Künstliche Intelligenz
Gott auf Knopfdruck
Frau Paganini, in Ihrem Buch «Der neue Gott» stellen Sie die These auf, dass wir Künstlicher Intelligenz (KI) zunehmend mit religiösen Erwartungen begegnen. Wann ist Ihnen das erstmals aufgefallen?
Als Medienethikerin habe ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Interviews zu KI gegeben. Dabei ist mir aufgefallen, dass in den Fragen, die mir gestellt wurden, oft eine diffuse und überzogene Erwartungshaltung mitschwang – beinahe wie bei einem religiösen Phänomen. In der Erwachsenenbildung habe ich zudem einen Einblick bekommen, wie Menschen mit KI umgehen. Viele berichten zum Beispiel, dass sie sich in bestimmten Lebenssituationen lieber mit ChatGPT als mit einer Freundin oder einem Therapeuten unterhalten.
Sie haben diese Beobachtungen anschliessend systematisch untersucht. Wie sind Sie vorgegangen?
In der Religionsgeschichte sind den Gottheiten immer wieder bestimmte Eigenschaften zugeschrieben worden. Dazu gehören zum Beispiel Allmacht, Allwissen oder Allgegenwart. In meinem Buch habe ich zuerst untersucht, wie diese göttlichen Attribute im Lauf der Religionsgeschichte verstanden wurden – von den frühen polytheistischen Kulten bis zu den grossen monotheistischen Religionen. In einem zweiten Schritt habe ich dann untersucht, inwiefern diese Eigenschaften heute auch KI zugeschrieben werden. Wichtig ist mir: Ich mache keine Aussagen über das «Wesen» Gottes, sondern ich analysiere die menschlichen Vorstellungen von göttlichen Eigenschaften.
Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?
Nehmen wir die Allmacht. Sie ist ein zentraler Bestandteil vieler Gottesvorstellungen. Ein allmächtiger Gott beschützt, kann aber auch strafen. In vielen Religionen ist die Angst des Menschen vor dieser Zerstörungskraft Gottes präsent. Eine ganz ähnliche Dynamik erleben wir nun auch bei KI: Täglich warnen KI-Expertinnen vor den Gefahren dieser Technologie oder raten sogar, die Forschungen dazu ganz einzustellen. Manche Menschen sprechen über KI mit einer Mischung aus Faszination und Angst – wie über eine allmächtige und übernatürliche Macht, die ausser Kontrolle geraten könnte.
Claudia Paganini (47) hat Philosophie und Theologie studiert und im Fach Medienethik habilitiert. Mehrere Jahre war sie Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München. Derzeit lehrt und forscht sie am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck.
Claudia Paganini: «Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche». Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2025; 192 Seiten; 28.90 Franken. (no)
Etwas weniger naheliegend ist ein anderes Attribut: Die Fähigkeit Gottes, dem menschlichen Leben Sinn zu verleihen. Sehen Sie hier auch eine Parallele?
Im religiösen Kontext bedeutet Sinn, dass wir in Gott ein Gegenüber oder ein Du finden. Wir fühlen uns dadurch nicht allein. Und gerade dieses Bedürfnis wird von KI-unterstützen Chatbots ausgezeichnet bedient. Mittlerweile können diese Programme sehr gut validieren – sie reagieren scheinbar empathisch und wertschätzend. Und im Unterschied zu den traditionellen Religionen braucht es keine Rituale oder Gebete, um mit Gott in einen Dialog zu treten. Bei KI bekomme ich die göttliche Ansprache auf Knopfdruck.
Dennoch weiss ich als Nutzer, dass ich nur mit einer Maschine spreche. Macht das nicht einen Unterschied zu einer Gottesbeziehung?
Die Frage ist, wie lange uns bewusst ist, nur mit einer Software zu interagieren. Studien zeigen: Je länger Menschen mit einem Chatbot kommunizieren, umso eher vergessen sie, dass sie mit KI sprechen. Von ChatGPT kennen wir die Angewohnheit, unsere Anfragen zuerst zusammenzufassen. Diese Methode wird auch in der Psychotherapie angewendet, um Menschen Wertschätzung zu zeigen. Wir fühlen uns verstanden, wenn zunächst ziemlich genau das wiederholt wird, was wir gerade gesagt haben. Und je emotionaler wir gestimmt sind, umso anfälliger sind wir für diese Art von Täuschung durch KI.
ChatGPT hält für uns jederzeit pfannenfertige Anworten auf unsere Anfragen bereit. Dagegen sind die traditionellen Götter geheimnisvoll, unerreichbar und auch nicht beliebig verfügbar. Hören die Parallelen hier auf?
In gewisser Hinsicht ist auch KI eine solche «Blackbox». Nicht einmal die Entwickler wissen so genau, wie sie zu ihren Outputs kommt. Wie religiös aufgeladen unsere Erwartungen an KI sind, zeigen auch die boomenden «Prompting»-Kurse. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Beziehung zu Gott auch mal scheitern kann, wenn ich den falschen Prompt wähle. Daher braucht es eine religiöse Elite, die uns zeigt, wie man die richtigen Formeln spricht, um mit der KI-Gottheit in Beziehung zu treten.
Bahnbrechende technologische Neuerungen haben immer schon zu überhöhten Erwartungen geführt. Haben wir einfach noch zu wenig Abstand zu KI?
Es stimmt, dass technologische Umbrüche sehr emotional erlebt werden. Das hat aber weniger mit religiösen Gründen zu tun. Aus der Stressforschung wissen wir, dass Menschen auf neue Situationen mit Stress und Verunsicherung reagieren. Dies führt dazu, dass neue Technologien zu Beginn entweder stark gehypt oder stark abgelehnt werden. Diese Extreme legen sich in der Regel mit der Zeit, wenn der Umgang mit der Technologie alltäglicher wird. Bei KI sehe ich aber noch einmal eine andere Qualität.
Inwiefern?
Mit KI haben wir erstmals eine Technologie, die selber sprechen und mit uns interagieren kann. Bücher und Filme unterhalten sich nicht mit uns, dort finden wir immer nur Inhalte von anderen Menschen. Dieser personale Aspekt von KI macht sie aber auch anfällig dafür, dass wir überhöhte religiöse Erwartungen in sie stecken.
Ist KI eine Gottheit, von der wir Gutes erwarten können oder müssen wir uns fürchten?
Die Gefahren, die von KI ausgehen, sehe ich vor allem im Kontext ihrer Auswirkungen auf soziale Gerechtigkeit und Ressourcenverbrauch. Was die religiöse Dimension betrifft, bin ich eher entspannt. Solange ein Glaube keine negativen Auswirkungen auf Menschen, Tiere oder die Umwelt hat, spricht nichts dagegen, dass Menschen auch einen KI-Gott verehren. Natürlich besteht die Gefahr, dass ein solcher Glaube von bestimmten Interessengruppen instrumentalisiert wird. Wenn man bedenkt, welchen Schaden die monotheistischen Religionen im Lauf der Geschichte angerichtet haben, hat KI in dieser Hinsicht jedoch noch viel Spielraum.