«Alte Frauen sind doppelt diskriminiert»

Die #metoo-Debatte hat Gewalt gegen Frauen wieder zum Thema gemacht. Ältere Frauen bekommen dabei aber nur wenig Aufmerksamkeit, sagt Anna-Béatrice Schmaltz vom Christlichen Friedensdienst cfd. Aus diesem Grund stehen sie im Fokus der diesjährigen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*».

Nicht jede Gewalt gegen ältere Frauen geschieht absichtlich, sagt Anna-Béatrice Schmaltz. (Bild: Symbolbild; KEYSTONE/Gaetan Bally)

Frau Schmaltz, diese Kampagne richtet sich gegen Gewalt an älteren Frauen. Warum dieser Fokus?
Die Kampagne will tabuisierte Themen ansprechen, dazu gehören Alter und Gewalt. Über beides wird viel zu wenig gesprochen. Dabei gelten wir während eines Drittels unserer Lebenszeit als alt, es ist also ein wichtiger Lebensabschnitt.

Ist Gewalt an älteren Frauen ein grösseres Tabu als Gewalt an jüngeren?
Bei der sexuellen Gewalt spielt eine Rolle, dass nur schon Sexualität im Alter tabuisiert ist. Man nimmt alte Menschen als asexuelle Wesen wahr. Für ältere Frauen ist es zudem oft schwieriger, darüber zu sprechen. Ein weiterer Unterschied ist, dass nicht jede Gewalt gegen ältere Frauen absichtlich geschieht. Angehörige sind zum Beispiel oft von der Pflege überfordert. Wenn jemand die alte Mutter eingekotet im Bett liegenlässt, weil man es einfach nicht schafft, sie zu waschen, dann geschieht das vielleicht nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Überforderung. Darüber zu sprechen fällt vielen Betroffenen sehr schwer, weil ja meist ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Bei der Kampagne geht es um Gewalt an älteren Frauen, welche Formen gibt es da?
Es gibt einerseits die strukturelle Gewalt. So haben Frauen im Alter im Durchschnitt eine 37 Prozent tiefere Rente als Männer. Viele Frauen sind zuvor weniger einer bezahlten Arbeit nachgegangen, weil sie sich um die Familie gekümmert haben. Deshalb haben sie weniger Geld in die Altersvorsorge einbezahlt. Häufig werden sie deshalb abhängig von ihrem Mann und können sich nicht von ihm trennen im Fall von häuslicher Gewalt. Auch stereotype Rollenbilder gehören zu dieser strukturellen Gewalt. Eine alte Frau wird oft einfach als Grossmutter und Hausfrau wahrgenommen. Wenn sie aber sagt, sie möchte sich nicht um ihre Enkel kümmern, dann stösst das auf Ablehnung und Unverständnis.

Warum zählen Sie die strukturellen Probleme auch zur Gewalt?
Abwertung und Diskriminierung schränken die Chancen und Lebensrealitäten von Frauen ein. Ein Beispiel: Eine junge Frau wird nicht befördert, weil befürchtet wird, dass sie schwanger wird und danach sowieso weniger arbeitet. Das ist eine Form von Gewalt. Es ist deshalb auch wichtig darüber zu sprechen, wieso die Gleichstellung in der Schweiz noch nicht erreicht ist. Und dann natürlich auch Taten folgen zu lassen. Denn Gleichstellung ist die beste Prävention gegen Gewalt.

Aber die konkrete physische Gewalt ist sicher im Alter auch Thema?
Ja, zur physischen Gewalt gehört einerseits das Schlagen, aber auch wenn alte Menschen vernachlässigt werden. Das geschieht in Institutionen oder zu Hause, wenn Pflegende überfordert sind. Und natürlich gibt es sexuelle und auch psychische Gewalt gegen ältere Frauen. Etwa wenn damit gedroht wird, das Haustier wegzugeben, wenn das Testament nicht geändert wird.

Sie sagen in Ihrer Kampagne, dass viele ältere Frauen von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind. Was meinen Sie damit?
Alte Frauen sind durch ihr Alter und Geschlecht bereits doppelt diskriminiert. Wenn dann aber noch ein weiterer Faktor hinzukommt, wird es oft schwierig. Frauen mit Migrationshintergrund stehen zusätzlich vor Sprachbarrieren, sie sind oft isoliert, weil ihre Familie im Ausland lebt, und die Altersarmut ist noch verbreiteter. Auch lesbische Frauen sind mehrfach diskriminiert. Wenn ihre Partnerin stirbt, erhalten sie nur eine Witwerrente, die niedriger ist als die Witwenrente. Und für viele ist es schwierig, sich in Heimen zu outen, weil diese nicht auf homosexuelle Menschen vorbereitet sind.

Gibt es Zahlen zur Gewalt gegen ältere Frauen?
Nicht spezifisch für die Schweiz. Eine Studie der WHO geht aber davon aus, dass etwa 20 Prozent der Personen über 60 in Europa schon misshandelt wurden.

Wenn eine ältere Frau selber von Gewalt betroffen ist oder eine Drittperson auf Gewalt aufmerksam wird, was soll man dann tun?
Wer kein Internet hat, soll sich zuerst an eine Vertrauensperson wenden. Online kann man sich sonst bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter UBA oder bei der Fachstelle Alter ohne Gewalt melden. Diese unterstützen Betroffene.

Wie wollen Sie die Sensibilisierung und Prävention mit Ihrer Kampagne vorantreiben?
Wir arbeiten mit über 100 Partnerinnen zusammen. Diese machen während 16 Tagen verschiedene Veranstaltungen und Aktionen. In der Stadt Bern beispielsweise haben alle AHV-Empfängerinnen und -Empfänger ein Schreiben von der Fachstelle Häusliche Gewalt bekommen, diese bietet jetzt während dieser 16 Tage speziell Beratungsgespräche an. Das ist ein starkes Zeichen. Das Ansprechen und Aufzeigen, wo man Hilfe bekommt, ist schon ein grosser Teil der Sensibilisierung und Prävention.

 

 

Anna-Béatrice Schmaltz, Verantwortliche Campaigning des Christlichen Friedensdiensts cfd.