ganze Land, von Allschwil über Biel, Genf, Luzern und Lugano bis nach Schaffhausen, St. Gallen, Solothurn und Zürich. Die Organisation ist föderalistisch, für Firmungen oder Weihen sind das Bistum respektive der Bischof zuständig, die in Bern angesiedelt sind.
«Das Gemeindeleben zu organisieren ist schwieriger, weil wir verstreut sind, aber einfacher, weil wir uns kennen», sagt Bangerter. Die Christkatholische Kirche sei sehr agil, die Mitglieder wüssten, wofür ihr Bischof stehe. «Ich bin allerdings darauf angewiesen, dass sich die Gemeindemitglieder aktiv bei mir melden. Sie sind selbst verantwortlich dafür, angebunden zu bleiben.»
Seit ihrer Gründung setzt die Christkatholische Kirche Schweiz auf internationale Partnerschaften. Sie gehört zur Utrechter Union (Zusammenschluss Altkatholischer Kirchen) und zu den Mitbegründern des Ökumenischen Rates der Kirchen ÖRK und steht mit anderen Kirchgemeinschaften in einer «vollen Kirchgemeinschaft», das heisst, die beteiligten Kirchen anerkennen gegenseitig Lehre, Sakramente und Ämter.
So eine «volle Kirchgemeinschaft» besteht zu den Anglikanern, der Iglesia filipina independiente und zur Kirche von Schweden. Die jüngste dieser Verbindungen ist 2024 geschlossen worden mit der Mar-Thoma Kirche aus Südindien. Dabei handelt es sich um eine Verbindung zwischen abendländisch-katholischer Kirche und östlicher-orthodoxer Kirche. (jow)
Individuelle Mitwirkung zentral
Dabei ist die Christkatholische Kirche – ähnlich wie die Reformierte Kirche – einem Wandel unterworfen. Jüngst haben sich im Fricktal fünf Gemeinden zu einer einzigen Kirchgemeinde zusammengeschlossen. «Die Fusion bedeutet nicht, dass wir die Seelsorge reduzieren, sondern nur, dass wir administrative Aufgaben bündeln», erläutert Bischof Bangerter. «Wir sind nicht gefangen in einer übermächtigen Struktur, sondern haben es in unseren Händen, unsere Gemeinde zu verändern.»
Einzelne Mitglieder seien «keine Registernummern», sondern sichtbare Einzelpersonen. Das sei eine Verpflichtung, weil niemand in der breiten Masse verschwinde, sondern rascher gefordert sei, sich in einem Amt aktiv einzubringen. Durch diese Nähe erfahre man viel übereinander und stehe in einem engen Austausch, was auch eine Chance sei. Auch in den kommenden Jahren soll für die Christkatholische Kirche Schweiz die Verkündigung im Zentrum stehen, wie Bischof Frank Bangerter sagt. «Wir sehen uns dabei als Brücke zwischen den Landeskirchen und weiteren Religionsgemeinschaften.»