Interreligiosität
20 Millionen Schiiten pilgern durch die Wüste – mit dabei eine Schweizer Theologin
Die Stadt Nadschaf liegt mitten im Irak, südlich der Hauptstadt Bagdad und in der Nähe des Euphrat. Sie gilt als eine der sieben heiligen Städte des schiitischen Islams und derzeit ist sie für Millionen von Menschen vor allem eines: Startort ihrer Pilgerfahrt nach Kerbala zum Schrein des Imams Husain ibn Ali, der auch «König der Märtyrer» genannt wird (siehe Kasten).
Die über 20 Millionen Wallfahrenden sind mehrere Tage unterwegs. Sie wandern 85 Kilometer weit durch die Wüste, aktuell liegen die Temperaturen tagsüber bei 50 bis 60 Grad Celsius. In der Nacht sinken sie nicht unter 35 Grad. Die sogenannte Arba’in-Pilgerfahrt ist die grösste der Welt. (Den Erfahrungsbericht eines Journalisten von der Arba'in 2025 können Sie hier lesen.)
Dazu eingeladen wurde dieses Jahr die reformierte Theologin Christine Schliesser, Titularprofessorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich. Bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) ist sie für die theologische Grundlagenarbeit verantwortlich.
Wieso nimmt die reformierte Theologin teil?
Schliesser reist auf Einladung des Kerbala Zentrums für Studium und Forschung im Husain-Schrein in den Irak. In den letzten Tagen vor dem Abflug stand die Reise auf der Kippe: Die Kämpfe zwischen dem Iran und den USA hatten wieder an Intensität zugenommen.
Von alldem war noch keine Rede gewesen, als Schliesser die Einladung im Februar erhalten hatte. Zwar rät das EDA seit 2014 von Reisen in den Irak ab, aber für sie war sofort und völlig klar, dass sie nach Kerbala fahren würde. Die Theologin bezeichnet es als «einmalige Chance und eine Ehre», Arba’in besuchen zu können.
Al-Husain ibn Ali, dritter Imam der Schiiten, lebte von 626 bis 680. Seinen Ruhm begründete sein Tod in der Schlacht von Kerbala. Von daher rührt auch sein Übername «König der Märtyrer». Zum Kampf kam es, nachdem Husain ibn Ali dem frischgebackenen Kalifen Yazid den Treueeid verweigert hatte. Der Kalif wollte durch die Gefolgschaft des angesehenen Imams seine Herrschaft legitimieren. Der Imam Husain habe sich lieber mit seinen Leuten dem Kampf gegen die übermächtige Armee des Kalifen gestellt, als gegen sein Gewissen einen Schwur zu leisten.
Lange wurde der Imam für seine Standhaftigkeit verehrt. Doch im Zuge der islamischen Revolution im Iran deuteten 1973 die religiösen Führer Husains Martyrium um. Olmo Goelz vom Orientalischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau beschreibt das «Kerbala-Paradigma»: Plötzlich habe Imam Husain als Ideal gedient für einen Kämpfer, der sich für die gerechte Sache einem übermächtigen Gegner stellt und den eigenen Tod bereitwillig in Kauf nimmt. Fortan habe es als Zeichen der Männlichkeit für einen Schiiten gegolten, dem Märtyrer nachzustreben. (dst)
Ein Forschungsschwerpunkt der Titularprofessorin ist die Versöhnungs- und Friedensforschung. «In der Region sind Krieg und Gewalt seit langem sehr präsent. Welche Rolle spielt ein religiöses Event wie die Arba’in-Pilgerfahrt, die ein starkes Gemeinschaftsgefühl vermittelt zwischen den Teilnehmenden, die teilweise aus verfeindeten Ländern stammen?», sagt Schliesser im Gespräch mit ref.ch.
Persönlich freue sie sich auf die Begegnungen mit den Menschen im Rahmen der Wallfahrt. Und als reformierte Theologin erhofft sie sich, etwas für die heimische Kirche zu lernen: «Wie sieht die Frömmigkeitspraxis der Gläubigen aus, dass sie bereit sind, die Strapazen einer solchen Pilgerfahrt auf sich zu nehmen?»
Wieso ist eine reformierte Theologin eingeladen?
Dass man von irakischer Seite auf sie aufmerksam geworden ist, führt Schliesser einerseits auf ihr interreligiöses Engagement, etwa in ihrer Buchreihe «Religion Matters» zurück: «Die Bände der Reihe erscheinen open source und werden auch im globalen Süden stark rezipiert.» Andererseits hat sie als Mitbegründerin der Beratungsorganisation «Lead Integrity» internationale Kontakte zu Vertreterinnen verschiedener Religionen.
Indem die Organisatoren Gäste aus anderen Ländern und anderen Religionen einladen, würden sie mehr Aufmerksamkeit auf die Pilgerfahrt lenken wollen, meint Schliesser. Denn Arba’in steht im Schatten der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka, obwohl im Irak deutlich mehr Menschen unterwegs sind.
Weshalb finanziert der Iran eine Wallfahrt im Irak?
Doch die Pilgerfahrt von Nadschaf nach Kerbala hat auch eine politische Dimension. Eine Forschungsgruppe der Universität Teheran hat untersucht, wie viel «Soft Power» die Arba’in zugunsten des Iran beinhaltet. Sehr viel, lautet das Ergebnis. Denn: Durch den persönlichen Kontakt unter den Pilgernden würden Vorurteile abgebaut und die finanzielle Unterstützung der Arba’in durch den Iran würde positiv aufgenommen.
Dass die iranische Regierung eigene Interessen verfolgt mit der Pilgerfahrt, ist auch Schliesser aufgefallen. Die Schreine in Nadschaf und Kerbala waren 1991 zerstört worden, als der irakische Machthaber Saddam Hussein schiitische Aufstände in beiden Städten gewaltsam beendete. «Mit iranischem Geld und unter iranischer Regie wurden sie wieder aufgebaut und der Schrein in Kerbala sogar um das Vierzehnfache vergrössert», sagt sie. Nun hätten 200'000 Menschen auf dem Gelände Platz.
Die Stadt Kerbala ist für die iranische Regierung ein wichtiger symbolischer Ort. Als der getötete Ayatollah Khamenei im Juni bestattet wurde, wurde sein Leichnam zuerst nach Kerbala gebracht, danach machte er in mehreren iranischen Städten Halt. Im Vorfeld der iranischen Revolution in den 1970er-Jahren deuteten die Religionsführer die Symbolik Kerbalas und des Imams Husain um: Dessen Märtyrertod im gerechten Kampf gegen eine Übermacht galt nun als das Ideal eines jeden schiitischen Mannes.
Wie schätzt die Versöhnungsforscherin die Absichten ein?
«Erinnerungspolitik ist Machtpolitik», sagt die Versöhnungsforscherin dazu. Iran habe offenbar Interesse, seinen Einfluss im Irak auszuweiten. «Auch deshalb unterstützt die Regierung die Pilgerfahrt im Irak finanziell», sagt sie.
Die Feierlichkeiten in Kerbala erreichen diese Woche ihren Höhepunkt. Doch auf den Weg gemacht hatten sich die Pilger schon vor dem 1. August. Schliesser und die anderen Mitglieder der kleinen internationalen Besuchergruppe stossen erst in Kerbala zu dem Strom der Gläubigen, gehen einzelne Abschnitte mit und schauen sich das Geschehen am Imam Husain-Schrein an.