US-Wahlen

«Biden steht für christliche Werte»

Was bedeuten die Präsidentschaft Joe Bidens und die Vize-Präsidentschaft von Kamala Harris für die USA und für die dort lebenden Christen? ref.ch hat bei reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern mit amerikanischen Wurzeln nachgefragt.

Am Ende reichte es doch noch. Nach einem Wahlkrimi wurden die demokratische Kandidat Joe Biden sowie Kamala Harris am Wochenende von verschiedenen US-Medien zum Präsidenten beziehungsweise zur Vizepräsidentin erklärt. Biden konnte sich damit äusserst knapp gegen den amtierenden Präsidenten Donald Trump durchsetzen. In zahlreichen US-Städten wie Washington oder New York feierten die Menschen auf den Strassen Bidens Sieg. Erleichterung ist auch bei in der Schweiz lebenden Pfarrpersonen zu spüren, die ihre Wurzen in den USA haben.

Pfarrer Mike Gray: «Ich bin nicht der Fantasy-Pfarrer.»
Mike Gray

So zum Beispiel bei Mike Gray, der gebürtiger Amerikaner ist, seit 25 Jahren in der Schweiz lebt und als reformierter Pfarrer in Winterthur arbeitet. «Wie es aussieht, wird mein Vater- oder auch Mutterland in den nächsten vier Jahren von normal tickenden Menschen geführt.»

Für Gray macht Biden einen seriösen und empathischen Eindruck. «Er bringt eine gewisse Grossväterlichkeit in die Politik, die der momentan angespannten Lage sicher gut tut.» Er mache sich grosse Hoffnung, dass Biden dadurch die Gemüter im Land etwas beruhigen kann.

«Die giftige Stimmung in der Bevölkerung bleibt bestehen.»

Trotzdem spüre er nach der Wahl auch Frust und habe ein mulmiges Gefühl. Dass noch immer viele Menschen eine Person wie Donald Trump für wählbar halten, sei für ihn nicht nachvollziehbar. «Selbst nach allem was passiert ist.» Gray fragt sich deshalb, wie es nun weitergeht. Denn auch wenn Biden im Amt sitze, so bleibe die giftige Stimmung in der Bevölkerung bestehen. «Ich versuche aber mit Gottvertrauen in die Zukunft zu blicken. Wenn ich vom Heiligen Geist predige, will ich glauben, dass er auch amerikanische Herzen verändern kann.»

Einen positiven Einfluss könnte Biden auch auf das Christentum in den USA haben, glaubt Gray. Schon seit Jahrzehnten wird das Christentum in der Öffentlichkeit primär als rechtspopulistisch und erzkonservativ wahrgenommen. Der praktizierende Katholik Biden hingegen habe mit seiner Befürwortung des Rechts auf Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe eine progressive Haltung und sei tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Er zeige, dass Frömmigkeit auch anders ausgelebt werden kann.

Scotty Williams

Freude über die Wahl Bidens herrscht auch bei Scotty Williams, ordinierter presbyterianischer Pastor und schweizerisch-reformierter Pfarrer der All Souls Protestant Church in St Gallen. Williams stammt aus Louisiana und lebt seit zehn Jahren in der Schweiz. «Ich bin wirklich erleichtert, auch wenn ich fürchte, dass noch einiges bis zur Vereidigung passieren könnte.» Grosse Sorgen bereitet Williams, dass Trump entgegen den Gepflogenheiten sich nicht als fairer Verlierer zeigt und die Leute bei der Übergaberede nicht dazu aufrufen könnte, Biden als Präsidenten anzuerkennen. «Damit könnte er die Wut der Trump-Wähler weiter anstacheln und so das Land weiterhin spalten.»

«Joe Biden tut der amerikanisch-christlichen Tradition gut.»

Im Gegensatz dazu erhofft sich Williams von Biden, dass er auf das Land eine heilende Wirkung hat. Und dass er als erfahrener Staatsmann für Stabilität sorgt. Insbesondere für die schwarze Gemeinschaft könnten die nächsten vier Jahre unter Biden und insbesondere unter Vizepräsidentin Kamala Harris hoffnungsvoll werden. «Sowohl Biden als auch Harris wollen sich den Problemen der schwarzen Bevölkerung annehmen.» Er sei überzeugt, dass sie das nicht nur im Wahlkampf versprachen, sondern auch tatsächlich tun werden.

Auch für die amerikanisch-christliche Tradition sei die Wahl Bidens gut. Unter Trump sei diese von der konservativen weissen evangelikalen Tradition vereinnahmt worden. Nun könnten sich auch wieder andere christlichen Religionsgemeinschaften besser Gehör verschaffen. «Es gibt viele amerikanische Konfessionen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und die Wissenschaft unterstützen. Sie wollen ein Land, das für alle Bürger Platz hat.»

Catherine McMillan

Von einem regelrechten «Befreiungsschlag» spricht Catherine McMillan, gebürtige Amerikanerin und Pfarrerin in Dübendorf-Schwerzenbach im Kanton Zürich. McMillan lebt seit 17 Jahren in der Schweiz, hat aber durch ihre Familie in North Carolina eine enge Beziehung zu den USA. «Als bekannt gegeben wurde, dass Biden gewonnen hat, rief mich meine 86-jährige Mutter überglücklich an», sagt McMillan. Endlich sei das Land aus dem Würgegriff von Donald Trump befreit worden. «Jeden Tag die Hassbotschaften von ihm mitzubekommen war einfach erdrückend.» Von Biden erhofft sie sich, dass der Ton nun deutlich versöhnlicher wird. Und dass er die «krassen Fehler» von Trump rückgängig machen wird. Konkret meint McMillan unter anderem den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen.

«Kamala Harris ist jung, kompetent und hat Charisma.»

Grosse Hoffnungen setzt McMillan auch in die neue Vizepräsidentin Kamala Harris. Dass erstmals eine Frau ein solches Amt innehat, sei bemerkenswert. «Das hätte schon viel früher passieren sollen.» Die Wahl von Harris sei ein wichtiger Schritt der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die in den USA noch immer nicht rechtlich verankert sei. «Harris ist jung, kompetent, hat Charisma und strotzt vor Energie. Ich freue mich, sie im Amt zu sehen», sagt McMillan.

Auch für die Religionsgemeinschaften sei Harris eine gute Wahl. «Sie ist eine Protestantin, die mit einem Juden verheiratet ist und eine hinduistische Mutter hatte. Sie ist also von Haus aus eine religionsverbindende Frau.» Harris wie auch Biden hätten zudem einen moralischen Kompass, der seine Wurzeln im Glauben habe. «Der Glaube gibt ihnen nicht nur Halt, sie entwickeln aus ihm auch Haltung.» So seien Werte wie Anstand und Gerechtigkeit für sie im Gegensatz zu Trump keine Fremdworte. «Damit könnten sie es schaffen, die Wogen in den USA vielleicht etwas zu glätten», sagt McMillan. Das habe das tief gespaltene Land auch nach der Wahl bitter nötig.