Zeitgenössische Ikonen zwischen Kunst, Kult und Kitsch

13 Kunstschaffende setzen sich in der Berner Heiliggeistkirche mit Sakralkunst und säkularen Sehgewohnheiten auseinander. Die Ausstellung «Ikonen 2» verwandelt das reformierte Gotteshaus in einen Showroom für moderne Ikonografien.

Der Haarstylist Pino Zinna lässt zwei Models als Maria und Jesus posieren. Ist das nun ein Modefoto oder ein Heiligenbild? (Bild: zVg/Annelise Willen)

Nach dem Lärm und der Hektik des Bahnhofplatzes müssen sich die Sinne erst an die gedämpfte Atmosphäre im kühlen Kirchenraum gewöhnen. Doch dann fällt der Blick auf farbenprächtige Ikonenbilder im westlichen Flügel des Eingangsbereichs. Ein eher unerwarteter Anblick in einer reformierten Kirche. Aber in der Offenen Kirche Heiliggeist ist das Überraschende schon fast Programm. Neben Gottesdiensten finden hier auch regelmässig Kurzfilmabende, avantgardistische Konzerte oder Poetry Slams statt.

Ab heute Freitag wird der reformierte Kirchenraum nun zum Showroom für traditionelle und zeitgenössische Ikonen. 13 Kunstschaffende haben sich an der Ausstellung «Ikonen 2» beteiligt. Der Rundgang durch das Kirchenschiff beginnt mit den zehn Ikonen, die der rumänische Sakralkünstler Petru Tulei eigens für die Ausstellung gemalt hat. Die Holzbilder sind in der traditionellen, byzantinischen Technik hergestellt. Tulei orientiert sich in seiner Kunst am Stil berühmter Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Neben Jesus Christus sind auch der Heilige Georg oder Erzengel Michael auf den Kultbildern zu erkennen.

Selfies als zeitgenössische Ikonografien

Tuleis Heiligenbilder sind die einzigen in der Ausstellung, die sich an die formale Strenge und klare Motivwahl der klassischen Ikonenmalerei halten. «Alle anderen Kunstschaffenden haben sich dem Thema Ikone frei angenähert», erklärt Stefan Maurer. Der Berner Fotograf und Kunstvermittler hat die Ausstellung kuratiert. Ziel sei gewesen, diese sakrale Kunstform in einen zeitgenössischen Kontext zu transferieren: «Wichtig ist mir, eine ausgewogene Mischung aus Kunst, die sich leicht erschliesst, und eher avantgardistischen Werken zu zeigen.»

Eher zugänglich ist die Bildreihe der Illustratorin Rahel Steiner. Ihr unbenanntes Werk setzt Ikonen mit der heutigen Selfiekultur in Verbindung und hält den Besuchenden den Spiegel vor. Ist die Bilderflut der hilflose Versuch, sich vor der Flüchtigkeit des Lebens zu retten, sich selbst ein Image zu geben, und damit ein Denkmal zu setzen?

Etwas mehr Interpretation erfordert hingegen eine Installation mit Hundeskelett. Es sind die sterblichen Überreste des ertrunkenen Hundes der Künstlerin Lilith Becker. Seine mit Draht zusammengefügten Gebeine werden von einem sich drehenden Schallplattenspieler fast unmerklich bewegt. Das Tier ist als Skelett gegenwärtig und doch ist es seiner Besitzerin in das Reich des Todes vorausgegangen. Aus dem geliebten Tier ist so etwas wie ein persönliches Memento mori geworden.

Heiliger Schoss oder anstössige Brüste

Auch Pikant-Humorvolles fehlt im Rundgang nicht. Die Installation «An welche Brust sich wenden»/ «A quel Sein se vouer?» des französischen Künstlers Gildas Coudrais spielt mit den auf Französisch gleichklingenden Worten «sein» (Brust) und «saint» (Heiliger). Glasgeblasene, rosige Brüste in ovalen Rahmen stellen eher unkonventionelle Heiligenbilder dar: «Im Vorfeld fragten mich einige, ob es möglich sei, nackte Brüste in einer Kirche zu zeigen», erinnert sich Maurer und lacht. «Dabei gibt es zahlreiche traditionelle Darstellungen von Maria mit entblösster Brust.» Coudrais Brustinstallationen sind irgendwo zwischen Kunst und Kitsch angesiedelt.

 

  • Petru Tulei ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Ikonenmalerei. Er legt Wert auf Schattierung und Lichtmenge, um den Figuren möglichst viel Ausdruck zu verleihen. Seine Bilder bilden den Auftakt des Rundgangs. (Bild: zVg/Offene Kirche)

 

Voodoo im Gotteshaus

Etwas schauerlich geht es hingegen auf der Empore zu und her. «Vodoo Altar» zeigt die Überreste einer Einweihungsperformance, mit der zwei Doppelporträts spirituell aufgeladen wurden. Die Bilder des Genfer Künstlers Jonathan Delachaux zeigen Erzulie – ein weibliches, an Maria erinnerndes Geistwesen aus dem haitianischen Voodoo, und ihr erschrecktes Kind. Zahllose halbleere Spirituosenflaschen, vergilbte Rosen, Münzen, rituelle Gegenstände und Papierfetzen mit seltsamen Zeichnungen und Symbolen, die sich vor den Bildern aufhäufen, sind Zeugen eines Rituals, das stattgefunden haben muss. «Die Voodoo-Priester meinten zu mir, wer Erzulies Altar ein Münze opfere, könne sich etwas wünschen», schmunzelt Stefan Maurer.

Die Ausstellung zeigt schliesslich auch eine Bildserie von Maurer selbst. Seine Fotoreihe «Torsos» zeigt drei verfremdete Oberkörper des Künstlers selbst, die je auf die Sphäre des Leibes, der Seele und des Geistes verweisen. Für Maurer gibt es keine Transzendenz ohne Immanenz und umgekehrt: «Die Transzendenz zeigt sich in der Immanenz und bleibt doch entzogen. Es bleibt eine Suchbewegung», versucht Maurer das Unsagbare und seine Faszination dafür in Worte zu fassen.

Eine Art Suchbewegung vollzieht auch die Ausstellung. Sie vermittelt zwischen Kunst und Kirche, Kult und Kitsch, zwischen sakraler Bildsprache und säkularen Sehgewohnheiten. Für Maurer ist die Offene Kirche dafür der ideale Ort: «Kirchenferne kunstaffine Menschen kommen so in die Kirche – umgekehrt kommen Menschen, die sonst nie eine Galerie oder ein Museum besuchen, hier mit Kunst in Kontakt.»

Bildersturm und Bilderflut

Hinter der Idee, die Heiliggeistkirche zum Schauplatz zeitgenössischer Ikonen zu machen, stehen Irene Neubauer und Antonio Albanello vom Projektteam der Offenen Kirche. «Ikonen 2» versteht sich als unkonventioneller Beitrag der Kirche Heiliggeist zum Reformationsjahr: «Die Reformation steht unter anderem für den Bildersturm. Heute leben wir in einer Zeit der Bilderflut, und das Wort Ikone wird inflationär verwendet», erklärt Irene Neubauer. Da sei etwa die Rede von «Stilikonen», von «Popikonen» oder auch das Bild des toten syrischen Jungen am türkischen Strand sei bald als «ikonisch» bezeichnet worden. Die klassische Ikone diente der Besinnung, man habe sich Zeit genommen, um sie zu betrachten und die Sinne zu fokussieren. Heute dienten Bilder oftmals der Zerstreuung, meint Neubauer: «Angesichts dieser Bildüberreizung fragten wir uns, ob und wie uns Ikonen heute noch helfen können, uns zu besinnen und zu glauben.»

Diese Frage muss jeder und jede Besucherin für sich selbst beantworten. Der Rundgang in der Heiliggeistkirche ist ein guter Einstieg, um sich mit den eigenen Sehgewohnheiten auseinanderzusetzen.

 

Mit diesem Text endet die bisherige Zusammenarbeit im Rahmen der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch». Auch in Zukunft wird «ref.ch» mit seinen reformierten Partnern einen Austausch von Artikeln in loser Folge betreiben.