Armut
Ökonomen sind alarmiert, weil Reiche immer reicher werden
Eine Gruppe von sechs anerkannten Ökonomen prangert einen globalen «Ungleichheitsnotstand» an. Die reichsten ein Prozent der Menschen hätten zwischen 2000 und 2024 rund 41 Prozent des globalen Vermögensaufbaus für sich vereinnahmt, heisst es in einem Bericht unter Federführung von Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz. Der Zwischenruf erfolgt kurz vor dem Gipfel der grossen Industrie- und Schwellenländer (G20), der am 22. und 23. November im südafrikanischen Johannesburg stattfindet.
Nur ein Prozent des in dem Zeitraum erwirtschafteten Vermögens komme den ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung zugute, heisst es in dem Bericht. Das bedeute, dass das durchschnittliche Vermögen von einem Prozent der Weltbevölkerung in rund fünf Jahren um 1,3 Millionen Dollar (1,05 Millionen Franken) pro Person gestiegen sei. Im gleichen Zeitraum sei das Durchschnittsvermögen der ärmsten 50 Prozent lediglich um 585 Dollar (474 Franken) pro Person angewachsen. Laut der Analyse wird eine Minderheit in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich 70 Milliarden Dollar (56,7 Milliarden Franken) erben.
Ungleichheit schwächt Demokratie
Besonders gross blieben die Einkommensunterschiede zwischen dem Globalen Norden und Süden. Eine grosse Diskrepanz untergrabe die Demokratie, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Wirtschaft, heisst es in dem Bericht. Seit 2020 hätten Ereignisse wie die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, sowie die von den USA erlassenen neuen Zölle und die daraus resultierenden Handelsstreitigkeiten Armut und Ungleichheit weiter verschärft.
Der Bericht empfiehlt die Schaffung eines «Internationalen Gremiums für Ungleichheit», das ähnlich wie der Weltklimarat politische Entscheidungsträger und die internationale Gemeinschaft berät. «Die Welt hat erkannt, dass wir uns in einer Klimakrise befinden. Es ist an der Zeit, dass wir auch erkennen, dass wir uns in einer Ungleichheitskrise befinden», sagte Stiglitz. Weltweit müsse mittlerweile jeder Vierte regelmässig auf Mahlzeiten verzichten, während das Vermögen der Milliardäre den höchsten Stand in der Geschichte erreicht habe.
Steuern heben, Arbeitnehmer stärken
Die Autoren empfehlen eine fairere Besteuerung multinationaler Unternehmen und der sehr vermögenden Menschen. Auf nationaler Ebene sollten verstärkt arbeitnehmerfreundliche Regulierungen umgesetzt, Unternehmenskonzentration verringert, grosse Kapitalgewinne besteuert, in öffentliche Dienstleistungen investiert und eine progressivere Steuer- und Ausgabenpolitik eingeführt werden.
Der G20-Gipfel findet in diesem Jahr unter dem Motto «Solidarität, Gleichheit und Nachhaltigkeit» statt. Der G20 gehören 19 Staaten, die Europäische und die Afrikanische Union an. Die Gruppe steht für etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung und mehr als 85 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft. Südafrika will seine diesjährige Präsidentschaft nutzen, um die Schuldenlast von Entwicklungsländern zu mindern sowie eine gerechte Energiewende zu thematisieren. (sda/ dst)