Bergkarabach

Hunger als Waffe: Lage im Südkaukasus wird immer prekärer

Der uralte Konflikt zwischen christlichen Armeniern und muslimischen Aserbaidschanern in Bergkarabach spitzt sich zu: Die armenische Minderheit fürchtet, ausgehungert zu werden.

Seit Mitte Juni erhalten rund 100'000 bis 120'000 Menschen in Bergkarabach keine humanitäre Hilfe mehr. Seit Dezember 2022 blockiert Aserbaidschan, zu dem das Gebiet völkerrechtlich gehört, die Lebensader der Karabach-Armenier ins nahe Mutterland Armenien.

Zuletzt konnten auch medizinische Notfalltransporte nicht mehr passieren. Aserbaidschan will nach Angaben von Präsident Ilham Aliyev den angeblichen Schmuggel von Waffen nach Bergkarabach unterbinden. Hielten anfangs noch angebliche aserbaidschanische Öko-Aktivisten den Warenverkehr auf, steht seit April ein regulärer Kontrollposten im sogenannten Latschin-Korridor.

Und wie immer, wenn es um den uralten Konflikt zwischen den christlichen Armeniern und den übermächtigen muslimischen Nachbarn geht, wird die Erinnerung an die systematische Vertreibung und Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich ab 1915 wach.

Der frühere Chefankläger des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, Luis Moreno Ocampo, nennt auch die jetzige Situation einen «andauernden Genozid». Hunger werde als Waffe gegen eine Ethnie eingesetzt, schrieb er in einem Gutachten für die armenische Seite. Er appellierte an Russland, die USA und die Europäische Union, dies zu stoppen. «Deren intensive Konfrontation im Ukraine-Konflikt sollte nicht dazu führen, dass die Armenier ein Kollateralschaden werden.» Doch bislang hat Diplomatie keine Lösung gebracht.

Apotheken und Marktstände sind leer

In der Hauptstadt Stepanakert und den anderen Orten in Bergkarabach (armenisch: Arzach) ist das Leben äusserst beschwerlich geworden. Strom ist für einige Stunden da, dann fällt er wieder aus. Das Glasfaserkabel von Armenien nach Karabach für eine stabile Internetverbindung hat Aserbaidschan Mitte August offenbar gekappt.

Vor allem aber sind die Apotheken leer. Auf den Märkten gibt es kaum etwas zu kaufen. Es fehlt an Benzin, um Obst und Gemüse aus dem Umland nach Stepanakert (aserbaidschanisch: Khankendi) zu bringen. Für Brot müssen die Menschen Schlange stehen. Für etwa 2000 schwangere Frauen gebe es keine medizinische Betreuung, sagte der armenische Aussenminister Ararat Mirsojan Mitte August im UN-Sicherheitsrat in New York. Und er berichtete von einem Mann, der ärztlichen Berichten zufolge an Unterernährung gestorben sei.

«Putin, halte Wort!»

Das öl- und gasreiche Aserbaidschan ist durch einen Sieg über die armenische Armee 2020 in die Position gekommen, Bergkarabach abriegeln zu können. Vorher hatten die Armenier seit 1992 nicht nur Bergkarabach verteidigt, sondern auch grosse Teile Aserbaidschans besetzt gehalten. Doch im Krieg 2020 verlor Bergkarabach, einst etwa 4400 Quadratkilometer gross, zwei Drittel seines Territoriums. Aliyevs Truppen rückten bis an die Grenze des Mutterlandes Armenien vor.

Die Schutzmacht Russland stand Armenien nicht militärisch bei. Sie setzte durch, dass russische Truppen den Waffenstillstand überwachen. Zu den übernommenen Pflichten gehört eigentlich auch, bis 2025 den Transportweg über die Gebirgsstrasse von Latschin offen zu halten. «Putin, halte Wort!», steht deshalb auf Plakaten bei Protestaktionen in Stepanakert. Doch das Russland von Präsident Wladimir Putin hat durch den Krieg gegen die Ukraine an Einfluss verloren. (dpa/ sda/ eba)