Zwischen Tisch und Bank
Wenn Landwirte nicht mehr wissen, wie es weitergeht, rufen sie bei Andri Kober an. Er ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Murten (BE), Mediator und Präsident des Bäuerlichen Sorgentelefons (siehe Kasten). Auch wenn die Menschen sich bei ihm nur anonym melden und Diskretion das oberste Gebot des Sorgentelefons ist, kann Kober die Probleme der Landwirtinnen und Landwirte benennen.
Er sagt: «Das Finanzielle ist die grösste Sorge der Bauern.» Sie seien auf Direktzahlungen des Bundes angewiesen und den Preisen der Grossverteiler ausgeliefert. Unter dem Strich gelte: Je grösser ein Bauernbetrieb ist, umso grösser seien seine Überlebenschancen.
Das drückt sich auch in der Statistik aus: Die Zahl der kleinen Bauernbetriebe schmilzt seit Jahren. Heute sind knapp zwei Drittel von ihnen maximal zehn bis zwanzig Hektaren gross. Ein Drittel umfasst bis zu fünfzig Hektaren und mehr – Tendenz steigend.
Mehrheit der Kleinbauern ohne private Vorsorge
Das Bäuerliche Sorgentelefon gibt es seit 1996. Im Durchschnitt verzeichnet es pro Jahr rund 150 Anrufe. Das Sorgentelefon ist ein gemeinnütziger Verein, der von vier Organisationen getragen wird: Der Schweizerischen Reformierten Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft, der Schweizerischen Katholischen Bauernvereinigung, des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes und Agridea, der Beratungszentrale für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums.
Landwirtinnen und Landwirte, die beim Sorgentelefon anrufen, schildern ihre Probleme anonym. Ihre Gesprächspartner helfen ihnen beim Ordnen von Gedanken und Gefühlen, bei der Suche nach Lösungswegen und mit der Vermittlung von Fachstellen. (dst)
Die Kleinbauern in der Schweiz stehen also unter finanziellem Druck. Deren Vereinigung hält fest: «Über 70 Prozent der Bäuerinnen und über 55 Prozent der Bauern verfügen heute über keine 2. oder 3. Säule.» Ausserdem gehörten ihre Renteneinkommen zu den tiefsten der Schweiz. Deshalb hat die Vereinigung der Kleinbauern ihren Mitgliedern ein Ja zur Abstimmung über die 13. AHV-Rente empfohlen.
Ganz anders reagiert der Schweizerische Bauernverband: Er hat die Nein-Parole beschlossen. Der Verband befürchtet, dass die zusätzlichen Ausgaben für eine höhere Rente mit einer Kürzung im Agrarbudget des Bundes und letztlich mit tieferen Direktzahlungen einhergehen würden. Er hält fest, dass die Bauern von einer 13. Rente profitieren würden – jedoch nur vordergründig.
Auf Nachfrage erklärt der SBV: «Mit der Nein-Parole möchten wir die Zukunft der AHV sichern.» Denn deren Finanzierung ist aus Sicht des Verbandes nicht gewährleistet.
Bauernverband: Rentenzustupf wäre willkommen
Doch was sagt der SBV zur prekären Altersvorsorge vieler Landwirtinnen und Landwirte? In einem Text zur Abstimmungsvorlage heisst es: Aufgrund der unterdurchschnittlichen Einkommen sei die AHV für viele Bäuerinnen und Bauern das einzige Standbein der Altersvorsorge. Der Rentenzustupf wäre willkommen.
Der SBV konkretisiert: «Weil die Einkommen auf vielen Betrieben nicht rosig sind, wird oft zu wenig Geld in die Altersvorsorge gesteckt.» Bauern müssten als Selbstständigerwerbende selbst fürs Alter vorsorgen. Wie viele von ihnen mit der Minimalrente auskommen müssen, erhebt der SBV nicht.
Der Bauernverband scheint in einem Spannungsfeld zwischen der Politik und den eigenen Mitgliedern zu stehen. Das zeigt sich auch auf der Website der Fachzeitung «Schweizer Bauer». Bei einer Umfrage zur 13. AHV-Rente haben rund 40 Prozent mit «Nein, auf keinen Fall» gestimmt. Über 53 Prozent jedoch beantworteten die Frage nach der Notwendigkeit einer zusätzlichen Monatsrente mit «Ja, absolut».
Selbstbestimmtes Rentenalter
Die zweite Vorlage zur AHV, über die am 3. März abgestimmt wird, verlangt die schrittweise Erhöhung des Rentenalters. Der Schweizerische Bauernverband lehnt dies ab.
«Wer unter starker körperlicher Belastung arbeitet, zahlt im Alter den Tribut», argumentiert der SBV. Diese Personen könnten «nicht einfach länger arbeiten». Der SBV würde es vorziehen, wenn das Pensionsalter an die Lebensarbeitszeit gekoppelt wäre.
Auch der reformierte Pfarrer Andri Kober kann der Vorlage nicht viel abgewinnen. Einerseits spricht er am Sorgentelefon immer wieder mit Bauern, die nach Erreichen des Pensionsalters gerne weiterarbeiten möchten. Andererseits komme für jeden der Moment, in dem er den Betrieb an die nächste Generation weitergebe. «Das ist auch richtig so», sagt Kober und ergänzt: «Die Hälfte freut sich auf das Alter, zieht um ins Stöckli und betreut die Enkelkinder.» Die andere Hälfte könne nicht loslassen. Kober würde es begrüssen, wenn Landwirte selbst entscheiden könnten, wann sie in Pension gehen.