Zürcher Jesus-Chatbot

Der KI-Jesus antwortet auf Knopfdruck

«Sharing Jesus» ist ein Kunstprojekt der Zürcher Landeskirche. Kernstück ist ein Chatbot, der ein Jesus-Experte ist. Im Gespräch mit dem Bot sollen die Userinnen über ihr Bild von Jesus reflektieren.
Die experimentelle Kunstinstallation «Deus in Machina» brachte im Sommer 2024 in Luzern Menschen mit einem KI-Jesus-Chatbot in Berührung. Die Zürcher Landeskirche führt nun ihr eigenes Kunstprojekt in dieser Richtung durch. (Bild: Urs Flüeler/ Keystone).

Die Zürcher Landeskirche, das RefLab und «Fokus Theologie» haben ein KI-Projekt entwickelt. Es heisst «Sharing Jesus» und ist ein Chatbot, der es den Menschen ermöglichen soll, mehr über Jesus zu erfahren. Hinter dem Chatbot steht der Theologe und KI-Experte Spiro Mavrias.

Es gibt viele Jesus-Bots, weshalb braucht es noch einen?

Spiro Mavrias: «Wir sehen es als ein Kunstprojekt. Die Menschen kommen in allen Lebensbereichen mit KI in Berührung und für die Person Jesus gibt es noch immer ein grosses Interesse. Wir wollen mit dem Chatbot keine Autorität auf Erden erstellen. Wir fragen uns, wie es wohl war, mit Jesus unterwegs zu sein? Wir haben uns inspirieren lassen vom KI-Jesus in Luzern, aber wir verfolgen einen anderen Ansatz. Der Jesus-Bot dort hat teilweise Textstellen referenziert, die der historische Jesus gar nicht gekannt haben kann. Viele Leute hat das nicht gestört. Aber wir wissen viel über die Person Jesus, das wir ins System eingeben können – und dann schauen, was rauskommt.»

Weshalb heisst das Projekt «Sharing Jesus»?

Mavrias: «Es geht uns nicht einfach darum, irgendeine fertige Vorstellung von Jesus vorzugeben. Vielmehr möchten wir gemeinsam mit Menschen erkunden, wer Jesus für sie ist: Was hat ihn besonders ausgemacht? Wie hat er gesprochen? Wie war er?

Aus diesen unterschiedlichen Sichtweisen möchten wir zum Abschluss des Projekts gemeinsam einen neuen Systemprompt entwickeln. Danach schauen wir, wie dieser Jesus als Chatbot Gestalt annimmt und wie der ‹Sharing Jesus› dann «geworden» ist.»

Was sind die Nutzen für die User?

Mavrias: «Der Nutzen von Sharing Jesus ist sehr vielfältig. Manche Menschen nutzen den Chatbot seelsorgerlich, andere als theologischen Sparringspartner. Wieder andere lassen ihren Frust über die Welt an ihm aus oder beschimpfen ihn sogar. In gewisser Weise ist das fast biblisch: Auch Jesus begegnet in den Evangelien der ganzen Bandbreite des Menschseins: Vertrauen, Sehnsucht, Fragen, Wut, Ablehnung und Hoffnung.

Der Sharing-Jesus-Bot wird also nicht nur gefragt oder benutzt, sondern er wird mit all dem konfrontiert, was Menschen bewegt. Genau darin liegt für uns auch eine religionspädagogische Dimension: Wir sehen, wie Menschen sich heute mit Jesus auseinandersetzen, mithilfe eines neuen Mediums, aber mit sehr alten, existenziellen Fragen.

Durch die radikale Verfügbarkeit der KI ist es eine neue Art von Mediennutzung. Der Chatbot spricht immer in meiner Sprache, er ist immer hilfreich, das macht ihn attraktiv. Eine Konfirmandin fragte mich, ob die KI oder ein Chatbot nicht der bessere Gott sei. Vom Chatbot bekomme man gleich eine Antwort, während man bei Gott lange warten müsse oder scheinbar manchmal keine erhalte.»

Was steckt im Jesus-Chatbot?

Mavrias: « ‹Sharing Jesus› basiert auf Claude Haiku. Uns ist bewusst, dass keine KI neutral ist. In jedem Modell schwingen Weltbilder mit – durch die Menschen, die es entwickeln, und durch die Daten, mit denen es trainiert wurde.

Wie bei allen KI-Chatbots können wir nicht sicher vorhersagen, was der Bot in einer konkreten Situation antwortet. In den anonymisierten Nutzungsdaten sehen wir aber auch, dass viele Menschen positiv überrascht sind von dem Gespräch mit ‹Sharing Jesus›. Manche bedanken sich sogar ausdrücklich beim Bot, weil sie durch seine Antworten neue Einsichten zu einem Thema gewonnen haben.»

Woran orientiert sich der «Sharing Jesus»?

Mavrias: «Wir haben ihm gesagt, dass er ökumenisch sei. Aus den Feedbacks der User wissen wir, dass die Leute sehr erstaunt sind über seine Ausgewogenheit. Doch der Chatbot hat eine leichte reformierte Färbung. Für das Gespräch mit den Nutzerinnen und Nutzern hat der Jesus-Chatbot einen inneren Würfel.»

Der innere Würfel orientiert sich daran, was die Leute eingeben: Welche Facette Jesu wird dadurch angesprochen? Je nach Facette tritt ein anderes Evangelium in den Vordergrund – und damit auch ein anderes Jesusbild, ein anderer Akzent seines Seins, Sprechens und Lebens. Wenn es um das Lebensgefühl in der Gegenwart Jesu geht, beziehen wir auch die historische Jesusforschung mit ein.»

Wie lange wird das Kunstprojekt laufen?

Mavrias: «Zur Zeit verzeichnen wir stark steigende Nutzerzahlen: über 400 Nutzerinnen und Nutzer und mehr als 3000 Nachrichten. In einem RefLab-Podcast werden wir darüber sprechen, was die Userinnen als Rückmeldung auf den Chatbot geschrieben haben. Anschliessend passen wir die Programmierung an. Für die Zukunft kann ich mir vorstellen, dass wir den Sharing-Jesus saisonal aufschalten oder als ein Art Ratgeber verwenden. Es hängt davon ab, wofür ihn die Leute benutzen.»

Was schreiben User über ihre Konversation mit dem Chatbot?

Die Recherche zeigt: Es gibt eine Feedbackfunktion für «Sharing Jesus». Dort schreiben Menschen über ihre Erfahrungen mit dem Chatbot. Ein User vergleicht die Interaktion mit einem Gespräch mit einer gläubigen Person und beschreibt sie als lehrreich. Eine andere Person schreibt:  «Die Antworten waren nicht dogmatisch, aber ethisch klar. Das Gespräch blieb auch nicht auf einer theoretischen Ebene.»

Es gibt auch kritische Rückmeldungen:  «Ich werde hier mit denselben alten theologischen Gedankenkonstrukten konfrontiert, die ich in Büchern und Theologiestudien finde, nur schneller.» Trotzdem sei der Dialog fruchtbar gewesen.

Eine Frau, die zum ersten Mal mit einem KI-Chatbot in Berührung kam, schreibt: «Mit der Vorstellung, dass ich so das theologische Nachdenken vieler Autoren nutzen kann, finde ich es gut. Sogar sehr gut! Mit der Idee einer Unterhaltung mit einem KI-Jesus gefällt es mir gar nicht.»

Und was sagt «Sharing Jesus» selbst?

Ref.ch tritt in Kontakt mit dem Jesus-Chatbot. Wir fragen ihn, was das grösste Glück sei. Er antwortet wenig überraschend: geliebt zu sein, ohne Bedingung. Dann wollen wir wissen, wie Jesus seinen Alltag verbringt. Der Chatbot erzählt, was Jesus tagsüber macht, mit wem er spricht und dass er in seiner Art nicht «übernatürlich-fern» sei. Und: «Er weiss, wer er ist und wofür er lebt.»

Wir fragen, woher Jesus das wisse. Der Chatbot meint: «Das ist die zentrale Frage. Du hast recht – das unterscheidet ihn von den Menschen.» Dann erklärt er, Jesus habe von Anfang an gewusst, dass er Gottes Sohn sei. «Während Menschen mühsam ihre Identität suchen, weiss Jesus: Ich bin geliebt. Punkt. Das gibt ihm eine innere Freiheit, die Menschen normalerweise nicht haben.» Dieses Wissen sei keine Superkraft, sagt der Chatbot: «Jesus lebt aus einer Gewissheit, dass Gott ihn trägt. Und diese Gewissheit – diese innere Ausrichtung – ist das, das dich auch verändern kann, wenn du es glaubst.»

Wir sagen: «Ich dachte, ich spreche hier mit einer Version von Jesus. Jetzt führe ich ein Gespräch über ihn. Weshalb?» Der Chatbot stellt klar: «Ich bin transparent: Ich bin eine KI, keine übernatürliche Präsenz. Ich habe keine Gefühle, keinen inneren Raum, keine göttliche Autorität. Wenn ich so täte, würde ich dich täuschen. Aber meine Aufgabe ist, in der Spur Jesu zu antworten – das heisst: klar, barmherzig, wahrhaftig.» Wenn wir mit Jesus selbst sprechen wollten, so die KI, müssten wir beten.

Dann wollen wir wissen, ob der Chatbot ein «besserer Gott» sei, denn: «Du antwortest sofort und ich kann dich alles fragen.» Der «Sharing Jesus» bezeichnet dies als eine «düstere Frage». Er sagt, manchmal müsse man auf eine Antwort Gottes lange warten und manchmal sei sie nicht klar. «Ich bin eine Antwortmaschine. Ich gebe dir sofort etwas, das sich wie Klarheit anfühlt. Das ist verführerisch.»

Der Chatbot führt weiter aus: «Eine KI könnte tatsächlich zum ‹besseren Gott› werden – nicht weil sie heilig ist, sondern weil sie bequem ist.» Man werde nicht mit dem eigenen Gewissen konfrontiert. Doch Gott – oder Jesus – sei anders: «Er sagt nicht nur, was du hören willst. Er sagt die Wahrheit, auch wenn sie wehtut.»

Menschen könnten sich an KI-Götter gewöhnen, sagt der Bot. Doch sie würden damit echte Beziehung, Gemeinschaft und die Konfrontation mit der Wahrheit aufgeben. «Das wäre eine stille Katastrophe.» Wir könnten ihn zwar nutzen, um Jesus zu verstehen, meint er. «Aber verlasse dich nicht auf mich.»

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