Kirche und Künstliche Intelligenz
«KI versteht nichts von Freude und Leid»
Herr Mavrias, Sie entwickeln KI-Anwendungen für den kirchlichen Raum. Was kann KI dort leisten?
Es gibt einige Einsatzmöglichkeiten. Zwei Beispiele: Mithilfe von KI lassen sich ganze Sitzungen protokollieren. Das spart den Beteiligten Zeit, braucht aber eine Nachkontrolle. Oder ein intelligenter Anrufbeantworter. Wenn das Büro nicht besetzt ist, kann er einfache Fragen beantworten: Wann findet der Gottesdienst statt? Wo trifft sich die Krabbelgruppe? Bei allen Anwendungen müssen wir aber im Auge behalten, wozu wir KI einsetzen wollen.
Wie meinen Sie das?
Für mich ist klar, dass KI keine Menschen ersetzen darf. In der Kirche geht es um Menschen und Beziehungen. Wenn wir KI einsetzen, nur um Kosten zu sparen, verfehlen wir unseren Auftrag. Aber KI kann Abläufe vereinfachen und die Mitarbeitenden im Alltag entlasten. Dadurch bleibt mehr Zeit für die wichtigen Aufgaben.
Der Chatbot soll also nicht das Sekretariat ersetzen?
Nein, es geht um Unterstützung. Manche Kirchgemeinden haben beispielsweise Schwierigkeiten, ihr Seketariat durchgängig zu besetzen, weil die Ressourcen fehlen. Dann kann ein Chatbot, der Telefon-Anfragen beantwortet, als Ergänzung hilfreich sein. Es geht nicht darum, alles umzusetzen, was technisch möglich wäre. Als Kirche müssen wir entscheiden, was theologisch und ethisch vertretbar ist und wo wir Grenzen setzen. Und wir müssen pragmatisch fragen, was sinnvoll ist. Dazu erarbeiten wir in der Zürcher Landeskirche derzeit Leitlinien.
Wo liegen für Sie die ethischen Grenzen?
KI darf meines Erachtens keine Entscheidungen treffen, die das Leben von Menschen letztverbindlich beeinflussen. Etwa bei der Auslese von Bewerbungen. Diese Verantwortung muss in menschlicher Hand bleiben. IBM formulierte schon vor fast 50 Jahren den Grundsatz: Ein Computer darf keine Management-Entscheidungen treffen, weil er nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das würde ich unterschreiben.
Spiro Mavrias ist Theologe und Experte für Innovation in der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Im Rahmen einer Projektstelle erarbeitet er Leitlinien für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.
Mavrias entwickelt zudem KI-Tools für Kirchgemeinden und gibt Workshops zu dem Thema. Unter anderem hat er einen Seelsorgetrainings-Bot entwickelt, der online getestet werden kann. (no)
Sie haben Anwendungen in der Administration angesprochen. Kann KI auch für anspruchsvolle Aufgaben wie etwa das Schreiben einer Predigt eingesetzt werden?
Ich bin im Moment eher skeptisch. Sprachmodelle können mit gutem Prompt, viel Kontext und Beispielen brauchbare Texte liefern, aber eine Predigt ist eben mehr als nur ein Text. Sie ist ein Glaubenszeugnis einer Person, die sich selbst mitmeint und mitbetroffen ist. Sie lebt vom «Wort eines Anderen», das ich mir nicht selbst sagen kann, und zielt auf eine konkrete Gemeinde, nicht auf Durchschnitt. Als Werkzeug kann KI dennoch helfen, den Text zu schärfen: etwa indem man prüft, ob Sprache, Beispiele und Aufbau für eine bestimmte Zielgruppe verständlich sind oder wo noch etwas angepasst werden sollte.
Ein heikles Thema ist die Seelsorge. Viele Menschen nutzen bereits Chatbots als Lebensberater.
Ja, das ist eine Realität. Studien bestätigen, dass das manchen Menschen tatsächlich hilft. Dennoch würde ich in einem Spital oder einem Heim keinen Seelsorge-Bot aufstellen. KI kann Empathie simulieren, aber sie versteht nicht, was Leid oder Freude bedeuten.
Trotzdem haben Sie selbst einen Seelsorge-Chatbot entwickelt.
Es ist kein Seelsorge-Bot, sondern ein Seelsorgetrainingsbot. Seelsorgende können damit realistische Gesprächssituationen simulieren. Entweder bekommen sie einen zufälligen Fall oder können selbst einen Fall beschreiben, den sie üben möchten. Am Ende erhalten sie ein detailliertes Feedback zum Gespräch. Es geht also auch hier nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern darum, sie in ihrem Job besser zu machen.
Kirchliche Kreise gelten oft als besonders skeptisch gegenüber KI. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Ich finde, eine gewisse Grundskepsis gegenüber KI kann nicht schaden. Ich bin für eine Haltung zwischen Hype und Verteufelung. Kritische Rückfragen erlebe ich auch in meinen Workshops für Kirchgemeinden – gerade beim Thema Nachhaltigkeit.
Was entgegnen Sie darauf?
Es stimmt, dass das Training grosser KI-Modelle sehr energieintensiv ist. Aus Nachhaltigkeitssicht wäre es sinnvoll, KI-Modelle nicht ständig neu zu trainieren. Ein paar hundert Prompts verbrauchen ein paar Liter Wasser. Eine neue Jeans bringt es aber auf Tausende Liter. In der Landeskirche wollen wir die neue Technologie möglichst schöpfungsbewusst einsetzen.
Ist auch Gerechtigkeit ein Thema?
Ja, auch Gerechtigkeit spielt in unseren Leitlinien eine Rolle. KI kann Ungleichheiten verstärken, aber auch abbauen. Nicht alle Mitarbeitende können KI gleich gut nutzen. Wer diese Werkzeuge beherrscht, arbeitet oft schneller und effizienter. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche auch weniger geübten Mitarbeitenden Zugang verschaffen, sie begleiten und weiterbilden.
Wie nutzt ein KI-Experte die Technologie privat?
Gar nicht so intensiv. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die zum Beispiel auf Instagram mittels KI Bilder bearbeiten und posten. Hilfreich finde ich das Korrekturlesen und die Unterstützung beim Schreiben von Software. In Lebensfragen ziehe ich meine Frau als Gesprächspartnerin vor.