Alphatier, Verwalter oder Clown?
Es dauert ein wenig, bis der Elefant im Raum angesprochen wird. Zuerst reden die drei Männer über ihre Kompetenzen, ihre Motivation und sogar über ihre Hobbys. Doch dann fragt Pfarrer Christoph Zingg, Synodaler aus dem Kanton Graubünden: «Welche Rolle nehmt ihr ein? Seid ihr die Alphatiere, die Clowns oder die Verwalter?» Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) habe in letzter Zeit einige personelle Wechsel erlebt. Eine gute Zusammenarbeit sei schwierig, wenn ein Gremium aus lauter Rennpferden oder dem Gegenteil bestehe, erläutert Zingg seine Frage.
Rund 60 Personen, davon viele Synodale der EKS, blicken gespannt in die Bildschirme. Sie verfolgen das virtuelle Hearing der drei Kandidaten, die sich um einen der zwei frei werdenden Sitze im Rat bewerben. Judith Pörksen Roder, Präsidentin der Findungskommission, erteilt ihnen das Wort.
Er sei grundsätzlich ein Alphatier, sagt Thomas Gugger, Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche beider Appenzell. Manchmal verstehe er sich als der «Advocatus Diaboli», der gerne kritische Fragen zur Sache stelle. «Damit kann ich mich gut ins Team einbringen», sagt er.
Michel Rudin, Synodaler der Reformierten Kirche des Kantons Luzern und GLP-Politiker, betont hingegen seine Fähigkeiten als Mediator. Er erzählt die Anekdote, wie er als Berner Grossrat zwischen einem Kommunisten und einem Liberalen vermittelt habe. «Am Ende haben wir zusammen ein Ziel erreicht.»
Florian Schubert, Vizepräsident der EKS-Synode und Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Neuenburg sagt: «Ich bin mit vielen Geschwistern aufgewachsen.» Darauf zu achten, dass die Stimme von allen gehört werde, sei ihm sehr wichtig. Zudem bringe er gerne neue Ideen ein, ohne sich gleich in den Details zu verlieren.
Wahlen überstrahlen die Legislaturziele
An der Synode wird neben den Wahlen und den Legislaturzielen unter anderem darüber debattiert, ob der EKS-Rat ein Assoziierungsabkommen mit dem Johanniterorden der Schweiz ausarbeiten soll. Diese Möglichkeit besteht für Organisationen mit evangelischer Tradition seit 2022. Gemeint ist mit der Assoziierung eine «institutionalisierte Form der Begegnung und des strukturierten Austausches», wie die EKS in den Unterlagen schreibt.
Die Schweizerische Kommende des Johanniterordens hat gleich nach dem Synodenbeschluss von 2022 ein Gesuch bei der EKS eingereicht. In den beiden Nachbarländern Deutschland und Österreich gehöre der Johanniterorden bereits zur Evangelischen Kirche, schreibt er darin. Auch er will sein Verhältnis zur Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz klären. Der Johanniterorden ist nach eigenen Angaben der einzige protestantische Orden mit Wurzeln in der vorreformatorischen Zeit. Er ist vor allem für sein diakonisches Engagement bekannt. In der Schweiz zählt er rund 130 Mitglieder.
Eine Delegation des EKS-Rats hat den Johanniterorden besucht und sieht die Kriterien für eine Assoziierung als erfüllt an. Dies, obwohl der Orden nur Männern offensteht, wie der Rat schreibt. Er wolle diese Tradition respektieren, um in Zukunft auch die Aufnahme von anderen geschlechtergetrennten Orden wie beispielsweise evangelischen Diakonissen-Schwesternschaften ermöglichen. (pef)
Eigentlich sollten an der Herbstsynode der EKS die Legislaturziele des Rats im Zentrum stehen. Zehn Monate hatte er Zeit, seine Prioritäten für die Amtszeit 2023–2026 festzulegen. Dass stattdessen gewählt werden muss, war nicht vorgesehen.
Erst im Sommer des vergangenen Jahres hatten die Parlamentarierinnen drei bisherige Mitglieder und die Präsidentin Rita Famos im Amt bestätigt und drei neue Personen in die Exekutive gewählt. Doch seither kam es schon wieder zu zwei Rücktritten. Im April dieses Jahres gab Claudia Haslebacher bekannt, ihr Amt aus familiären Gründen per Ende 2023 niederzulegen (ref.ch berichtete).
Nur vier Monate später folgte ihr Lilian Bachmann, die erst seit Kurzem dabei war. Die EKS nannte in einer Mitteilung als Grund für Bachmanns Rücktritt «unterschiedliche Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung» (ref.ch berichtete). Die Frage von Christoph Zingg zum Rollenverständnis der Kandidaten dürfte sich auf diesen Rücktritt bezogen haben.
Kandidaten bekennen sich zu den Handlungsfeldern
Die Neubesetzung der beiden Sitze findet an der Synode noch vor der Präsentation der Legislaturziele statt. Für die Kandidaten bedeutet das ein Stück Ungewissheit. Worauf lassen sie sich ein? Allerdings sind die drei Handlungsfelder des EKS-Rats bereits seit längerem bekannt. Es sind «Bildung und Berufe», «Bewahrung der Schöpfung» sowie «Kommunikation». Alle drei Kandidaten haben in Interviews mit ref.ch erklärt, dass es für sie Sinn ergebe, diese Herausforderungen auf nationaler Ebene anzugehen.
Zu reden gibt an der Synode auch eine Interpellation des abtretenden Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller zum Thema Armeeseelsorge (ref.ch berichtete). Anlass dafür sind Medienberichte von ref.ch und der «Luzerner Zeitung» über alt-Nationalrätin Yvette Estermann. Sie hat während ihrer Amtszeit ein Theologiestudium in Angriff genommen und kürzlich ihren Bachelor abgeschlossen. Ab Januar 2024 steht sie als Armeeseelsorgerin im Einsatz. Müller will vom EKS-Rat wissen, wie das trotz fehlender Ordination möglich ist. (pef)
In den Unterlagen zur Synode, die im Vorfeld an alle Synodalen verschickt werden, spricht der Rat von drei Akzenten, die er in seiner Legislatur setzen will. Erstens soll die EKS in der Öffentlichkeit stärker als Kompetenzzentrum für theologisch-ethische Fragen wahrgenommen werden. Zweitens soll die EKS den Zusammenhalt der Mitgliedkirchen stärken und neue Formen kirchlichen Wirkens fördern. Und schliesslich soll die EKS die kirchliche Entwicklung mithilfe eines Monitorings besser erfassen und Konzepte für die vielfältige Nutzung von Liegenschaften entwickeln.
Das sind ambitionierte Ziele. Zwei der drei Kandidaten erhalten ab nächstem Jahr die Möglichkeit, an der Umsetzung der Akzente mitzuwirken – sofern sie sich im Rat in der richtigen Rolle wiederfinden.