50 Jahre DFA
«Arbeitslos zu werden war für viele unvorstellbar»
(Bild: Gewerkschaft Bau und Industrie/ Schweizerisches Sozialarchiv/F 5031-Fb-0513)
Als Bruno Holderegger Anfang der 1960er-Jahre nach seinem Studium in Köln nach Zürich kam, ging er zuerst in die Fabrik nach Altstetten. Der Dominikanerpater hatte Philosophie, Theologie und Sozialwissenschaften studiert. Bei der Luwa AG, einem Unternehmen für Luft- und Wärmeanlagen, arbeitete er als Materialtransporteur.
Der heute 93-Jährige wollte den Industriealltag konkret und praxisnah kennenlernen und so erfahren, welche Probleme die Arbeiter beschäftigen. Einzig der Personaldirektor habe von seinem Hintergrund gewusst. «Viele der Arbeitskollegen verstanden nicht, wieso ich als Schweizer eine so strenge Büez für so wenig Geld machte.»
Sein letzter Arbeitstag in der Fabrik, Heiligabend 1963, ist ihm gut in Erinnerung geblieben. «Wir Büezer mussten bis nachmittags um vier Uhr arbeiten, Angestellte im Büro und Kader hatten schon am Mittag frei.»
Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg
1964 wurde Holderegger katholischer Arbeiter- und Industrieseelsorger für den Kanton Zürich. «Aufgrund meiner Ausbildung wollte ich von Anfang an die konfessionelle Grenze sprengen.» Bereits im zweiten Jahr unterrichtete er mit dem reformierten Winterthurer Stadtkirchenpfarrer Theodor Dieterle (1924–2020) in der Berufsschule Sulzer im Fach Lebenskunde.
Ab 1965 organisierte Holderegger mit Pfarrer Dr. Adolph Trüb ökumenische Kurse für Pfarrpersonen und später auch für Theologiestudierende. Verbunden mit Arbeitseinsätzen in Fabriken, bei Banken, den SBB, Swissair oder der Migros. «Sie sollten erkennen und verstehen, welche Probleme die Menschen in der Industrie und der Arbeitswelt beschäftigten.»
Die Kirchen reagierten damit auf eine gesellschaftliche Umwälzung: In den 60er-Jahren arbeitete nahezu jeder Zweite in der Industrie. Durch Schicht- und Sonntagsarbeit sowie eine grössere Mobilität trennte sich damals die Arbeitswelt stärker vom Gemeindeleben ab. Die Kirchen gingen deshalb dorthin, wo die Menschen einen Grossteil ihrer Zeit verbrachten.
Auf katholischer und reformierter Seite entstanden Fachstellen für Kirche und Industrie. Dr. Adolph Trüb leitete die reformierte Stelle, Holderegger die katholische. Für ihn gehörten Seelsorge, soziale Beratung und der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zusammen. «Der Mensch ist der Weg der Kirche», sagt er.
Diese Arbeit bereitete den Boden für die ökumenische Dienststelle für Arbeitslose (DFA), die 1976 gegründet wurde und dieses Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert. Auf reformierter Seite ging die Gründung auf ein Postulat des damaligen Grossmünsterpfarrers Werner Gysel (1933–2022) zurück. Er hatte die Schaffung eines Solidaritätsfonds gefordert, der Kirchenrat unterstützte das Anliegen. Kirchliche Mitarbeitende sollten «dem Arbeitslosen helfen, seine Minderwertigkeitsgefühle und Ängste abzubauen», heisst es im Antrag an die Synode der Zürcher Landeskirche Ende 1975. Sie nahm ihn einstimmig an.
Holderegger initiierte den Trägerverein für eine zweite Beratungsstelle in der damaligen Industriestadt Winterthur. 1983 kam eine weitere Beratungsstelle in Uster dazu.
Ölkrise als Auslöser
«Meine Arbeit war bis dahin nicht auf Arbeitslosigkeit fokussiert», sagt Holderegger. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Hochkonjunktur geherrscht. Die Ölkrise von 1973 wurde jedoch zu einem gesellschaftlichen Schock: Betriebe führten Kurzarbeit ein, entliessen Angestellte oder gingen Konkurs. Besonders ausländische Arbeitskräfte traf die Krise. Viele Saisonnierverträge wurden nicht verlängert. «Die entstandene Arbeitslosigkeit wurde zuerst exportiert.»
1977 führte der Bund die obligatorische Arbeitslosenversicherung ein. Der finanzielle Druck blieb trotz staatlicher Unterstützung hoch: Die Taggelder betrugen in der Regel zwei Drittel des Lohns und waren nach knapp einem halben Jahr aufgebraucht. Erst 1984 verbesserte die vollständige Einführung des Arbeitslosenversicherungsgesetzes diese Situation.
In den Werkhallen und vor allem in den Betriebskantinen kontaktierte Holderegger die Arbeiter und Angestellten, vor allem auch Mitglieder der Arbeiter- und Angestelltenkommissionen, die Personalverantwortlichen besuchte er in deren Büro. Besonders erinnert er sich an Ruedi Vogel, einen Rohrschlosser bei den Saurer-Werken in Arbon TG. Im Gedicht «Blauer Brief» hielt Vogel die Angst vor der Entlassung fest:
Arbeitslos, so schnell gesagt,
doch darin sind verborgen
Leid und Härte, Streit und Not
und manch andere Sorgen.
Holderegger kannte Arbeitslosigkeit auch aus seiner eigenen Familie. Sein Vater, Jahrgang 1896, verlor als junger Mann seine Lehrstelle, weil dessen Chef in die österreich-ungarische Armee eintrat, um im Ersten Weltkrieg zu kämpfen. Danach musste der arbeitslose Vater in einem Beschäftigungsprogramm Strassen bauen. «Am Mittag erhielt er dafür Suppe.» Diese Betroffenheit hatte auch den Sohn geprägt.
Eine offene Tür
Die neue Beratungsstelle DFA musste sich ihren Platz erst erkämpfen. Einige Kirchenvertreter hielten eine spezialisierte Arbeitslosenhilfe für unnötig, andere sahen darin keine kirchliche Aufgabe. «Hinzu kamen gesellschaftlich weit verbreitete Vorurteile: Erwerbslose seien faul und selbst schuld an ihrer Situation.»
An einer Pressekonferenz im Juni 1976, von der die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) berichtete, bezeichneten die DFA-Verantwortlichen die Arbeitslosigkeit dagegen in erster Linie als menschliches Problem. Erfolglose Stellensuche führe häufig zu Resignation, familiären Spannungen und sozialer Isolation. Besonders gefährdet seien junge und ältere Menschen sowie Personen mit einer Einschränkung. Die Kirchen wollten für die Würde der Erwerbslosen eintreten und konkrete Hilfe leisten, heisst es im NZZ-Artikel.
«Unsere Tür war offen und wir hörten zu», erinnert sich Holderegger. Ratsuchende konnten Dampf ablassen, Kontakte knüpfen, Stellen suchen und sich in finanziellen und rechtlichen Fragen beraten lassen. Mitarbeitende halfen ihnen, Zeitungsinserate zu lesen sowie Formulare, Zulassungspapiere und Lohnfragen zu verstehen.
Bald zeigte sich, dass das Team fachliche Unterstützung brauchte. Die städtischen Ämter unterstützten die Dienststelle, zudem wurden Juristen angestellt. «Sie setzten sich vor Gericht ein, um beispielsweise Entlassungen oder unfaire Arbeitszeugnisse anzufechten.» Ein «Bulletin der Stellensuchenden» vermittelte Erwerbslose an Unternehmen. In Rollenspielen übten die Arbeitslosen Vorstellungsgespräche. Eine Notfallkasse half, wenn das Geld für Essen oder die Fahrt zu einem Bewerbungsgespräch fehlte.
50 Beratungen in drei Tagen
Wie notwendig die Fachstelle blieb, erlebte Denise Tunali in den 1990er-Jahren. Die Sozialarbeiterin war von 1991 bis 1998 bei der DFA in Zürich tätig. Damals erreichte die Arbeitslosigkeit historische Höchststände, und die staatlichen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) entstanden.
Industriebetriebe bauten Stellen ab oder verschwanden. Menschen, die jahrzehntelang im selben Unternehmen gearbeitet hatten, verloren nicht nur ihr Einkommen, sondern oft auch ihr gewohntes Umfeld. Besonders Menschen über 40 seien in einen Schockzustand geraten, sagt Tunali. «Arbeitslos zu werden, das war für viele unvorstellbar.» Viele hätten zunächst geglaubt, wieder dieselbe Arbeit zum selben Lohn zu finden. Erst nach Monaten sei ihnen klar geworden, dass sie sich beruflich neu orientieren mussten.
Der Andrang war gross. Bis zu 50 längere Beratungen habe sie in drei Tagen durchgeführt. Tunali baute gezielt Vertrauen zu Arbeitgebern auf. Zunächst habe sie Personen vermittelt, von deren Fähigkeiten sie überzeugt war. Nach mehreren guten Erfahrungen konnte sie den Firmen auch Menschen vorschlagen, die auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen hatten. «Etwa eine muslimische Frau, die noch nie in der Schweiz gearbeitet hatte.»
Hilfe für Menschen, die durchs Raster fielen
Zu ihren Klientinnen und Klienten gehörten Menschen mit geringer Schulbildung, Migranten, Asylsuchende oder Menschen mit einer Einschränkung. Sie erinnert sich an einen portugiesischen Analphabeten, der wegen Rückenproblemen nicht mehr auf dem Bau arbeiten konnte. «Täglich ging er arbeitssuchend von Restaurant zu Restaurant und fand noch mit 60 Jahren eine neue Stelle.» Für eine blinde Frau las Tunali Stelleninserate durch und rief Arbeitgeber an. «Wie hätte sie sonst eine Stelle finden sollen? Andere Beratungsstellen konnten oder wollten diese aufwendige Arbeit nicht übernehmen.»
Besonders viele türkische und kurdische Frauen suchten in den 90er-Jahren Unterstützung. An manchen Nachmittagen kamen bis zu 30 von ihnen zur DFA. Einzelberatungen waren nicht mehr zu bewältigen, also organisierte Tunali sie in einer Gruppe. Fortan halfen sie sich gegenseitig. «Politische und religiöse Unterschiede spielten dabei kaum eine Rolle.»
Für Tunali ist dieses Beispiel exemplarisch dafür, was die Fachstelle leisten konnte: Die Menschen trafen nicht nur eine Beraterin, sondern auch Andere in einer ähnlichen Lage.
Digitalisierung überfordert und bedroht viele
Seit der Gründung der DFA hat sich die staatliche Unterstützung für Erwerbslose stark verbessert. Regionale Arbeitsvermittlungszentren, Weiterbildungen und Integrationsangebote übernehmen heute viele Aufgaben, die kirchliche Stellen einst entwickelt oder vorweggenommen haben.
Überflüssig ist die DFA deshalb nicht geworden. 2025 leistete das 17-köpfige Team 6759 Beratungen. Die Probleme haben sich laut Gesamtleiterin Katharina Engeler gewandelt. Von Stellensuchenden werde heute erwartet, dass sie Onlineformulare ausfüllen, Benutzerkonten einrichten und Bewerbungen digital einreichen können. «Aber das überfordert viele.»
Den RAV-Beratenden, die bis zu 180 Dossiers betreuten, fehle die Zeit für eine individuelle Unterstützung. «Wer zusätzliche Hilfe benötigt, wird deshalb auch an uns verwiesen», sagt Engeler. Man helfe beim Erstellen von Lebensläufen und Bewerbungen oder kümmere sich um rechtliche Fragen. «Wir sind die einzige Stelle, die Rechtsberatung kostenlos anbietet.»
In der aktuellen Zeit bedränge die digitale Entwicklung die «working poor» besonders stark. «Früher gab es mehr Jobs für Menschen mit geringer formeller Schulbildung.» Das falle immer mehr weg. «Man spricht oft vom Fachkräftemangel, aber es gibt auch Menschen, die keine Fachkräfte sind.»
Geblieben ist der Kern der DFA-Arbeit, den Bruno Holderegger bereits für die Anfangszeit beschrieb: zuhören, Orientierung bieten und konkrete Hilfe leisten. In einem System aus Fristen, Formularen und Kontrollen bietet die Anlaufstelle Zeit und ein Gegenüber, das nicht über Sanktionen entscheidet.