16 Tage gegen Gewalt an Frauen
«Kirchgemeinden können Sensibilisierungsarbeit leisten»
Frau Berisha, an welchem Punkt befindet sich die Schweiz auf dem Weg zu einer gewaltfreien Gesellschaft?
Das Bewusstsein in der Gesellschaft für geschlechtsbezogene Gewalt hat in den letzten zehn Jahren sicher zugenommen. Von einer gewaltfreien Gesellschaft sind wir aber noch weit entfernt, wie die Zahlen der Belegungen von Frauenhäusern und der polizeilichen Kriminalstatistik zeigen. Die Dunkelziffer ist ausserdem hoch. Nächstes Jahr führt das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau eine nationale Präventionskampagne durch, die Teil des nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der Istanbul Konvention ist. Wir rechnen damit, dass sich dann noch mehr Betroffene melden und Hilfe suchen. In den Kantonen fehlen jedoch jetzt schon die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen, um darauf reagieren zu können.
Inwiefern?
Mehrere Kantone verfügen beispielsweise noch über kein Frauenhaus. Die meisten haben zwar Leistungsverträge mit anderen Kantonen abgeschlossen, einige haben aber gar nichts unternommen. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen für die Frauenhäuser unterscheiden sich stark von Kanton zu Kanton. Laut einer Analyse der Konferenz der kantonale Sozialdirektorinnen mangelt es besonders an spezifischen Schutzräumen. In der ganzen Schweiz gibt es nur ein Mädchenhaus. Auch trans Personen wissen häufig nicht, wo sie sich melden können. Und schliesslich sind die meisten Unterkünfte nicht barrierefrei. Dabei sind Frauen mit Behinderung überproportional von Gewalt betroffen.
Sind die Kantone nicht am ehesten in der Lage, die Nachfrage nach Schutzplätzen einzuschätzen?
Die Frauenhäuser in der Schweiz sind seit einigen Jahren chronisch am Anschlag, sowohl was die Plätze als auch die Bedingungen für das Personal angeht. Die meisten Plätze bleiben höchstens eine Nacht frei. Der Europarat empfiehlt gestützt auf die Istanbul-Konvention ein Familienzimmer pro 10'000 Einwohnerinnen. Wenn wir in der Schweiz alle Plätze der Frauenhäuser zusammenzählen, kommen wir auf 0,24 Plätze pro 10'000 Einwohner. Das ist viel zu wenig.
Was geschieht mit gewaltbetroffenen Personen, wenn es keine freien Plätz in den Frauenhäusern mehr gibt?
Wichtig ist: Niemand wird im Stich gelassen. Die meisten Frauenhäuser verfügen über ein Notzimmer, das höchstens eine Nacht besetzt sein darf. Danach wird weitere Hilfe vermittelt. Manche Häuser führen Wartelisten oder bringen die Menschen in Hotels unter. Dort ist aber die Sicherheit nicht im gleichen Mass gewährleistet wie in einem Frauenhaus.
Sie haben die unterschiedlichen finanziellen Rahmenbedingungen in den Kantonen angesprochen. Wie sehen sie aus?
In vielen Fällen bezahlen die Kantone für die einzelnen Fälle, nicht aber für den Betrieb des Frauenhauses an sich. Eine solche Finanzierung wäre für die Planungssicherheit aber sehr wichtig. Ein Best Practice Beispiel ist das Frauenhaus in St. Gallen, das vom Kanton Geld für den Betrieb erhält – unabhängig von den Fällen.
Mit welchen Herausforderungen sind die Frauenhäuser im alltäglichen Betrieb konfrontiert?
Ein grosses Problem ist die Sichtbarkeit von psychischer Gewalt, die oft mit körperlicher Gewalt einhergeht. Die meisten Betroffenen sind traumatisiert, doch es fehlen Therapieplätze. Und die Beweisführung ist anspruchsvoll. Auch der Umgang mit Kindern bleibt herausfordernd. Sie machen die Hälfte der Personen aus, die in Frauenhäusern Schutz finden. Und schliesslich ist da noch die digitale Gewalt.
Die digitale Gewalt?
Es stehen immer mehr technische Mittel zur Verfügung, um Personen zu lokalisieren und auszuspionieren oder um Druck auf sie auszuüben. Bei Eintritt gehört es dazu, dass wir digitale Sicherheitsmassnahmen mit ihnen besprechen.
Ist die Flucht in ein Frauenhaus der Anfang vom Ende der Gewalt?
Gemäss unserem letzten Jahresbericht kehren 14 Prozent der Frauen anschliessend zu ihren Partnern zurück. Das müssen wir akzeptieren. Die Entscheidung liegt bei den gewaltbetroffenen Menschen. Sie haben ihre Gründe. Wir beraten sie und helfen beispielsweise bei der Erstellung eines Eheschutzvertrags, in dem gewisse Bedingungen festgehalten werden. Es gibt Beziehungen, die sich ändern.
Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» existiert seit 1991 und wird von Organisationen in knapp 190 Ländern und den Vereinten Nationen unterstützt. 2008 lancierte der Christliche Friedensdienst – heute Feministische Friedensorganisation (Frieda) – sie zum ersten Mal auch in der Schweiz und koordiniert sie seither.
Die Kampagne dauert jeweils vom 25. November bis am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte. Das Startdatum bezieht sich auf die Ermordung von drei Schwestern der Familie Mirabal im Jahr 1960, die sich gegen den dominikanischen Diktator Rafael Trujillo engagiert hatten. Lateinamerikanische und karibische Feministinnen erklärten den Tag in den 1980er zum Gedenktag für die Opfer von Gewalt an Frauen.
Das Ziel ist der Kampagne besteht jeweils darin, die Gesellschaft für die verschiedenen Formen von Gewalt an Frauen zu sensibilisieren und auf deren Ursachen aufmerksam zu machen. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen tun dies mit Kundgebungen, Workshops und kulturellen Angeboten in der ganzen Schweiz. Das diesjährige Motto lautet «Wege aus der Gewalt». (pef)
Manche Kirchgemeinden unterstützen Frauenhäuser mit Spenden. Mit welchen konkreten Angeboten könnten sie gewaltbetroffenen Frauen sonst noch helfen?
Einige Kirchgemeinden stellen den Frauenhäusern Räumlichkeiten zur Verfügung, beispielsweise für die Kinderbetreuung. Die ist nicht immer intern möglich, da die Mütter auch mal einen Moment der Ruhe brauchen. Das Angebot ist besonders bei schlechtem Wetter hilfreich. Ausserdem können Kirchgemeinden Sensibilisierungsarbeit leisten, indem sie Flyer mit Hilfsangeboten auslegen, Veranstaltungen organisieren oder das Thema in ihren Publikationen aufnehmen. Wichtig ist auch, dass die Institutionen nicht selbst Gewalt reproduzieren.
Welche Rolle spielen religiöse Überzeugungen bei der Ausübung von Gewalt?
Grundsätzlich setzen sich die meisten Religionsgemeinschaften heutzutage für eine gewaltfreie Gesellschaft sein. Gleichzeitig sind sie ein Spiegel der Gesellschaft. Ich gehe deshalb davon aus, dass in Gottesdiensten auch gewaltausübende Personen sitzen. Ich halte es zudem für wichtig, über die weit verbreiteten patriarchalen Strukturen und Geschlechterrollen in den Religionsgemeinschaften zu sprechen. Konservative Familienbilder fördern starre Geschlechterrollen und gewisse Formen von Gewalt.
Sie waren vor Ihrer Arbeit bei der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein selbst fünf Jahre in verschiedenen Frauenhäusern tätig. Wie sind Sie mit dem Erlebten umgegangen?
Die Arbeit war nicht einfach, aber ich habe sie aus Überzeugung gemacht. Die Angestellten werden begleitet und es gibt Supervisionen. Gleichzeitig ist der Job sehr konkret und sinnstiftend. Man kann unmittelbare Hilfe leisten.
Sie sind nicht alleine. Zahlreiche Anlaufstellen helfen Ihnen weiter – kostenlos und vertraulich. Auf der Website der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» gibt es eine Übersicht aller Angebote. (pef)