Konfliktherd Kaukasus

«Wir wären zum Ziel von Scharfschützen geworden»

Rita Famos ist nahe an den Kämpfen in Aserbaidschan gewesen. Nun ist die EKS-Präsidentin zurück in der Schweiz. Spurlos ist die Reise nach Armenien nicht an ihr vorüber gegangen.

EKS-Präsidentin Rita Famos (zweite von rechts) zusammen mit der Delegation des ÖRK in der Nähe der Grenze zu Berg-Karabach. Kurze Zeit später musste die Gruppe aus Sicherheitsgründen umkehren. (Bild: zVg)

Zwischen der Ankunft in Armeniens Hauptstadt Jerewan und der eiligen Rückreise liegen für Rita Famos knapp zwei Tage. Die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) war als Mitglied einer Delegation des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) in den Kaukasus gereist. Die Geistlichen wollten darauf aufmerksam machen, dass Aserbaidschan seit Monaten die Region Berg-Karabach isoliert, in der rund 120'000 ethnische Armenier leben. Noch während der Anreise wurde die Delegation vom Angriff der aserbaidschanischen Armee überrascht (ref.ch berichtete).

Frau Famos, vor wenigen Tagen fuhren Sie mit Delegierten des Weltkirchenrates in einem Minibus in Richtung der Grenze zu Berg-Karabach. Aber Sie kamen nie am Ziel an.
Rita Famos: Zwei Kilometer vor dem Checkpoint, der die Zufahrt nach Berg-Karabach verhindert, wurden wir von ranghohen armenischen Soldaten aufgehalten. Sie rieten uns zur Umkehr. Es bestand die Gefahr, dass wir nach der nächsten Kurve zum Ziel von aserbaidschanischen Scharfschützen werden würden, hiess es. Der Angriff hatte während unserer Anfahrt begonnen.

Wie reagierten Sie?
Wir zeichneten am Strassenrand eilig drei Videos auf, um die Situation zu dokumentieren. Dann drängten uns die Soldaten dazu, einzusteigen und zurückzufahren. Angst hatte ich keine, weil ich sicher war, dass unsere Begleiter uns keinem Risiko aussetzen würden. Aber wir waren schockiert, auch weil zwei Diaspora-Armenierinnen in unserer Gruppe Kontakt mit Bekannten in Berg-Karabach hatten. Ständig erhielten sie Bilder und Videos von einschlagenden Granaten und zerstörten Gebäuden.

Berg-Karabach: Seit Jahren umstritten

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 30 Jahren streiten sich Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach. Die Region liegt in Aserbaidschan, doch es leben vorwiegend ethnische Armenier dort. In den vergangenen Monaten hat Aserbaidschan die einzige Zufahrtsstrasse nach Berg-Karabach blockiert. Laut der Gesellschaft Schweiz-Armenien mangelt es in der Region an allem und es seien bereits Menschen verhungert. Zuletzt hatte es im Sommer 2020 einen Krieg in der Region gegeben. Im November desselben Jahres war ein Waffenstillstand beschlossen worden. Dennoch flammte der Konflikt seither immer wieder auf; er gilt im Kern bis heute als ungelöst. (dst)

Wie nahmen Sie die Stimmung der Menschen in Armenien wahr?
Die Menschen, mit denen wir sprachen, hatten resigniert und waren in Sorge. Für sie ist Berg-Karabach verloren, die Zukunft ihrer internierten Landsleute unsicher und sie befürchten ein weiteres Vorrücken Aserbaidschans. Das Land könnte einen Korridor durch armenisches Gebiet zu einer aserbaidschanischen Enklave erzwingen. Viele rechnen mit dem Schlimmsten. Ihre einzige Hoffnung ist die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.

Wie blicken Sie zurück auf die vergangenen Tage?
Die ÖRK-Delegation reiste mit einer Mission nach Armenien: Die Öffentlichkeit auf die humanitäre Katastrophe im isolierten Berg-Karabach aufmerksam zu machen. Ich erwartete, dass wir damit einiges würden bewegen können. Dann wurden wir Zeugen des Angriffs: Wir sahen, wie Berg-Karabach innert 24 Stunden überrollt wurde und niemand etwas dagegen tun konnte. Ich wandte mich mit einem Appell an den Stab von Aussenminister Ignazio Cassis, der später am Rand der UN-Generalversammlung in New York mit den Aussenministern von Armenien und Aserbaidschan Gespräche führte.

Stehen Sie in Kontakt mit Menschen aus Armenien?
Ja. Ich habe mit einigen Handynummern ausgetauscht. Beinahe hätte ich nicht an der Reise teilgenommen. Ich zweifelte an der Bedeutung unseres Besuchs. Das hatte ich falsch eingeschätzt. Für die Menschen in Armenien war es wichtig, dass wir da waren und die Solidarität innerhalb der Kirche zeigten.