Fornerods Briefe aus Beirut
Sie malen den Krieg, um Hoffnung zu finden
Ein Maler beschreibt die Wirklichkeit nicht. Er interpretiert sie, sei es auf impressionistische, expressionistische, abstrakte oder andere Weise. Er erschafft sie nach seinem Bild und seiner Wahrnehmung neu, aktualisiert sie oder nimmt sie vorweg. Er projiziert sie auf eine flache Oberfläche, gibt ihr einen kleinen oder grossen Rahmen, eine oder mehrere vorherrschende Farben, macht sie dick oder fliessend, stellt das Licht oder die Finsternis heraus.
In einem Kontext, der zugleich so plural, traditionell und gewalttätig ist wie jener des modernen Libanon, wollte ich sehen, wie drei zeitgenössische libanesische Künstler auf ihr Land blicken. Ein gemeinsames Thema als Kriterium erlaubt es, die Empfindsamkeiten und Wahrnehmungen besser zu erkennen und zu vergleichen: der libanesische Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990, die israelische Invasion von 1982 und das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Süden Beiruts im selben Jahr.
Der erste Künstler ist Nizar Daher. Im Westen ist er wenig bekannt und hat vor allem im Nahen Osten, Russland, China und Zentralasien ausgestellt. Ein bekanntes Werk ist seine Darstellung von Sabra und Schatila, in der die Farbe des Feuers mit jener des Blutes verschmilzt und Berichte über das Massaker in Richtung Vergessen davonfliegen.
Doch sein bevorzugtes Thema, in dem sich seine Kunst am stärksten ausdrückt, ist das Bekaa-Tal und dessen Schönheit.
In diesen Darstellungen zieht das strahlende Licht den Blick des Betrachters auf sich und erlaubt es, die dunklen, kantigen und bedrohlichen Züge mit einer gewissen Hoffnung wahrzunehmen. Doch die Unschärfe verhindert, eine konkrete Wirklichkeit zu erkennen. Alles bleibt fliessend und ungewiss: ein Stacheldraht, eine Ruine, ein Boden, der sich zu bewegen scheint, ein bedrohlicher Gipfel. Der Schatten ist nie weit entfernt, wie eine Erinnerung an eine Vergangenheit, die die Natur einhüllen oder vergessen machen möchte.
Die zweite Künstlerin ist Claude Moufarège. Sie wurde 1951 geboren und lebte nur während ihrer Jugend und ihres Studiums in Beirut. Vor mehreren Jahren liess sie sich in Paris nieder. Trotz dieser biografischen Distanz ist auffallend, wie allgegenwärtig Beirut in ihrem bildnerischen Gedächtnis ist. Auch für sie ist der Bürgerkrieg der Ausgangspunkt ihres bildnerischen Schaffens.
Sie hat beispielsweise das in Beirut berühmte «Gelbe Haus» gemalt. Dieses grosse Gebäude aus den 1920er-Jahren diente Scharfschützen während des Bürgerkriegs als Unterschlupf und Beobachtungsposten. Es wurde zu einem Symbol des Krieges. Noch heute ist seine Fassade von Einschusslöchern übersät. Auf Moufagères Gemälde wird es, stellvertretend für das ganze Land, von einer gigantischen Welle verschlungen, von der man nicht weiss, woher sie kommt. Das Haus treibt wie eine leere Arche Noah in einer zweiten Sintflut. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 2018, wenige Monate vor dem katastrophalen finanziellen Zusammenbruch des Landes.
In ihren späteren Werken werden die Abwesenheit und paradoxerweise die Kälte Beiruts hervorgehoben: eine Geisterstadt wie nach einer Epidemie, mit Farben, die an einen Tod erinnern, der noch immer umherstreift. Die Stadtlandschaft ist ihrer menschlichen Präsenz beraubt. Strassen, die nirgendwohin führen, verlassene Gebäude, Balkone und Fenster, an denen niemand vorbeikommen wird.
Der anspruchsvollste und bekannteste der drei Künstler ist sicherlich Nabil Kanso (1940–2019). Er lebte seit Mitte der 1960er-Jahre in den USA. Der Bürgerkrieg brachte ihn vorübergehend in den Libanon zurück und prägte ihn tief.
Kanso verarbeitete auf der Leinwand mehrere Kriege, darunter jene in Vietnam, Kuwait und Syrien. Der Gegensatz zwischen Licht und Finsternis im Menschen ist für ihn ein Leitmotiv. Er betrachtet den Krieg nicht in erster Linie als politisches oder historisches Phänomen, sondern als Ausdruck der Fähigkeit des Menschen zur Selbstzerstörung. Doch Kanso verfällt nicht dem Nihilismus. In seinen oftmals monumentalen Werken bleiben Fragmente von Rettung, Aufbruch und Hoffnung sichtbar: häufig verkörpert durch Kinder und weibliche Figuren – Symbole für Kraft, Stabilität und Beharrlichkeit.
Die psychologische und emotionale Kraft seiner Werke lädt die Betrachtenden zu einer Reflexion über die Menschheit ein, über ihre Fähigkeit zur Zerstörung und zum Überleben. Ein Gedanke, der vollkommen mit den heutigen und vergangenen Erfahrungen des Landes übereinstimmt. Und mit der Fähigkeit dieser Bevölkerung, sich nach jedem Trauma wieder aufzurichten, auch wenn man dafür manchmal ins Exil gehen muss.
Serge Fornerod führt während seines Aufenthalts in Beirut auch einen Blog auf seiner privaten Website.