Gedenkkultur

KZ-Gedenkstättenleiter gegen Wiederaufbau des Kehlsteinhauses

Wie geht man nach dem Brand mit Hitlers Teehaus um? Als Berggasthof ist es bis anhin ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. Gleichzeitig ist es ein Denkmal der NS-Zeit. Historiker sind sich uneins über die nächsten Schritte.

Der Leiter der KZ-Gedenkstätten Buchenwald, Jens-Christian Wagner, ist gegen einen originalgetreuen Wiederaufbau des durch einen Brand zerstörten Kehlsteinhauses auf dem Obersalzberg. Ein Nachbau des von den Nationalsozialisten errichteten Gebäudes simuliere Authentizität und sei kein «historisches Beweismittel» mehr, sagte Wagner dem «RedaktionsNetzwerk Deutschland».

Das Kehlsteinhaus am Obersalzberg in Berchtesgaden war am Freitag durch ein Feuer weitgehend zerstört worden (ref.ch berichtete). Das denkmalgeschützte Teehaus war 1937/38 als Ausflugsziel für Adolf Hitler gebaut und seit 1952 als Berggaststätte genutzt worden.

Wagner warnte davor, dass auch eine Ruine von Rechtsextremisten romantisiert werden könnte, sollte man diese einfach stehen lassen. Als mögliche Lösung schlug er einen bewussten Neubau unter Einbeziehung sichtbarer «baulicher Relikte» vor.

«Zeitschichten» sichtbar machen

Der Historiker und Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Sven Keller, sagte in einem Interview mit dem «Spiegel», er sei gegen eine «Eins-zu-Eins-Rekonstruktion» des Gebäudes. Vielmehr gehe es darum, «verschiedene Zeitschichten» sichtbar zu machen. Denn: Schon vor dem Brand sei das Teehaus nicht mehr im Originalzustand gewesen. «Der Brand fügt nun eine neue Zeitschicht hinzu. Das sollte man für Besucherinnen und Besucher sichtbar machen.»

Der Freistaat Bayern, fordert Gedenkstättenleiter Wagner, solle als Eigentümer einen Ideenwettbewerb ausloben und vor einer Entscheidung eine Debatte unter Beteiligung von Historikern und Denkmalschützern ermöglichen, sagte Wagner. «In jedem Fall sollte am Ort auf geeignete Weise auf die NS-Vergangenheit hingewiesen und der historische Kontext erläutert werden.»

Beliebtes Ausflugsziel

Das Teehaus war bis zum vergangenen Freitag das Überbleibsel der nationalsozialistischen Anlage auf dem Obersalzberg. Weiter unten am Berg stand früher Hitlers Villa, der Berghof. Dieser wurde im Zweiten Weltkrieg bei Kämpfen schwer beschädigt und dessen Ruinen in den 1950er-Jahren von der US-Armee gesprengt.

Bis heute jedoch würden im Bereich des Geländes der Villa Hakenkreuze in Bäume geritzt und zu gewissen Jahrestagen Kerzen aufgestellt. Man müsse regelmässig Grabkerzen einsammeln, sagt Historiker Keller. «Mit dieser Ambivalenz werden wir umgehen müssen. Man kann den Ort ja nicht einfach von der Karte tilgen.»

Das nun zerstörte Teehaus habe sich zu einem der «grossen Anziehungspunkte im Berchtesgadner Land» entwickelt, sagt Keller. Man müsse gute Wege finden, die sowohl eine «angemessene Nachnutzung» ermöglichten als auch den «erinnerungskulturellen Anforderungen» genügten. (epd/ dst)

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